• Markus Wiedemann
    «Hochverschuldete Staaten können es sich nicht leisten, mehrmals einen Lockdown abzufedern», sagt Markus Wiedemann.  (Daniel Schwendener)

«Staaten können es sich nicht leisten, mehrmals einen Lockdown abzufedern»

Markus Wiedemann erklärt als Chief Investment Officer der LLB-Gruppe, wie Anleger mit der Corona-Krise umgehen können und ob die Märkte ihren Tiefpunkt bereits erreicht haben.

Herr Wiedemann, eine Rezession ist unausweichlich. Wie beurteilen Sie die Lage, und wie hart wird es die Wirtschaft treffen?
Markus Wiedemann: Die rasante Ausbreitung des Coronavirus hat das globale wirtschaftliche Umfeld grundlegend verändert. Wir werden 2020 eine schwere Rezession erleben, die noch gravierender sein wird als jene während der Finanzkrise im Jahr 2009. Anfang des Jahres hatte sich die Wirtschaft beschleunigt, doch die einsetzende Erholung ist durch die behördlich verordneten Einschränkungen abrupt gestoppt worden. In der Zeit, in der diese Einschränkungen gelten, wird die Wirtschaftsleistung laut OECD um circa 25 Prozent zurückgehen. Eine Woche mit Einschränkungen führt damit zu einem auf das Jahr umgelegten Wachstumsrückgang von circa 0,5 Prozent.

Mit welchem Rückgang rechnen Sie für Liechtenstein?
Geht man davon aus, dass die Massnahmen nach sieben Wochen stufenweise über etwa neun bis zwölf Wochen – gemäss Gesundheitsminister Mauro Pedrazzini – gelockert werden, ergibt sich brutto ein Wachstumsrückgang zwischen 5,5 und 6 Prozent. In der Schweiz gibt der Staat fünf Prozent der Wirtschaftsleistung in Form des Hilfspaketes aus, um die Folgen abzufedern. Dennoch rechnen wir für die Schweiz mit einem negativen Wirtschaftswachstum von 4,5 Prozent. Da wir die Corona-Massnahmen der Schweiz weitgehend übernommen haben, dürfte sich Liechtenstein sehr ähnlich entwickeln.

Bis wann wird sich die Wirtschaft wieder erholen?
Ich rechne damit, dass sich die Wirtschaft im zweiten Halbjahr wieder erholen wird. Es wird aber bis weit ins kommende Jahr dauern, bis die durch das Coronavirus verursachten Wachstumsverluste wieder gänzlich wettgemacht werden können.

Sollten Anleger derzeit also lieber nicht investieren und warten, bis die Krise vorbei ist?
Nein, es ist nicht nötig zu warten, bis alles vorbei ist. Denn Investieren in der Krise ist in der Regel ein Erfolgsrezept. Empirische Untersuchungen zeigen, dass Aktienmärkte kurz vor oder am Beginn einer Rezession crashen und ihren Tiefstand in der ersten Hälfte der Rezession erreichen. Wenn unsere Konjunkturprognose – heftige, aber kurze Rezession im ersten Halbjahr, Erholung im zweiten Halbjahr – stimmt, sind wir zeitlich nicht weit vom Tiefstand entfernt. Eventuell haben wir den Tiefstand bereits am 23. März erreicht, das wissen wir aber erst im Nachhinein. Vom Höchststand am 12. Februar bis zum vorläufigen Tiefpunkt am 23. März hat der MSCI-Weltaktienindex 34 Prozent an Wert verloren. Dies entspricht fast genau einem durchschnittlichen Aktiencrash. Das Minus der letzten beiden Crashs beim Platzen der IT-Bubble zur Jahrtausendwende und in der globalen Finanzkrise fiel mit 50 Prozent deutlicher aus.

Ist die Talfahrt an den Börsen also beendet?
Die Zukunft ist immer ungewiss, nicht nur in Coronavirus-Zeiten. Aber: Seit dem Tiefpunkt am 23. März haben sich die Börsen fulminant erholt. Vom vorläufigen Tiefpunkt am 23. März bis heute hat der MSCI-Weltaktienindex 25 Prozent an Wert gewonnen und liegt nur noch 14 Prozent unter dem Jahresanfangswert. Aktien sind damit – gemessen an den diesjährigen Gewinnen, die rezessionsbedingt massiv bis zu 40 Prozent einbrechen werden – wieder sehr teuer. Die Anleger sind also offenbar bereits bereit, durch die Rezession hindurchzusehen und setzen eine Normalisierung der Gewinne im nächsten Jahr voraus.

Wie kann in Coronavirus-Zeiten am besten investiert werden?
Wir raten dem Kunden, aktuell gleich vorzugehen wie immer: Er sollte im Gespräch mit dem Kundenberater die für ihn geeignete Anlagestrategie bestimmen und diese dann – mit gewissen taktischen Abweichungen – umsetzen. Das heisst konkret: seine Aktienquote leicht untergewichten und dafür Obligationen sehr guter Qualität und Wandelanleihen dazukaufen. 

Welchen Vorteil haben Obligationen derzeit?
Diese sind momentan sehr attraktiv: Aufgrund der Krise sind die Risikoprämien und damit die Zinsen von Unternehmensobligationen stark angestiegen. Schweizer Anleger bekommen aktuell wieder positive Zinsen von etwa einem Prozent in unseren Geldmarkt- und Obligationenfonds. Und das, obwohl die SNB wegen der Krise voraussichtlich länger bei ihrer Negativzinspolitik bleiben wird. Das erachten wir als Kaufgelegenheit.

