• Pedro Brunhart lebt schon seit 45 Jahren in Südamerika, aktuell in La Paz.  (Gabriella Hummel)

«… als ob die Welt noch zu retten wäre»

Der gebürtige Balzner Pedro Brunhart lebt bereits seit 45 Jahren in Südamerika. Ein Missionsprojekt führte ihn 1974 vorerst nach Peru. Seit 1983 lebt er in Bolivien, dessen Haupstadt La Paz nun sein Zuhause ist.
Balzers. 

Das Atmen fällt schwer in La Paz. Die bolivianische Stadt liegt auf 3600 Metern über Meer. Die Sonne scheint wacker, als wir die steilen Strassen auf der Suche nach Pedro Brunharts Heim erklimmen. Wir erkennen es dank seines Bücherladens und des vegetarischen Restaurants sofort. Der Auslandsliechtensteiner begrüsst uns in seinem Büro im zweiten Stock. Dort stapeln sich Papier, Bücher und in einer Ecke befinden sich Garten-Experimente und Setzlinge.

Wie hat sich das Leben in Bolivien verändert, seit Sie hier sind? 
Pedro Brunhart: Ich bin 1983 nach Bolivien gekommen. Die Städte sind unglaublich gewachsen. Ich kannte mich früher gut aus, aber jetzt hat sich alles so stark verändert, dass ich heute nicht mehr auswendig weiss, wie ich irgendwo hinkomme. Zudem wurde vieles verwestlicht, obwohl wir wohl das am wenigsten westliche Land sind weit und breit. Die Autos haben zugenommen wie verrückt, wie damals in Europa in den 50er-Jahren. Die Tendenzen, die wir von Europa mitbekommen, beispielsweise Umweltschutz und Frauenrecht, stehen hier am Anfang und werden von der Regierung nicht ernst genommen. 

Wie sind Sie hier gelandet? 
Ich bin 1974 mit meiner Frau durch ein Missionsprojekt nach Peru gekommen. Die Ehe hat nicht gehalten, aber ich habe beschlossen, hierzubleiben. In Peru blieb ich neun Jahre lang. Dort habe ich viele Sachen gemacht: Ich war Schreiner, ich war Deutschlehrer, ich habe Kunsthandwerk exportiert – und danach bin ich nach Bolivien gekommen. 

Kamen Sie gleich nach La Paz, wo Sie heute leben?
Nein, ich ging nach Sajama, in die Berge. Ich hatte gelernt, wie man Wolle färbt. Also eröffnete ich eine Wollfärberei und exportierte die Wolle in die Schweiz und nach Europa. Wir haben das Kunsthandwerk dann aufgegeben, denn es war eine sehr anstrengende Angelegenheit. Sajama liegt auf über 4200 Metern über Meer und war damals nur über sehr schlechte Strassen erreichbar. Wir brauchten fast neun Stunden für die 260 Kilometer nach La Paz. Langsam wuchs dann die Idee einer Buchhandlung. Diese funktionierte von Beginn an sehr gut. Wir kauften das Haus dazu und 1997 folgte die Eröffnung des vegetarischen Restaurants im oberen Stock. 

Wie kamen Sie auf die Idee, die Buchhandlung zu eröffnen? 
Wir waren spirituell interessiert und besuchten eines Tages einen Vortrag einer Argentinierin, die aus verschiedenen Büchern zitierte. Diese Bücher interessierten uns, aber sie waren hier nicht erhältlich. 

Und das Restaurant?
Wir waren uns damals schon bewusst, dass eine einseitige, fleischlastige Ernährung nicht ausgewogen war. Der einzige vegetarische Betrieb befand sich damals am anderen Ende der Stadt und wir wollten nicht immer pendeln. Deshalb eröffneten wir ein eigenes Restaurant.

Sie schreiben ausserdem Bücher. Wovon handeln diese?
Es sind Kleinstbücher mit etwa 20 bis 30 Seiten. Der Inhalt widerspiegelt meinen Lebensgang. Was mich interessiert, darüber schreibe ich. In den letzten paar Jahren habe ich vor allem über das Patriarchat und die Modernisierung geschrieben, auch über Sexualität. Momentan bin ich an einem Thema dran, das von Kleinfamilien und Mutterschaft handelt. Das sind aktuelle Themen, die hier noch nicht so Einzug gehalten haben. Daneben publizieren wir zu politischen Themen wie die Legalisierung von Drogen. Darüber hinaus schreiben wir auch über das Militär, das wir hier gerne umwandeln würden in eine zivile Organisation ohne Waffen. 

