•  (Daniel Schwendener)

«50 000 Franken und eine Pistole»

Dieses Jahr feierte die Niederlassung der Liechtensteinischen Landesbank im Unterland ihren fünfzigsten Geburtstag. In dieser Zeit gab es erst drei Geschäftsstellenleiter: Emil Senti, Walter Kieber und Patrik Schreiber. Ein Blick zurück auf die Anfänge und einen in die Zukunft.

Drei Banker-Generationen der LLB sitzen nun hier am Tisch. Was ist Ihre erste Erinnerung, wenn Sie an die Bank zurückdenken?
Walter Kieber: Ich hatte einen Vorstellungstermin beim damaligen Vizedirektor Walter Ospelt. Der Termin war kurz und am Ende sagte er: «Jetzt gehst du nach Buchs und machst die KV-Aufnahmeprüfung. Wenn du sie bestehst, gehst du zum Frisör und dann kannst du bei uns anfangen.» Und genau so habe ich es dann auch gemacht.

Emil Senti: Bei mir liegt dieser Moment nun schon genau 60 Jahre zurück. 1958 kam ich aus St. Gallen und habe mich hier im Land beworben, damals gleichzeitig bei der Presta und bei der Landesbank. Als mich dann die Bank genommen hatte, war das eine grosse Ehre. Ich war erst der 32. Mitarbeiter. Beim Eintritt musste ich einen Eid ablegen, das hat mich sehr beeindruckt. 

Sie legten einen Eid ab?
Emil Senti: Ja, Altregierungschef Josef Hoop war zusammen mit dem Bankdirektor Eduard Batliner anwesend. Die Landesbank war ja damals noch im Regierungsgebäude untergebracht. Und dort wurde ein Eid auf das Bankgeheimnis abgelegt ...
Walter Kieber: … bei brennender Kerze.
Patrik Schreiber: Das musste man damals noch machen?
Walter Kieber: Ja, damals wurde noch richtig geschworen. Ein sehr feierlicher Moment. 

Heute unterschreibt man einfach einen Vertrag.
Patrik Schreiber: Ja, als ich 1990 anfing, musste ich die Verschwiegenheitserklärung unterschreiben. Sie ist Teil des Arbeitsvertrages.

Welche ersten Erinnerungen haben Sie an die Bank?
Patrik Schreiber: Meine erste Station während der Lehre war die Spedition, also in der Logistik. Dort musste ich Couverts öffnen und Schachteln einpacken. Ich sass mehr in einem Maschinenraum als in einer Bank. Rückblickend ist es toll, wenn man alles von der Pike auf lernt. Doch damals fragte ich mich schon, wo ich denn hier gelandet bin.

Wie kam es überhaupt zur Geschäftsstelle in Eschen?
Emil Senti: Ich war ja zuerst zehn Jahre in Vaduz tätig. Das Bedürfnis nach einer Bank im Unterland nahm während dieser Zeit stetig zu. Es gab sogar ein Postulat aus der Bevölkerung. Schliesslich wurde entschieden, eine Geschäftsstelle zu eröffnen. Und so kam ich mit zwei Mitarbeiterinnen als Geschäftsstellenleiter nach Eschen. Die Geschäftsstelle war dann auch nach kurzer Zeit bereits sehr gut besucht.

Die Bank war zu jener Zeit im Dorfzentrum, wo heute die Post steht.
Emil Senti: Genau. Sie war hervorragend konzipiert, mit drei Kundenschaltern hatten wir gleich viele wie Vaduz. Im Untergeschoss gab es eine grosszügige Tresoranlage und auch technisch waren wir auf dem aktuellsten Stand. Alles war mit hellem Marmor ausgelegt. Kurz: Die Bank hat einfach schon von der Erscheinung her Vertrauen geweckt.
Patrik Schreiber: Für damalige Zeiten war es eine wirklich edle Bank.
Emil Senti: … und sie wurde von den Unterländern hervorragend angenommen. Die Unterländer Bevölkerung hatte ja schon damals eine eigene Finanzstrategie. Das war schon auffallend. Sie haben … (überlegt)
Walter Kieber: … mehr gespart als die Oberländer …
Emil Senti: Genau. (lacht) 


Ich bin in der Vorbereitung auf unser Gespräch über eine lustige Anekdote gestolpert. Ihnen hat man zur Eröffnung zwei Dinge von Vaduz aus mitgegeben.
Emil Senti: 50 000 Franken und eine Pistole zur Verteidigung. Ich fuhr damals am Vortag mit meinem Privatauto und all dem Geld nach Eschen, damit am Tag der Eröffnung alles bereit war. Ausserdem kamen ja noch all die Fremdwährungen dazu: Mark, Lire oder Schilling. Die handelte man damals alle – und trug sie anschliessend in das Valutabuch ein. Das war ein rund ein Meter langes Buch mit zahlreichen Rubriken.
Patrik Schreiber: Damals hat man noch jeden Wechsel von Hand in das Valutabuch eingetragen?
Walter Kieber: Nur die Käufe und Verkäufe.
Emil Senti: Genau, nur den Saldo. Am Ende des Tages musste ja die Kasse stimmen.


