Arno Oehri spricht über Ruggell als Schauplatz seines Films

Sie sind in Ruggell aufgewachsen, verbrachten aber auch einige Zeit im Ausland. Ihr Blick ging also über die Landesgrenzen hinaus. Wie verbunden fühlen Sie sich mit Ruggell?
Arno Oehri: Wenn man mich fragt, woher ich komme und ich mit «Ruggell» antworte, füge ich immer an: «Ich bin ein Aborigine», also ein Eingeb­orener. Die Verbindung ist sehr tief. Ich bin hier aufgewachsen und erlebte meine prägendste Zeit hier. Natürlich prägt dann auch der Kontrast zu Liechtenstein sehr, den ich bei meinen Auslandserfahrungen erlebte. Beispielsweise war ich über ein Jahr in Lateinamerika und habe auch knapp zwei Jahre in New York gelebt. 

Was bedeutet Ihnen Ruggell?
Das ist sehr, sehr vielschichtig. Ich stamme mütterlicher- und väterlicherseits von Ruggellern ab. Dadurch, dass ich hier so verwurzelt bin, ist der Heimatbegriff die erste Antwort, die mir in den Sinn kommt. Für mich und meine Familie ist es aber auch ein wunderschöner Lebensraum. Als junger Mann konzentrierte ich mich jedoch auf das Geschehen jenseits der Landesgrenzen. Ich wuchs in den 1960er-Jahren auf. Damals war Liechtenstein noch sehr eng. Der stark ausgeprägte Katholizismus war überall zu spüren. Davon musste ich mich lernen zu befreien. Auch künstlerisch war in dieser Zeit noch nicht viel los. Ich rechnete damit, in Zukunft anderswo mein Leben zu führen. Für Jahrzehnte war für mich die Vorstellung unmög­lich, hier zu bauen. Heutzutage ist für mich Ruggell ein fantastisches Basislager. Meine Orientierung in die Welt hinaus ist natürlich immer noch existent, doch wächst die Welt auch zusammen.

Was führte Sie wieder ­zurück ins Land?
Ich stellte fest, dass meine künstlerische Arbeit mehr und mehr in eine Richtung ging, in der ich vermehrt auf äus­sere Ressourcen angewiesen war, beziehungsweise, dass ich mehr Projekte machte, die sich nicht einfach wie ein Bild verkaufen liessen. Wenn man mit multimedialen Geschichten beginnt, braucht man Finanzen, die man vor dem Projektbeginn auftreiben muss. Das war ein Grund, wieso ich von New York wegging und zurückkam. Es gab aber noch einen oberflächlicheren Grund: New York ist schlicht zu teuer. Dort merkte ich auch, dass ich für das Kre­ieren von Kunst einen Rückzugsort brauche, den man in New York nur schwer findet. Ich sah, dass die Situation längerfristig nicht aufrechtzuerhalten war. Dies war der eine Grund, den anderen könnte man mit «Heimvorteil» übertiteln. Ich habe es hier als Selbstständiger leichter. Ich bin ja gelernter Grafiker. Neben der künstlerischen Arbeit konnte ich damals mit meinem Brotberuf zusätzlich Geld verdienen. 

Wenn Sie sich als Aborigine bezeichnen, sehen Sie sich auch als Lokalpatrioten?
Der Begriff Lokalpatriot funktioniert in unserer Generation nicht so gut, denn solche Begriffe sind stark behaftet. Man landet schnell im Ruch des Heimattümmelnden, und damit kann ich mich überhaupt nicht identifizieren. Ich wohnte für drei Jahre in Balzers, weil ich das Spektrum ausschöpfen wollte, das wir unserem Land haben; quasi «vom extremen Norden in den extremen Süden». In Balzers waren mir die Berge zu nahe. Ich sehnte mich in die Weite des Ruggeller Riets zurück. Es ist ein Riesenglück, dass ich hier in Ruggell wohnen darf. Ich kann zur Haustüre raus und bin im Riet. Das Tal öffnet sich Richtung Bodensee. Das ist mir sehr wichtig. Ich kam bewusst nach Ruggell – wenn schon Liechtenstein, dann Ruggell. 

