• Wilfried Hoop, Vaduz
    Wirtschaft regional: Samstagsgespräch mit Wilfried Hoop, Regierungsgebäude Vaduz, Bild aufgenommen am 08.10.2019, FOTO©RIGHT: TATJANA SCHNALZGER  (Tatjana Schnalzger)

«Unternehmer lassen sich zu oft vor sich hertreiben»

Wilfried Hoop leitet das diplomatische Protokoll in Liechtenstein. Durch seine Karriere in der Wirtschaft kennt er das Spannungsfeld zwischen Politik und Unternehmern. Im Interview spricht er über sein Buch «Corporate Diplomacy» und erklärt, was diese Management-Idee bringt.

Herr Hoop, Sie haben das Buch «Corporate Diplomacy» geschrieben und dabei mit gut einem Dutzend Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft wie Josef Ackermann und Friedrich Merz gesprochen. Welches Gespräch hat sich besonders in Ihr Gedächtnis gebrannt?
Wilfried Hoop: Ich fange chronologisch mit dem Ersten an, weil es unfair wäre, ein einzelnes Gespräch hervorzuheben. Nachdem die Idee zum Buch im Oktober 2016 entstand, sprach ich zuerst mit Peter Brabeck, der damals noch als Chairmain von Nestlé fungierte. Mir gefällt an ihm, dass er ein Manager ist, der nicht um den heissen Brei redet. 

Was hat der ehemalige Nestlé-Chef damals besonders auf den Punkt gebracht?
Er stört sich wahnsinnig am immer dichter werdenden Regulierungs-dschungel. Im Gespräch hat er aus diesem Grund die Frage gestellt, wie sich Unternehmen noch um Strategien kümmern sollen, wenn sie sich zu 80 Prozent ihrer Zeit mit dem enger werdenden gesetzlichen Korsett beschäftigen müssen. Er sagte mir, dass Prinzipien wichtiger als Regulierungen seien. 

Was genau ist Corporate Diplomacy bzw. warum reicht Stakeholder-Management und Lobbyismus heute nicht mehr aus?
Ein Staat nutzt die Diplomatie, um seine Interessen nach aussen zu vertreten und genau dies sollte auch ein Unternehmen tun. Zwar vertreten sie diese bereits nach aussen mit Instrumenten wie Lobbying, Public Affairs oder Corporate Social Responsibility. Dabei verzetteln sie sich oft, stimmen die einzelnen Instrumente ungenügend aufeinander ab oder gewichten sie falsch. Corporate Diplomacy ist die gelungene Integration aller für die Aussenbeziehungen eines Unternehmens relevanten Instrumente.

Müssen Unternehmer dabei auch mehr Einfluss auf Politiker nehmen und wenn ja, wie?
Unternehmen müssen sich ganz klar politisch professionalisieren. Wie es Fred Kindle treffend in meinem Buch auf den Punkt bringt, wird der Job eines Spitzenmanagers immer politischer. Dem steht gegenüber, dass Politiker nur ein rudimentäres Verständnis von der Wirtschaft haben, wie mir Beat Hess, der Vorstandsvorsitzende von LafargeHolcim, im Gespräch erklärte. Hess, der einst auch Mitglied der Konzernleitung von Royal Dutch Shell war, erzählt von Generalversammlungen des niederländischen Energiekonzerns, bei denen über 90 Prozent der Wortmeldungen von NGOs kamen und praktisch nichts mit den Kernaktivitäten des Unternehmens zu tun gehabt hätten. So sei es etwa vorgekommen, dass der Chief Financial Officer während einer bis zu sieben Stunden dauernden Generalversammlung nicht ein einziges Mal zu Wort gekommen sei.

Sie nennen im Buch Beispiele grosser Konzerne, wie den GoldmanSachs-CEO, der sich regelmässig kritisch zu politischen Themen öffentlich äussert. Würden Sie sich das auch von Unternehmern in der Schweiz und Liechtenstein wünschen?
Ja, unbedingt. Unternehmer lassen sich zu oft vor sich hertreiben und stehen im Kreuzfeuer durch die ständig steigende Kritik – das beste Beispiel dafür ist die Konzernverantwortungsinitiative in der Schweiz. Unternehmer müssten sich stattdessen hinstellen und klarer sagen, was Sache ist. Mein Buch ist ganz klar ein Appell, dass sie politisch und gesellschaftlich aktiver werden. So fragte mich CDU-Politiker Friedrich Merz zum Beispiel, welchen CEO eines DAX-30-Unternehmens ich letztes Jahr im TV gesehen hätte. Ihre Anzahl ist verschwindend gering. Topmanager müssen medientauglicher werden, anstatt immer nur ihre Mediensprecher vorzuschicken. 

Das Vertrauen in Mediensprecher ist Umfragen zufolge aber teilweise gering. Warum verschanzen sich so viele CEO hinter ihrer Kommunikationsabteilung? 
Gerade jüngere Generationen erwarten von ihrem Unternehmen, dass die Führungsebene Position bezieht. Mir ist natürlich bewusst, dass dies heikel sein kann in bestimmten Situationen. Google-Boss Sundar Pichai musste etwa auf Druck eines Teils seiner Belegschaft einen Kooperationsvertrag mit dem Pentagon beenden. Ich finde es auch toll, wenn der Starbucks-Chef sagt, dass er keine waffentragenden Kunden in seinen Geschäften haben will. Der britische Economist spricht dabei von einem Chief Activist Officer, der aktiv Position bezieht. 
Auch KMU könnten Corporate Diplomacy für sich nutzen. Nehmen wir an, ich bin ein Firmenchef mit 15

Mitarbeitern in Liechtenstein. Was kann oder muss ich besser machen?
Sie können Teilaspekte der Corporate Diplomacy anwenden. Allen voran ist zum Beispiel wichtig, dass Sie sich für den Abbau von Regulierungen einsetzen und sich für offene Märkte stark machen. 

