• Norbert Gantner in Planken
    Als Rettungschef bei der Bergrettung und Rettungsspezialist bei der Rega hat Norbert Gantner in seiner Freizeit alle Hände voll zu tun. Doch das ist kein Problem, denn das Ehrenamt ist gleichzeitig seine grosse Leidenschaft.  (Daniel Schwendener)

Die Bergrettung ist seine zweite Familie

Schon als Kind nahm der Bergsport im Leben Norbert Gantners eine wichtige Rolle ein und hat ihn bis heute nicht losgelassen: Der Plankner ist seit über 20 Jahren bei der Bergrettung – ein zeitintensives und nicht ungefährliches Hobby, dem er mit Herzblut nachgeht.
Ehrenamt. 

Immer darauf gefasst, dass das Telefon klingelt oder sich der Pager meldet, hat Norbert Gantner auch beim Treffen mit dem «Vaterland» seinen Rucksack auf dem Rücksitz des Autos griffbereit. Darin finden sich Klettergurt und -helm sowie die rot-schwarze Funktionsjacke, die mit dem Logo der Bergrettung, seinem Namen und Leuchtstreifen ausgestattet ist – damit ihn im Notfall jeder gleich zuordnen kann. Beim Gespräch trägt er eine graue Arbeitshose, mit Taschen an den Seiten für das Werkzeug, und ein mintfarbenes Sportjäckchen. Seine Kleidung betont die sportliche und grossgewachsene Statur. Er sieht so aus, wie man sich jemanden vorstellt, der sich leichtfüssig und gekonnt im steilen Gelände bewegen kann. Norbert Gantner wurde vor 42 Jahren in Planken geboren und hat seinen Heimatort nie verlassen – dafür liebt er die Berge und die kleinste Gemeinde Liechtensteins zu innig.
Obwohl stets für den Einsatz bereit, ist das Amt als Rettungs­chef bei der Bergrettung nicht sein Haupttätigkeitsfeld. Auch bei der Frage, ob es denn die Funktion als Rettungsspezialist bei der Rega sei, verneint er mit einem kurzen Kopfschütteln und meint: «Ich mache das in meiner Freizeit. Es ist mein Hobby.» Eines, das viel Zeit in Anspruch nimmt und von ihm verlangt, seine Arbeit als selbstständiger Schreiner so manches Mal in den Hintergrund zu stellen und alles stehen und liegen zu lassen, wenn das Ehrenamt ruft. Denn Notfälle dulden keinen Aufschub.
Während des Gesprächs im Lova Center klingelt einmal sein Telefon. Auf der anderen Seite der Leitung ist aber weder die Landespolizei, die die Bergrettung aufbietet, noch die Rega, die ihn ansonsten innert zehn Minuten beim Medienhaus abgeholt hätte. «Nur eine Journalistin, die Informationen über das Höhenfeuer, das von der Bergrettung organisiert wird, braucht», erklärt er, vom kurzen Unterbruch kein bisschen irritiert – das Gespräch kann fortgesetzt werden.

Bergrettung verbindet Ehrenamt und Leidenschaft
An die ständige Erreichbarkeit hat sich der Plankner längst schon gewöhnt. Seit 1998 ist er Mitglied bei der Bergrettung und seit sechs Jahren deren Rettungschef. Er ist die zentrale Ansprechperson für die Landespolizei wie auch für das Amt für Bevölkerungsschutz. Diese Funktion zu übernehmen, habe sich eben so ergeben. «Es braucht jemanden mit Flexibilität und der beruflich nicht ständig unterwegs ist», sagt er. Doch da steckt noch mehr dahinter. Etwas, das von der ersten Sekunde an unausgesprochen mitschwingt, wenn er über das Thema spricht: die Leidenschaft und das Herzblut.
Wer im Privatleben nicht zurückstecken könnte, würde das Amt ziemlich schnell wieder an den Nagel hängen. Nicht aber Norbert Gantner. Für ihn war die Mitgliedschaft in der Bergrettung nie ein Muss, sondern die Chance, sich von einer Gesellschaft loszusagen, die für das eigene Tun ständig eine Gegenleistung verlangt. «Die Ehrenamtlichkeit geht immer mehr verloren. Meinen Kindern möchte ich ein Vorbild sein.» Die Bereitschaft wäre aber auch dann nicht so gross, wenn er das, was er tut, nicht lieben würde. Im Hause Gantner war Bergsport schon immer ein Thema. «Als Kind begleitete ich meinen Vater in die Berge, wenn er auf der Jagd war. Und mein älterer Bruder Heinrich war schon vor mir in der Bergrettung.» So ist ihm Norbert Gantner mit 20 Jahren gefolgt und begegnete dort nur zwei Jahre später seiner grossen Liebe Nicole.