Und wenn sie nicht stimmte?
Emil Senti: Es konnte schon mal vorkommen, dass ein Beleg fehlte. Dann hat man sich überlegt, wer heute alles hier war und wer den Beleg vielleicht mitgenommen haben könnte. Und so hat man dann den Kunden angerufen und den Beleg wieder organisiert.
Patrik Schreiber: Der Beleg war ja damals sehr wichtig. Der wurde anschliessend nach Vaduz geschickt, wo erst die eigentliche Buchung vorgenommen wurde. Das ging damals noch nicht direkt vom Konto weg.

Wie wussten Sie denn, ob eine bestimmte Person noch Geld auf dem Konto hatte?
Walter Kieber: Das war Vertrauenssache. Wir brauchten dieses Vertrauen in den Kunden. Bis in die 70er-Jahre war es immer eine Stresssituation für die Mitarbeiter am Schalter: Zahle ich Geld aus oder nicht? Meist waren ja nicht mal die Buchungen vom Vortag in Vaduz bearbeitet worden. Rief man in Vaduz in der Buchhaltung an, konnte auch dort niemand direkt eine genaue Zahl sagen. Das war eine enorme Verantwortung. Erst Mitte der 70er-Jahre kam die Echtzeitabbuchung. Wir können heute auf Holz klopfen, dass nichts Schlimmeres passiert ist.
Emil Senti: Es war auch eine andere Welt. Man hat die Menschen noch gekannt. Ausserdem war es viel Sparbuchverkehr, was es einfacher machte. Schwieriger war es bei Geschäftskunden. 


Gab es da nicht hitzige Diskussionen, wenn man eine Auszahlung aufgrund des eigenen Gefühls verweigerte?
Emil Senti: Oh doch, aber nie mit Einheimischen. Die haben wir ja gekannt. Aber es gab einige Geschichten mit Leuten, die an Geld kommen wollten, ohne dass sie es je besessen hätten.
Walter Kieber: Die Menschenkenntnis war unersetzlich.
Patrik Schreiber: Es ist schon lustig. Heute ist die Digitalisierung in aller Munde. Doch eigentlich ging es schon Mitte der Siebzigerjahre mit der Echtzeitabbuchung los. Und ein paar Jahre später kamen ja auch schon die Bancomaten.

Heute sagt der Computer, ob jemand Geld bekommt oder nicht. Braucht es dieses Vertrauen in die Kunden überhaupt noch?
Patrik Schreiber: Wir kennen auch heute noch viele Kunden. Wenn beispielsweise einer unserer Lernenden von einem Stammkunden den Ausweis verlangt, kommt das nicht gerade gut an. «Kensch denn du mi epa ned?» Man will erkannt werden, das Vertrauen spüren. Aber die Zeiten, in denen man nach eigenem Empfinden Geld auszahlen konnte, sind vorbei.

Wie sehen Sie die Zukunft: Braucht es künftig überhaupt noch Geschäftsstellen?
Patrik Schreiber: Das Kundenverhalten wird sich sicher noch weiter wandeln. Die Schaltertransaktionen haben sich in den vergangenen fünf Jahren halbiert. Erste Menschen haben sich schon einen Chip einpflanzen lassen, mit dem man bezahlen kann, da braucht es nicht mal mehr ein Handy. Wir müssen diesen Wandel aufnehmen. Deshalb setzen wir ein neues Geschäftsstellenkonzept um, weg vom Transaktionsgeschäft hin zum Beratungsgeschäft mit einer noch individuelleren Beratung als bisher. So werden wir vom Abwickler zum Problemlöser. Die Geschäftsstelle wird es auch zukünftig geben.

Die letzte Frage geht an Sie, Emil Senti: Haben Sie die Pistole je gebraucht?
Emil Senti: Nein. Ich hätte in Bendern üben sollen, doch sie wurde vorher schon wieder abgeschafft – zum Glück. (lacht)

29. Nov 2018 / 07:00
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