• Sternen Ruggell
    Das Gasthaus zum Sternen war im 19. und 20. Jahrhundert ein kultureller Treffpunkt in Ruggell.

Aufstieg und Ende des Ruggeller «Sternen»

Das Gasthaus zum Sternen war über Jahrzehnte hinweg kultureller Treffpunkt der Ruggeller Bürger. Zeitzeuge Walter Eberle erinnert sich.

Das Gasthaus zum Sternen war am Ende nur noch ein Relikt vergangener Tage, eine Erinnerung an einen Ort, wo sich einst Familien und Paare noch an einem Sonntagnachmittag zum Tanz verabredeten, die Bauern nach den Strapazen der Feldarbeit ein «Schnappsbuddeli» zur Aufmunterung erwartete oder sogar Theateraufführungen stattfanden, die die Ruggeller ihre Alltagsnöte vergessen liessen. 

2016 wurde in Ruggell das Gasthaus abgerissen und damit ein Schlussstrich unter eine Ära gezogen. Über hundert Jahre lang war der «Sternen» eine kulturelle Begegnungsstätte. Der Historische Verein für das Fürstentum Liechtenstein geht davon aus, dass der Wirtshausbetrieb im Sternen sogar bis in die 1870er-Jahre zurückreichte. Ein exaktes Datum lässt sich nicht mit Sicherheit benennen. Klar ist jedoch, dass bereits im 19. Jahrhundert die damaligen «Sternen»-Wirte regelmässig Tanzveranstaltungen organisierten, dabei aber stets auf das Wohlwollen der Kirche angewiesen waren. Jede Durchführung von Tanzveranstaltungen setzte damals eine Bewilligung durch die Pfarrherren voraus, die Tanzveranstaltungen grundsätzlich skeptisch beäugten. Tanzen galt aus ihrer Sicht als «unsittliche Annäherung» an das andere Geschlecht. 

Walter Eberle Ruggell 190828

Walter Eberle verbrachte seine gesamte Kindheit im «Sternen» und erinnert sich gerne an diese Zeit zurück

Gläubige wurden nüchtern zum Gottesdienst erwartet
Vor allem untersagten die Kirchenoberen auch alle Tanztreffen am Samstagabend: Der Pfarrer erwartete die Gläubigen nüchtern zum Sonntagsgottesdienst und patrouillierte mitunter am Vorabend vor dem Gasthaus, ob seine Anweisungen auch befolgt wurden. So traf man sich denn notgedrungen an Sonntagen, und zwar immer um zwei oder drei Uhr nachmittags. 

Walter Eberle ist heute 89 Jahre alt und der Sohn des ehemaligen Gastwirts Vinzenz Eberle, der den «Sternen» am 11. Januar 1931 übernahm. Eberle verbrachte im Gasthaus seine gesamte Kindheit und erinnert sich noch gut an die vergangenen Zeiten: «Getanzt wurde im Sternen früher oft und leidenschaftlich. Nach dem sonntäglichen Gottesdienst fanden sich die Ruggeller selbstverständlich am Nachmittag zum Tanzen ein», sagt Eberle.  Besonders viele Veranstaltungen habe es immer während der Fasnacht, Ostern, der herbstlichen «Kilbi» oder zum Jahresausklang an Silvester gegeben. Seine Mutter habe dann oft einen riesigen Topf voller Kutteln für die Gäste zubereitet, die das zu schätzen wussten. Der Vater habe den Ausschank im «Sternen» neben der hauseigenen «Buurnerei» und Sennerei betrieben. Das habe viel Arbeit bedeutet, erinnert sich Eberle. 