Belastende Situationen mit der Familie verarbeiten
Die Begeisterung für den Bergsport ist mittlerweile auf die nächste Generation der Familie Gantner übergeschwappt. Denn wenn Papa von der Rega zu Hause abgeholt wird, finden es die beiden Kinder von Nicole und Norbert Gantner «ziemlich cool». Sobald er vom Einsatz zurückgekehrt ist, durchlöchern sie ihn mit Fragen. «Sie wollen alles wissen. Ich erzähle ihnen auch von tragischen Ereignissen wie Todbergungen. Zum Glück sind sie aber noch in einem Alter, in dem sie nicht genau begreifen, was das bedeutet – in ein paar Jahren wird das Thema bestimmt anders zur Sprache kommen», sagt der Bergretter. Plötzlich trübt sich seine Miene für einen kurzen Moment. Eine kurze Pause entsteht. Dann erklärt er, dass es ihm manchmal durchaus schwerfalle, solche Erlebnisse zu verarbeiten – gerade wenn Personen verunglückt sind, denen er nahesteht oder deren Umfeld er kennt. «In solchen Situationen ist meine Frau eine grosse Stütze. Da sie selbst in der Bergrettung ist, kennt sie das und kann mir zudem mit ihrem ärztlichen Fachwissen beistehen.»

Während des Verarbeitungsprozesses ist es für den Plankner auch eine Hilfe, mit seinen Vereinskollegen das Gespräch zu suchen. Sie seien wie eine zweite Familie für ihn. Man verbringt viel Zeit miteinander und an Einsätzen muss sich das Team blind vertrauen können. «Deshalb ist es enorm wichtig, dass wir uns kennen. Nicht jeder ist für jeden Einsatz geeignet – das muss man bei der Planung berücksichtigen», sagt der Rettungschef. Und umso näher man sich steht, umso grösser ist die Sorge um die Vereinskollegen, wenn es einmal heikel wird. So ist es für Norbert Gantner auch eine extreme Geduldsprobe, wenn er derjenige ist, der in der Einsatzzentrale sitzt, während seine Kollegen bei schlechten Witterungsverhältnissen draussen sind. «Ich habe zwar die Verantwortung für den Einsatz, kann aber nichts tun, ausser in der Einsatzzentrale sitzen, weitere Abklärungen treffen und warten, bis sie zurück sind.» Obwohl es das eine oder andere Mal brenzlig war, ist im Einsatz zum Glück noch nie etwas Schlimmeres passiert.

Nicht zu vergessen sind aber jene Momente, in denen es den Bergrettern gelingt, jemanden aus seiner misslichen Lage zu befreien. «Das ist das Gegenstück, das, was einen anspornt, weiterzumachen», sagt er mit einem Lächeln im Gesicht. Vor Augen hat er bereits ein spezielles Erlebnis: Eines Tages erreichte ihn die Meldung, dass eine Person in Liechtenstein abgängig sei. Nach Abklärungen der Landespolizei machte er sich mit seinem Suchtrupp in die Berge auf. Die Person konnte nach ein paar Stunden gefunden werden. «Sie war mit den komplett falschen Schuhen, am falschen Tag in die komplett falsche Richtung gelaufen und fand den Weg nicht wieder zurück.» Diese Person in guter Verfassung aufgespürt zu haben, sei ein echtes Glückserlebnis gewesen – «heute können alle Beteiligten darüber lachen.»

Er kennt Planken wie seine Westentasche
Ein guter Bergretter muss sich in Liechtensteins Alpengebiet auskennen. Da trifft es sich gut, dass Norbert Gantner mit Freude jeden Gipfel erklimmen will. Der Reiz: «Man muss aus eigener Kraft den Berg hoch und wieder runter. Für einmal nützen hier technologische Hilfsmittel nichts.» Am liebsten ist er – wie könnte es anders sein – im Dreischwesterngebiet oberhalb von Planken unterwegs. Dafür liebt er sein Zuhause: Er muss nur zur Haustüre hinaus und befindet sich in einem wunderbaren Wandergebiet. «Jedoch folge ich nicht den Wanderwegen, sondern suche mir meine eigenen Routen», sagt er schmunzelnd. Denn den Gipfel erklimmt er am liebsten allein oder mit Kollegen – nicht mit einer Schar anderer Wanderer. Und spricht damit einen weiteren Grund an, weshalb er die Gemeinde so schätzt: die Kleinheit und Geborgenheit.

«Für meine Kinder ist das der perfekte Ort, um gross zu werden.» So zählt er nicht nur die Mitglieder der Bergrettung zu seiner Familie, sondern ein Stück weit sind auch die Einwohner Plankens ein Teil davon. «Wir kennen uns teilweise schon seit Jahrzehnten und selbstverständlich grüssen sich Plankner, wenn sie sich auf der Strasse begegnen. Ich brauche keine Angst um meine Kinder zu haben – jeder weiss, zu wem sie gehören.» Deshalb ist es Norbert Gantners Wunsch, dass die Gemeinde diese Kleinheit, vor allem aber Geborgenheit, beibehält. Damit die Familie noch lange von Bestand ist. (jka)

08. Jun 2019 / 06:00
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