Der Ausblick hängt stark von den Lockerungen der Corona-Massnahmen ab. Ist eine mögliche zweite Welle von den Anlegern bereits einkalkuliert bzw. wird ein zweiter Crash weniger heftig ausfallen?
Ich glaube nicht, dass diese einkalkuliert ist. Wenn die Infektionszahlen wieder steigen sollten, werden die Märkte erschrecken und neuerlich korrigieren. Ich persönlich denke allerdings, dass die Massnahmen im Falle einer zweiten Welle anders aussehen würden. Man wird Risikopatienten und ältere Menschen auffordern, daheim zu bleiben, und die Wirtschaft wird normal weiterlaufen. Denn die oft hochverschuldeten Staaten können es sich nicht leisten, mehrmals einen Lockdown abzufedern. In Österreich haben 90 000 vermutliche Risikopatienten eine Aufforderung erhalten, ihren Risikostatus beim Arzt abklären zu lassen. Das sehe ich als Vorbereitung für ein geändertes Vorgehen.

Die Nachfrage bei den Banken nach Gold steigt derzeit. Ist diese Anlage eine gute Option?
Studien zeigen, dass Aktien langfristig eine bessere Rendite erzielen als Gold. Das Edelmetall wird als sicherer Hafen betrachtet, hat aber tatsächlich eine höhere Volatilität als Aktien. Anleger wollen sich damit für eine Katastrophe absichern. Aufgrund des ungünstigen Verhältnisses zwischen Rendite und Risiko ist es aber sinnvoll, nicht mehr als drei bis fünf Prozent seines Portfolios in Gold zu investieren.

Wie gehen Ihre Kunden mit der derzeitigen Situation um beziehungsweise reagieren sie mit Panik?
Sie sind sehr besonnen. Wir haben kaum Panikverkäufe gesehen. In der Vermögensverwaltung haben wir die günstigen Aktienkurse im März genutzt, um unsere Aktienquote zu erhöhen, wir haben ebenfalls unsere Quote an Unternehmensobligationen erhöht. Unsere Beratungskunden sind unserem Rat weitgehend gefolgt.

Welche Unternehmen und Branchen sind die Verlierer der Corona-Krise?
Die Branchen Reisen und Tourismus, die Fluglinien, Flugzeugbauer, Kreuzfahrtunternehmen und Autovermieter gehören zu den Verlierern. Die Aktie von American Airlines war vor Corona etwa 30 Dollar wert und ist auf neun US-Dollar abgestürzt. Hier kann von einem Crash gesprochen werden.

Welche Unternehmen haben sich hingegen als Gewinner erwiesen?
Firmen aus der Gesundheits- und Pharmabranche zum Beispiel, aber auch Unternehmen, die von der Aufforderung, zu Hause zu bleiben, und vom Trend zu Homeoffice profitieren wie zum Beispiel Netflix und Microsoft. Die Aktienkurse der Gewinner sind aber teilweise bereits deutlich gestiegen, weswegen wir zum Beispiel Netflix von unserer Empfehlungsliste gestrichen haben. Denn auch solche Firmen können nicht ewig ­profitieren.

Was empfehlen Sie Kunden, die sich mit erheblichen Verlusten konfrontiert sehen? Verkaufen oder abwarten?
Wir raten dem Kunden, an seiner Anlagestrategie festzuhalten. Hat er diese noch nicht ermittelt, sollte er das mit seinem Kundenberater rasch nachholen. Neu soll er seine Aktienquote auf leicht untergewichtet ausrichten. In einem ausgewogenen Portfolio wären das zum Beispiel 43,5 Prozent. Er soll Obligationen sehr guter Qualität und Wandelanleihen dazukaufen und, falls seine Liquidität dafür nicht ausreicht, alternative Anlagen teilweise verkaufen. Es klingt vielleicht langweilig: Aber es geht nicht darum, in die Profiteure zu investieren, sondern breit zu diversifizieren. Auch wenn wir nicht wissen, wann und wo der Tiefpunkt der Märkte in dieser Rezession erreicht sein wird, braucht ein Anleger, der an seiner Strategie langfristig festhält, nicht nur auf Besserung zu hoffen, er «weiss» dass sie mit der Zeit eintreten wird.

Wenn Sie ein Sparer wären mit 100 000 Franken und langfristigen Anlagehorizont, wie würden Sie diese anlegen?
Ich würde den LLB-Strategiefonds kaufen, der meiner Anlagestrategie entspricht. Damit bekomme ich zu einem vernünftigen Preis ein betreutes, sehr gut diversifiziertes Portfolio aus ­Obligationen sehr guter Qualität, Aktien, Wandelanleihen, Hochzins- und Schwellenländeranleihen mit mehr als 3000 Einzeltiteln.

Ist es denn sinnvoll, dass ein Sparer auch kleine Beträge in einen solchen Fonds investiert oder brauche ich einen bestimmten Betrag?
Ich kann bereits ab 100 Franken in den Fonds investieren, und damit ist er auch für Kleinanleger geeignet, da es ein betreutes, breit diversifiziertes Portfolio ist. (dal)

07. Mai 2020 / 23:44
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