Schweizer und Vorarlberger feierten im «Sternen» mit
Die Ruggeller Lustbarkeiten sprachen sich damals im gesamten Grenzgebiet herum: Die einstigen «Sternen»-Wirte sollen auch gute Verbindungen zum Fährmann gepflegt haben, wurden doch sogar Tanzlustige aus dem benachbarten Schweizer Rheintal erwartet, denen man gewährleisten musste, dass sie ihren Heimweg bis zwölf Uhr nachts antreten können. «Die ersten Auswärtigen, die das Gasthaus aufsuchten, waren die Schweizer. Später kamen vor allem auch Nofler oder Gisinger. Es herrschte eine tolle Atmosphäre, die Nachbarn, die mehrheitlich mit den Rädern nach Ruggell fuhren, wurden immer herzlich begrüsst. Keine Spur von Feindseligkeiten», so Eberle. Und selbst die Parteien FBP und VU seien nach dem sonntäglichen Kirchgang einträchtig an einem Tisch gesessen und hätten miteinander diskutiert – manchmal bis spät in die Nacht. Der Dorfpolizist Alban Heeb sei damals oft erschienen und habe ab 11 Uhr zur Ruhe gemahnt und die Gäste nach Hause geschickt. Kaum sei Heeb nach Hause gegangen, seien dann auch die Gäste prompt wieder zurückgekehrt, erzählt Walter Eberle mit einem Schmunzeln. 

1904 wurde beim «Sternen» zusätzlich ein Saal erbaut, in dem bis zur Eröffnung des Schulsaales 1939 die Vereinsanlässe der Gemeinde Ruggell stattfanden. Vornehmlich der Musik- und Gesangsverein nutzte damals den «Sternen»-Saal für die Durchführung von Konzerten. Aber selbst Musikgruppen aus der weiteren Umgebung spielten im Sternen auf: Die «Bregenzerwälder Dorfmusikanten» oder das «Rheintalsextett» sorgten für Stimmung. Die Theateraufführungen, die ab 1920 im Sternen stattfanden, waren in der Regel immer zum Bersten voll. Um die hauptsächlich vom Kirchenchor aufgeführten Komödien zu sehen, reisten Besucher aus der Ostschweiz nach Ruggell. Im Anschluss an jede Aufführung wurde dann selbstverständlich wieder getanzt. 

Von der «Rebl-Ballade» und anderen Gedichten
«Es musste aber gar nicht immer derart hoch zu- und hergehen. Auch an gewöhnlichen Tagen pflegten die Gasthausbe-sucher die Geselligkeit und trugen des Öfteren selbstverfasste Gedichte vor, die dann für allgemeine Erheiterung sorgten», so Eberle. Er geht ins Wohnzimmer und kehrt mit einem Ordner zurück, worin er einige dieser Ad-hoc-Gedichte abgelegt hat. Dann trägt er eines mit dem Titel «Rebl-Ballade» vor: «Rebl häm’mer geschtert g’ha und Rebl hem’mer höt./ Rebl häm’r alli Täg, soviel du essa wet./ Rebl gits johr-i, johr-us, für Gross und o für Kly./ Rebl gits i jedem Hus a dem schöna Rhy.»

Sternen Ruggell

2016 war endgültig Schluss und das sanierungsbedürftige Gebäude wurde abgerissen.

Wirtsbetrieb wurde 1989 endgültig eingestellt
Im «Sternen» befand sich zudem eine hauseigene Mosterei, eine Brennerei und ein Gemischtwarenladen. Der Wirtsbetrieb wurde erst im Jahr 1989 endgültig eingestellt. Aufgrund verschiedener Umbauten und der Neugestaltung der Noflerstrasse im Jahr 1976, bei dem der vordere Teil des Gasthofes abgerissen wurde, eignete sich das Gebäude am Ende auch nicht mehr für den Denkmalschutz. Die Ruggeller Gemeinde war der Ansicht, dass das Gebäude, so wie es sich 2016 präsentierte, nicht mehr vermietet werden konnte. Es  hätten zuerst umfangreiche Umbauarbeiten ausgeführt werden müssen. Der Gemeinderat beschloss folglich am 8. November 2016, das Gebäude abzureissen. Die gesamte Fläche wurde anschliessend humusiert. Heute befindet sich nur noch eine Wiese dort. In Zukunft stehe das Grundstück womöglich einmal einem wichtigen Projekt aus «VisioRuggell» zur Verfügung. (rpm)

29. Aug 2019 / 11:27
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