Sind dies Anliegen, die Unternehmen üblicherweise den Wirtschaftsverbänden überlassen?
Es kommt auf das Thema an. Es gibt viele Anliegen, die Firmen kollektiv angehen können, entweder in ihrer institutionaliserten Zusammenarbeit in Verbänden oder ad hoc mit «Partnerschaften auf Zeit», wie es Josef Ackermann formuliert hat. Nehmen wir die Regulierung: Politiker behaupten immer wieder, dass sie sich für KMU einsetzen würden und sich für weniger Regulierung einsetzten, stattdessen nimmt diese aber stetig zu. Die Politik sagt das eine, macht aber das andere. Sie reguliert KMU zu Tode – ganz zur Freude der grossen Konzerne. 

Inwiefern freut das die grossen Konzerne?
Sie haben die finanziellen Mittel, um den dadurch entstehenden zusätzlichen Kostendruck stemmen zu können. Der Nestlé-Chef erklärte zum Beispiel, dass mehr Regulierung in der Nahrungsmittelindustrie bedeute, dass die kleinen Betriebe kaputtgingen und weniger Konkurrenz übrig bleibe. Wenn ein Nahrungsmittelkonzern oder ein Pharmunternehmen mehr Juristen als Forscher und Entwickler benötigt, dann läuft etwas ganz grundsätzlich schief in unserer Gesellschaft. Wir möchten alles bis ins kleinste Detail kontrollieren und drohen dabei, in unserer Vollkasko-mentalität zu ersticken.

Was können Firmen in Liechtenstein noch besser machen? Sie sagen in Ihrem Buch zum Beispiel, Manager müssten ihren Mitarbeiter den Wert des Freihandels erklären und ihnen Globalisierungsängste nehmen. 
Diese sind in Liechtenstein aufgrund seiner Grösse kaum ausgeprägt. Ich will mir nicht anmassen, hier konkrete Ratschläge zu geben, weil das auch sehr individuell ist. Beim Verwaltungsrat würde ich KMU aber den einen Rat mit auf dem Weg geben, nicht nur Bekannte und Freunde auszusuchen, sondern ein VR-Team auszuwählen, das durch fachliche Qualitäten besticht. Zudem vernachlässigen Unternehmen oft verschiedene Hürden wie kulturelle Aspekte, wenn sie im Ausland tätig sind. Mercedes hat zum Beispiel in China unlängst eine Werbekampagne realisiert und dabei das Zitat «Betrachte Situationen von allen Seiten, und du wirst offener» genutzt. Das klingt im ersten Moment vernünftig, doch es stellte sich heraus, dass dieses Zitat vom Dalai Lama stammt. Einem Diplomaten wäre dieser Fauxpas nicht passiert. Unternehmen könnten Diplomaten stärker für sich nutzen und einsetzen, zum Beispiel vor dem Eintritt in einen neuen Markt oder beim Aufbau ihrer Produktion im Ausland. 

Neue Märkte bieten auch Risiken. Einige Unternehmen, die im Ausland bzw. in Billiglohnländern produzieren, geraten in die Kritik. 
Meist bringen diese Unternehmen aber Wohlstand mit, die Länder profitieren davon genauso wie die Menschen und die Infrastruktur. Dennoch werden Unternehmen zunehmend an den Pranger gestellt und ständig angegriffen, obwohl sie der Pfeiler unseres Wohlstandes sind. Es gibt in der heutigen Gesellschaft Erschaffer – sprich Unternehmen, die Wohlstand hervorbringen. Und es gibt die Verteiler in Form der Politik. Überbewertetet wird dabei übrigens die Corporate Social Responsibility. 

Wie kommen Sie zu diesem Schluss?
Die Sichtweise ist eine verzerrte, weil der erste und allergrösste Akt eines Unternehmens für seine soziale Verantwortung ist, dass es Arbeitsplätze schafft. Ed McMullen, der amerikanische Botschafter für die Schweiz und Liechtenstein, ist der Meinung, dass Corporate Social Responsibility grundsätzlich gefährlich für die Wirtschaft ist. Ich bin der Meinung, dass wir eher von politischer sozialer Verantwortung sprechen sollten. Diejenigen, die in unserer Gesellschaft grösseren Schaden anrichten, sind Politiker.

Die Ausbeutung von Arbeitern in manchen Billiglohnländer liegt also nicht in der Verantwortung der Unternehmen, sondern in der des Staates?
Investor George Soros sagte einmal, das meiste Elend auf diesem Planeten gehe auf die Politik souveräner Staaten zurück. Politiker verursachen Kriege, Flüchtlingskrisen, Hungersnöte oder überbordende Staatsverschuldungen.  Gleichzeitig erfrecht sich aber ausgerechnet die Politik ständig, der Wirtschaft gutes Benehmen beibringen zu wollen. 

Wie sieht Ihre Vision aus, welche Rolle die Politik in Zukunft dabei spielen soll? 
Ich bin Befürworter eines starken, schlanken Staates. Ein solcher kann gross sein wie Kanada oder klein wie Liechtenstein. Er zeichnet sich aus durch politische Stabilität, institutionelle Effizienz, lebendige Demokratie und die Respektierung internationalen Rechts. (dal)

 

19. Okt 2019 / 12:14
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