Das Ruggeller Riet ist sehr präsent im Film. Ist es mehr als nur Zufall?
Nichts ist Zufall. Wenn ich spazieren gehe, kann ich, wenn ich will, konzentriert nachdenken. Aber der Ort ist auch hervorragend, um einfach loszulassen. In diesem Fall ist es wie bei einer Gehmeditation. Man lässt es einfach fliessen. Der Hauptdarsteller geht durch das Riet, die Erinnerungen kommen in den Fluss und dabei entsteht eine Selbstreflexion, die natürlich einen sehr psychologischen Aspekt hat. In dieser tieferen Ebene ist der autobiografische Anteil grösser als in der eigentlichen Geschichte. 

Der Ruggeller Kirchenchor kommt auch vor. Was war die Überlegung dahinter?
Ich mag alte kirchliche Musik sehr gerne, obwohl ich mit der Institution Kirche nichts mehr am Hut habe. Ich würde an und für sich gerne in so einem Chor singen, wenn ich regelmässiger hier wäre. Dabei wäre es meine Vorliebe, ganz alte Literatur zu singen. Der Kirchenchor singt ja alles Mögliche. Mein Gross­va­ter und auch mein Vater waren im Kirchenchor. Es hat etwas von einer Hommage. Ich wollte den Neurologen, der rationalistisch veranlagt ist und durch das Erinnern im Riet auf eine spirituelle Schiene gelangt, so in diesem Kontext darstel­len. Es hat aber auch eine zweite Funktion: Der Film kommt ja mit wenig Personal aus. Der Chor ergab eine gute Gelegenheit, dem Film einen Kontext zu geben, der ein anderes Leben ausserhalb der beiden Hauptpersonen zeigt, und eine gute Gelegenheit, in knappen Einstellungen andere, ganz normale Menschen einzubringen.

Wie waren die Reaktionen der Ruggeller?
Das Spezielle ist, dass deine Umwelt normalerweise nicht in einem Spielfilm vorkommt. Das ist etwas ganz Aussergewöhnliches. Es entsteht eine Art kleiner Moiré-Effekt, der bizarr ist. Auf der einen Seite ist hier eine projizierte Geschichte, auf der anderen Seite siehst du Orte, die mit deinem Alltag verknüpft sind. Aber diesbezüglich habe ich weniger Feedback bekommen. Das ist eher eine Annahme. In meiner Familie sagten sie schon, es sei ganz seltsam, die Räume meines Hauses im Film zu sehen. Alle Drehorte mussten ja unmittelbar zu­gänglich sein, weil die Ressourcen nicht da waren, um Sets zu bauen oder Räumlichkeiten zu mieten. Was die Leute lustig finden, ist der seltsame Weg, den die Protagonisten nehmen, um zum Elternhaus von Morius zu fahren. Für den Film nimmst du eine Route, die zwei, drei attraktive Bilder zeigt. Es ist natürlich bizarr, wenn man über Schellenberg, Eschen und Mauren fährt, um nach Nendeln zu gelangen. 

Was waren die Überlegungen hinter der Verwendung des Küefer-Martis-Huus?
Das Haus ist eine wichtige Einrichtung für Ruggell. Beim ersten Drehbuch war noch der ­Gasometer die Galerie der Mascha. Ich merkte, das wird or­ganisatorisch schon zu kompliziert. Ich brauche etwas, das unmittelbar in der Nähe ist. Dann war es ein schöner Zufall, dass zur Drehzeit die Triennale der Visarte eingerichtet wurde. Einige Szenen, die im Küefer-Martis-Huus spielen, wurden herausgeschnitten, da ich zu viel Material hatte, in dem es um Kunst und Kunstverständ­nis geht. «Kill your babies», heisst es beim Schneidprozess. Man muss manche Szenen, auch wenn man sie gerne mag, unter Umständen zugunsten des Flusses der Geschichte opfern. 

Wäre Ihr Film nicht in Ruggell gedreht worden, wäre er ein anderer Film geworden?
Auf jeden Fall, ja. Der Film ist nicht nur den Schauspielern, sondern auch den Orten, in denen er stattfindet, auf den Leib geschrieben.  

28. Aug 2019 / 09:47
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