• ABC-Portrait Tamara Kaufmann, Balzers
    Lange hat Tamara Kaufmann in Deutschland gelebt. Gerade in solchen Zeiten wie diesen ist sie dankbar, in Balzers wohnen zu dürfen.  (Tatjana Schnalzger)

Die Pause-Taste nicht aktiv gedrückt

Choroegrafin, Tänzerin und Akrobatin Tamara Kaufmann versucht diese Zeit des Stillstands für ein bisschen Entschleunigung zu nutzen.

Entspannt hat es sich Tamara Kaufmann auf ihrem Sitzplatz zu Hause in Balzers für das Interview per Videocall gemütlich gemacht. Nur etwas plagt sie: Der Heuschnupfen. «Ansonsten geht es mir wunderbar», sagt die Tänzerin, Luftakrobatin und Choreografin. Noch vor wenigen Wochen feierte sie im Balzner Gemeindesaal als Choreografin die Dernière der erfolgreichen Operette «Im weissen Rössl». Gerade noch knapp schaffte es die Operette Balzers, ihre Spielzeit wie geplant über die Bühne zu bringen, bevor die Corona-Krise schliesslich alles lahmlegte.

«So abrupt ausgebremst zu werden, war schon extrem», sagt die Balznerin. «Ich hatte vor allem im vergangenen Jahr aber einige Projekte, die mich sehr viel Energie gekostet haben.» So hätten sich ihre Gedanken ab und an schon mal darum gedreht, wie sie als Choreografin, aber gerade auch als Tänzerin und Akrobatin künftig weitermachen oder ob sie etwas verändern möchte. «Den Stopp hat nun die Aussenwelt eingelegt und so musste ich die Pause-Taste nicht aktiv drücken.» Von 100 sei es plötzlich auf 0 gegangen. «Sehr ungewohnt – aber ich bin dankbar.» Die Zeit nutze sie nun, um zu «entstressen  und entschleunigen», wie sie sagt. «Seit sechs Wochen nun bin ich quasi ruhiggestellt, was nicht bedeutet, dass ich Langeweile aufkommen lasse.» Zum Beispiel habe sie begonnen, Spanisch zu lernen. Auch gehe sie sehr gerne in die Natur. «Ich habe mich endlich mal ans Tourenskifahren rangewagt.» Sie wisse sich gut selbst zu beschäftigen. «Denn es gibt so viele Dinge, die ich immer schon mal machen wollte, mir allerdings die Zeit dazu fehlte.»

In der Ruhe liegt die Kraft
Erst habe sie geglaubt, dass sie die Corona-Krise gar nicht tangieren würde. Dann sei sie aber auf den Boden der Tatsache geholt worden. «Alle meine Jobs waren in Nullkommanichts weg.» Beispielsweise habe sie an Schulen in St. Gallen zu unterrichten begonnen. Auch dieser Job sei nun weg. «Nach und nach realisierte ich das Ausmass.» Natürlich sei die Situ-ation im Moment ziemlich «schräg», wie Tamara Kaufmann sagt. «Ich gehörte aber auch in der Vergangenheit nie zu denen, die in Panik verfielen, wenn es mit einem Job nicht klappte.» Die Balznerin sagt sich da viel eher: In der Ruhe liegt die Kraft. Und Kraft tanken will sie derzeit sehr bewusst. Dennoch muss sie sich auch fit halten. «Wobei ich da keine typische Tänzerin oder Akrobatin bin», sagt sie offen und ehrlich. Sie habe gerade kürzlich mit ihren Luftkrobatik-Kollegen telefoniert. «Sie erzählten mir, dass sie auch derzeit täglich rund sechs Stunden trainieren.» Bei ihr schaue das Trainingspensum dann doch ein bisschen magerer aus. «Ich war schon immer eine Minimalistin. Vor allem, als ich ein Kind bekam, musste ich das Training stark reduzieren.» Ihre Ausdauer habe sie in den vergangenen Jahren etwas vernachlässigt. Wobei Tamara Kaufmann dabei auch mit sich selbst hart ins Gericht geht. Denn fleissig ist sie ohnehin. So gehören beispielsweise Dehnübungen zu ihrem fixen Alltag. «Denn wenn man den Körper nicht mobilisiert, rostet er ein.» Das Training zur Kräftigung habe sie derzeit allerdings ein bisschen heruntergefahren. 

Balzers: Lebensenergie und Herzlichkeit
Projekte zu planen, ist für Tamara Kaufmann derzeit nicht möglich. Für den Verein Schaubühne ist auf Ende Jahr der Balzner Saal bereits reserviert, Ideen sind auch schon in den Köpfen kreiert worden, aber für die weiteren Schritte sind viele Türen noch geschlossen.  «Daran zu arbeiten, wäre im Moment eine Sisyphusarbeit», sagt sie. Zu viele Fragen seien noch offen. «Wir müssen jetzt einfach abwarten.»
Dass sie diese Zeit des Abwartens in ihrer Heimatgemeinde Balzers verbringen darf, dafür ist Tamara Kaufmann sehr dankbar. Erfahrungen im Ausland hat sie genug gemacht, rund 20 Jahre lang lebte sie in Stuttgart. «Der Unterschied im Lifestyle ist zwar nicht so gross, dafür aber jener der Lebensqualität.» Jedes Mal, wenn sie von der Autobahn her über die Brücke in ihre Gemeinde fahre, gehe ihr Herz auf. Es seien nicht nur Heimatgefühle, die dann aufkommen. «Hier fühle und spüre ich die Lebensenergie, die Herzlichkeit und nicht zuletzt auch die Unbeschwertheit.» Es sei für sie geradezu ein Privileg, in Balzers leben zu dürfen. Der Blick auf Burg Gutenberg oder auch umgekehrt von der Burg aus hinab auf die Gemeinde sei für sie immer wieder herzergreifend. «So etwas Schönes wie Balzers muss man erst mal finden.» (bfs) 


Serie – Teil 29
Das «Vaterland» hat sich bei freisen Kulturschaffenden, die im In- und Ausland arbeiten, er-kundigt, wie es ihnen derzeit geht und was die bestehende Lage für sie konkret bedeutet. Heute mit der Liechtensteiner Tänzerin, Akrobatin und Choreografin Tamara Kaufmann, weitere Kulturschaffende folgen. 

28. Apr 2020 / 09:22
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