• Staatsbürgerschaft Volksgerichtshof
    Der Plankner Bürger Enrico Bardyguine entging vor dem Berliner Volksgericht knapp dem Tod.  (Picasa)

Vermeintlicher Spion aus Planken entging knapp dem Tod

Am 3. August 1944 entging der Plankner Bürger Enrico Bardyguine vor dem Berliner Volksgerichtshof knapp dem Tod. Dass der wegen Spionage Angeklagte nicht wie viele andere hingerichtet wurde, verdankte er seiner Staatsbürgerschaft.

Wie der Historiker Peter Geiger herausgearbeitet hat, waren auch Liechtensteinerinnen und Liechtensteiner während des Zweiten Weltkrieges in Spionagetätigkeiten für verschiedene Kriegsparteien verwickelt. Ob der zeitweilige Plankner Bürger Enrico Bardyguine diesen zuzurechnen ist, konnte bislang nicht geklärt werden. Fest steht, dass er von der Gestapo für einen solchen gehalten und in Folge dessen im Juli 1944 vor dem Berliner Volksgerichtshof wegen «Landesverrat» angeklagt wurde.

Glück im Unglück: Neutralität rettet Leben

Wie für andere wegen «Landesverrat» Angeklagte beantragte die Anklage Todesstrafe für den damals 24-jährigen Enrico. Ungleich anderen Angeklagten hatte Bardyguines Pflichtverteidiger Schulz aber das letztlich lebensrettende As im Ärmel: Mit Verweis auf Enricos Bürgerschaft eines neutralen Staates, der Liechtenstein damals war, bat Schulz um Strafmilderung. Dem Antrag wurde stattgegeben. Für den jungen Mann hiess das jedoch keineswegs Freiheit: Bardyguine entging zwar dem Strang, der Tausende mit ihm Angeklagte das Leben kostete, doch landete er auch als Liechtensteiner im nazideutschen Zuchthaus.

Vom Zuchthaus zum «Himmelfahrtskommando»

Nachdem sich das «Tausendjährige» Reich 1944 im elften Jahr seines Bestehens immer klarer Richtung baldigem Untergang bewegte, lagen auch in Süddeutschland viele Städte in Schutt und Asche. Blindgänger, die bei den immer heftigeren Bombardements keine Seltenheit waren, mussten von sogenannten «Himmelfahrtskommandos» entschärft oder gesprengt werden. Nach einem Monat im Gefängnis wurde auch Bardyguine einem solchen zugeteilt und entschärfte neben Straubing, wo er einsass, auch in München und Regensburg Blindgänger.

Rückkehr in die «Heimat», die keine mehr sein wollte

Ende April wurde die Haftanstalt Straubing evakuiert. Auf einem «Hungermarsch» zogen tausende Häftlinge von Wachmännern begleitet inmitten der Wirren der letzten Kriegstage Richtung Dachau. Am ersten Mai fand er ein Ende: Amerikanische Truppen überholen den Zug und befreien auch Bardyguines Kolonne aus der Obhut der Nazischergen.  Noch am Tag der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 übertritt Bardyguine mit einer Rot-Kreuz-Autokolonne beim Bodensee die Schweizer Grenze. Am 10. Mai ist er zurück in Liechtenstein und zieht wieder nach Planken, das durch seinen 1922 eingebürgerten Vater auch sein Bürgerort war. Die Anschuldigung eines vermeintlichen Vaduzer Freundes, wegen dessen Verrat Bardyguine glaubte, von der Gestapo für einen alliierten Spion gehalten zu werden, bringt ihn vor den Plankner Vermittler. Wer ihn denunziert hatte, konnte letztlich nicht abschliessend geklärt werden. In einer Zeit, in der Sozialfürsorge noch Gemeindeangelegenheit war, hatte auch Planken in Not-lagen für seine Bürger aufkommen müssen. Entsprechend kritisch wurde auf Gemeindebürgerinnen und -Bürger ohne regelmässiges Einkommen geäugt. Bardyguine, der sich mit verschiedenen Jobs in Liechtenstein und Feldkirch durchzuschlagen versuchte, war einer davon. Hinzu kam wohl, dass er nicht in Liechtenstein aufgewachsen war.

Enrico war nach der Heirat des russischen Emigranten Fedor Bardyguine mit seiner leiblichen Mutter Rina Marucelli in Italien im Alter von 10 Jahren adoptiert und dadurch Plankner und Liechtensteiner Bürger geworden. Diese Grundlage seiner Staats- und Gemeindebürgerschaft wurde nun angezweifelt. 1947 entschied die Regierung, sie ihm abzuerkennen. Neben formalen Gründen dürften Schulden und Mittellosigkeit eine nicht zu unterschätzende Rolle gespielt haben. So war ihm die Staatsbürgerschaft, die ihm das Leben gerettet hatte, zwei Jahre nach Kriegsende wieder entzogen worden. Die Spur des Staatenlosen verlor sich in der Folge im Ausland. (tb)

07. Jun 2019 / 10:19
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