• Pater Bruno Rederer und seine Schwester Luise Rederer vor ihrem Ferienhaus in Steg. (Bild: Mirjam Kaiser)

Aus der Not entstand eine Freundschaft

Wie die Zeiten sich geändert haben, zeigt nicht zuletzt die Geschichte von Luise und Pater Bruno Rederer aus Schellenberg.

Zum Kriegsende 1945 wurden in Deutschland viele Ein­woh­ner aufgefordert, in ihre Heimatländer zurückzukehren. So auch eine Familie aus Liechtenstein mit Schellenberger Bürgerrecht. Nach einer wochenlangen Flucht erreichte die neunköpfige Familie Buchs, wo sie Quarantäne gestellt wurden. Schnell stellte sich die Frage, wo man die Eltern mit ihren Kindern unterbringen könnte. So wurde der damalige Schellenberger Vorsteher Urban Rederer über die Ankunft der «Liechtensteiner Flüchtlinge» informiert. 

Ankömmlinge zu Hause aufgenommen

«In Schellenberg gab es damals keine freien Wohnungen», erklärt P. Bruno, Sohn des damaligen Vorstehers. Kurzerhand wurde in der Verwandtschaft und im Bekanntenkreis gefragt, wer Platz hätte, die Ankömmlinge aufzunehmen. Der Vater kam bei eigenen Verwandten unter, vier der Geschwister wurden einzeln bei Verwandten und Nachbarn einquartiert und die Mutter, die Älteste wie auch die beiden jüngsten Kinder zogen bei der Vorsteherfamilie ein. «Wir wussten, dass Leute kommen», erzählt Pater Bruno, der zu dieser Zeit gerade mal zehn Jahre alt war. Obwohl auch sie wohnmässig sehr bescheiden lebten, machte man Platz für die Hilfebedürftigen. «Die Stube war gleichzeitig auch das Büro des Vorstehers.» Daher habe es eine Nebenstube gegeben, die als eigentliche Stube genutzt wurde. Als die vier Gäste aufgenommen wurden, bezogen sie die Nebenstube und die Vorsteherfamilie verlegte ihren Wohnbereich in die Küche. «Wir lebten einfach als Grossfamilie, sassen zu neunt am Tisch und statt einer gab es nun zwei grosse Schüsseln Riebel», so P. Bruno. Da die restlichen Geschwister der Flüchtlingsfamilie am Sonntag keine Schule hatten, trafen sich alle bei den Rederers. «Weil unser Vater Vorsteher war, sind bei uns sowieso immer viele Leute ein und aus gegangen», erzählt P. Bruno. 

«Es wurde einfach gehandelt»

«Man hat gesagt, hier muss man helfen», so der heutige pensionierte ehemalige Pfarrer. «Es wurde nicht lange über etwas geredet, es wurde einfach gehandelt», ergänzt P. Brunos Schwester Luise, die 1945 erst zwei Jahre alt war und sich daher kaum an diese Zeit erinnern kann. Wie sie später gehört habe, seien ihre Eltern vor allem froh gewesen, dass der Krieg vorbei war und dass das Land so gut davongekommen sei. Hat diese Erfahrung der Hilfsbereitschaft die Berufswahl von Luise und Bruno als Hebamme und Priester beeinflusst? Luise verneint. Aber die Werte des Elternhauses, dass man sich für andere einsetzen soll, hätten sie natürlich übernommen. Im Gegenzug für die Gastfreundschaft habe die aufgenommene Frau seine Mama tatkräftig im Haushalt unterstützt und auch im Stall mitgeholfen, wenn Not am Mann war, erklärt P. Bruno. Die älteste Tochter arbeitete in der Wirtschaft Löwen, um ihren Teil zum Familienunterhalt beizutragen. «Für die Mutter war es besonders an Weihnachten schlimm, dass alle Kinder verstreut untergebracht waren», erzählt Pater Bruno. Daher habe man nach Lösungen gesucht, dass die Familie wieder gemeinsam unter einem Dach wohnen konnte. Nach ungefähr einem halben Jahr bei den Rederers konnte die Familie ein Haus in Mauren beziehen, bevor einige Jahre später ein kleines Anwesen in Schaanwald frei wurde. 

Dankbarkeit bis ans Lebensende

Neben der wohnlichen Unterstützung sei die Vorsteherfamilie für die Ankömmlinge vor 
allem eine moralische Stütze gewesen. Die aufgenommene Mutter sagte einmal zu Pater Bruno: «Wenn deine Eltern nicht gewesen wären, hätten wir es vielleicht gar nicht geschafft, uns nochmals eine neue Existenz aufzubauen.» «Sie haben ihnen Mut gemacht und die Gemeinde hat geholfen, dass sie das Haus in Schaanwald kaufen konnten», ergänzt Luise Rederer. Die Dankbarkeit dafür blieb bestehen, so lange sie gelebt haben: «Sie haben die Hilfe nie vergessen», sagt P. Bruno. Obwohl eines der aufgenommenen Kinder, ein Bub, 1945 noch sehr jung war, habe er sich jedes Mal, wenn er den Rederers begegnete, bei ihnen bedankt. «Es war auch keine Muss-Verbindung, sondern eine ehrliche Verbundenheit, weil auch sie alles beitrugen, was sie konnten.» Es sei wunderbar, dass sich aus der Geschichte Freundschaften entwickelten, so Luise. Auch über die Generationen hinweg blieb die Verbindung bis heute bestehen. So sorgten beispielsweise die Enkel der Familie an Pater Brunos Goldenem Priesterjubiläum 2014 für die musikalische Unterhaltung. (mk)

10. Mär 2020 / 07:00
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