• Chiemgauer
    Rund 500 Unternehmen akzeptieren den Chiemgauer in Bayern.  (pd)

«Wir nehmen den Chiemgauer»

Seit fast 20 Jahren können Konsumenten in der Region Chiemgau mit bunten Scheinen zahlen, um die lokale Wirtschaft anzukurbeln.

Es wirkt hektisch im Büro des «Chiemgauers». Weil die Geschäftsstelle in Bayern nur an zwei Tagen in der Woche während einiger Stunden besetzt ist, klingeln die Telefone pausenlos. «Wir erhalten sogar Anfragen von Studenten aus Südkorea, die mehr über unsere Regionalwährung erfahren wollen», sagt Christophe Levannier am Telefon. Er waltet ehrenamtlich über den Chiemgauer. Dieser gilt als erfolgreichste Regionalwährung Deutschlands – die Nachfrage stag­niert aber seit einigen Jahren. Auch wenn das Wachstum vorerst an eine Grenze gestossen ist, wie Levannier zugeben muss, so brennt er noch für die Idee und die gelben, roten und grünen Scheine, die in fast 500 Unternehmen in Bayern akzeptiert werden. Genauer gesagt, sind dies Gemeinden rund um das Chiemseeufer, wie zum Beispiel Traunstein. Angefangen hat alles im Jahr 2003 als Schulprojekt; heute sind 740 000 Euro als Chiemgauer im Umlauf und 3400 Verbraucher nutzen die Währung.

 

«Wir sind keine  Globalisierungsgegner»

Levannier und die Initiatoren des Projektes wollen damit ein regionales Gegengewicht zur globalisierten Welt setzen und die Wirtschaft vor Ort stärken. «Wir sind aber keine Globalisierungsgegner», betont er inbrünstig. Er sieht sein Regiogeld als Ergänzung. Konsumenten könnten im Discounter einkaufen und gleichzeitig die heimische Wirtschaft mit dem Chiemgauer, der nur lokal ausgegeben werden kann, unterstützen. 

Er sei als Sohn eines Franzosen und einer Traunsteinerin selbst ein Teil einer globalisierten Welt, dennoch findet er es schade, dass lokale Strukturen kaputtgehen. Er prangert an, dass grosse Unternehmen immer grösser werden und kleine immer kleiner, die kleinen Händler, der Metzger und der Bäcker um die Ecke verschwinden zusehends. Sie sollten nicht die Verlierer der Globalisierung sein. Und obwohl er einiges am vorherrschenden Wirtschafts- und Geldsystem kritisch hinterfragt, so ist Levannier genauso wenig ein Euro-Gegner. «Ohne den Euro könnte unser Regionalgeld erst gar nicht funktionieren», betont er. 

Dennoch stellt sich Levannier die Frage, wie exponentielles Wachstum bei endlichen natürlichen Ressourcen möglich sein soll? Levannier hat selbst Betriebswirtschaft studiert und führt ein Familienunternehmen in Bayern, das im technischen Handel tätig ist. Für Ökonomen sei es praktisch in Stein gemeisselt, dass die Wirtschaft jedes Jahr um zwei oder drei Prozent  wächst. Er hat Zweifel an dieser stetig steigenden Kurve und auf wessen Kosten diese geht. «Wir wollen alle ein oder zwei Autos, ein Haus, fahren mindestens einmal im Jahr in die Ferien: Wir leben auf Kosten von anderen Menschen», sagt er.  

Der Chiemgauer kann diese Probleme oder Fragestellungen nicht alle lösen und dennoch habe ihm das Regionalgeld die Augen geöffnet. Bis 2008 und während der Finanzkrise war die Nachfrage und das Interesse an der Komplementärwährung sehr gross. Seit drei bis vier Jahren stagniert das Regiogeld, auch weil die Wirtschaft gut lief und die Steuereinnahmen in Deutschland zuletzt so hoch wie noch nie waren. «Wir kommen aber nicht weiter, weil uns von oben Grenzen gesetzt werden.» Ein Bürgermeister will den Chiemgauer vielleicht einführen, die Kommunalaufsicht sagt aber Nein. «Oft werden Regionalwährungen leider nicht ernst genommen», sagt Levannier. 

 

Der Chiemgauer ist  ein Schwundgeld

Dabei mache der Chiemgauer nichts kaputt und das Prinzip ist einfach: Die Währung verliert alle sechs Monate drei Prozent ihres Werts. So sollen die Nutzer motiviert werden, ihr Geld möglichst schnell auszugeben und die lokalen Geschäfte zu unterstützen. Der Chiemgauer wird dadurch drei bis viermal schneller weitergegeben als der Euro. Laut Levannier könne Regionalgeld nur dann funktionieren, wenn es breit abgestützt wird, wenn also der Bäcker die Scheine akzeptiert, die Schwimmbäder, die Gemeinden oder man seine Steuern sogar in der alternativen Währung begleichen kann. Möchten die Geschäftsleute den Chiemgauer wieder in Euro umtauschen, müssen sie eine Gebühr in Höhe von fünf Prozent bezahlen. Drei Prozent gehen an Vereine in der Gegend, zwei Prozent an den Chiemgauer, dem Levannier vorsteht. 

Jener ist gemeinnützig und demokratisch. Die Regeln bestimmen alle zusammen in der Jahresversammlung. «Wir haben es in der Hand, wie wir wirtschaften wollen», sagt Levannier. Um Fragen von Journalisten oder Interessierten zu beantworten, nimmt er sich am Feierabend nach 17 Uhr Zeit. Die Telefone klingeln immer noch. Dass der Chiemgauer funktioniert, liegt an engagierten Ehrenamtlichen, aber auch daran, dass die Bevölkerung hier nicht auf jeden Cent schauen muss und die Kaufkraft hoch ist. Für Levannier ist klar: Sein Geld stärkt die regionalen Wirtschaftskreisläufe, ist gut für Vereine, für Arbeitsplätze und erhört die Resilienz gegen Krisen.

22. Mai 2020 / 11:00
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