Schreiben Sie auf Spanisch oder Deutsch? 
Ausschliesslich auf Spanisch, auch wenn ich manchmal Sachen übersetzen muss. 

Und wer ist das Klientel? 
Wir verkaufen an unsere Kunden im Laden und haben mittlerweile eine halbe Million Exemplare verkauft.

Sehen Sie sich als Aufklärer?
Nein, gar nicht. Wir tun einfach so, als ob die Welt noch zu retten wäre. Depressiv werden wollen wir nicht, weil uns sonst die Pharmaindustrie noch weiter ausbeutet (lacht). Ich bin ja auch in der Landwirtschaft tätig, obwohl es momentan nicht so gut aussieht.

Was ist damit?
Ich habe einen grossen Garten in einem Seitental, ungefähr 50 Kilometer von hier entfernt. Seit 35 Jahren bepflanzen wir dort alles biologisch. Aber vermutlich können wir diese Produktion nicht halten. Es sieht klimatechnisch alles nicht so rosig aus. Ich bin 72 Jahre alt und tue mein Bestes, obwohl es keinen Sinn hat. Aber wer weiss, vielleicht sehen Sie das anders. 

Wie konnten Sie den Klimawandel denn beobachten?
Zum ersten Mal wurde ich 1986 durch den Gletscher in Sajama darauf aufmerksam. Ein deutscher Forscher war zu Besuch und bemerkte, dass der Gletscher zwei Meter weiter nach oben gerückt war. Mir war aufgefallen, dass wir jedes Jahr über mehr Geröll wandern mussten.  Dort verstand ich: Das ist real. Ich bemerkte ausserdem ein paar neue Tierarten, die wir vor zwei Jahrzehnten hier noch nicht hatten. Ohrenkneifer tauchten erst vor etwa 15 Jahren auf und sorgten für eine Plage. Es war schwierig für uns, diese zurückzudrängen. Wir mussten mit Plastikflaschen alle Pflanzen schützen. 

Wie war Ihr Leben vor Südamerika? 
Ich habe im Marianum das Gymnasium gemacht und anschliessend in Fribourg Theologie studiert. Dort wurde ich schon politisch aktiv. Ich war in einer Gruppe für Entwicklungshilfe und aus diesem Grund bin ich dann über ein Missionsprojekt in die Dritte Welt gereist.

Und es war nie ein Thema, zurückzugehen? 
Überhaupt nie. Als ich auswanderte, sagte ich mir: Hoffentlich sei das mein Abschied. Zum einen war ich ja zu diesem Zeitpunkt geschieden und ich wusste, dass ich nach meiner Ehe hierbleiben wollte. Ausser, es wäre aus besonderen Gründen wichtig gewesen, zurückzukehren. Oder wenn ich herausgefunden hätte, dass ich hier nichts nützen würde. 

Haben Sie sich immer frei gefühlt? 
Eigentlich sehr frei, ja. Ich war nie angestellt, ich habe immer selbstständig gearbeitet. Schon in Peru, nach dem Ausstieg aus dem Missionsprojekt. Ich habe mich auch nie unter wirtschaftlichem Druck gefühlt. Auch jetzt, mit dieser Buchhandlung. Wenn diese noch drei Jahre so weitergeführt werden kann, dann ist das gut und sonst schauen wir dann. 

Wäre Ihnen langweilig, wenn Sie nicht so viele Dinge tun würden?
Ich versuche eigentlich, meine Tätigkeiten abzubauen. Bezüglich der Bücher möchte ich für eine Zeit aufhören. Aber wichtige Themen brennen mir halt einfach unter den Nägeln. Ich mache bald wieder einen Vortrag, lese mich gerade wieder ein und realisiere: Wenn man den Leuten wichtige Themen klarmachen kann, dann ist das wichtig. 

Interview: Gabriella Hummel

09. Apr 2019 / 18:32
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