• Andreas Brunhart, Bendern
    «Die Regierung hat sehr umsichtig agiert», sagt Brunhart.  (Tatjana Schnalzger)

Liechtenstein triffts härter als die Schweiz

Die Corona-Krise dürfte die Liechtensteiner Wirtschaft noch härter beuteln als jene in der Schweiz. Ein Gespräch mit Andreas Brunhart, Forschungsleiter beim Liechtenstein-Institut im Bereich Wirtschaft.

 

Herr Brunhart, das Staatssekretariat für Wirtschaft Seco hat vor Kurzem die Konjunkturprognosen publiziert. Demnach falle die Schweiz 2020 in eine Rezession. Gilt das auch für Liechtenstein?
Liechtensteins Volks­wirtschaft ist aufgrund der geringen Grösse üblicherweise stärkeren Konjunkturschwankungen ausgesetzt als jene grösserer Staaten. Sollte es in der Schweiz 2020 tatsächlich zu einem negativen BIP-Wachstum kommen, kann man davon ausgehen, dass das Negativwachstum in Liechtenstein noch ausgeprägter sein wird. Auch spielt der Pharmasektor, welcher in der Schweiz in den letzten Jahren Wachstumslokomotive war und auch in der Corona-Krise stabilisierend wirken wird, in Liechtenstein nur eine untergeordnete Rolle. Die Konjunkturforschungsstelle der ETH rechnet in ihrem negativsten Prognoseszenario für die Schweiz mit minus 2,3 Prozent im Jahr 2020, was ungefähr der schweizerischen Wachstumsrate in der Finanzkrise 2009 entspräche. 

Wann gehen Sie von einer Erholung der wirtschaftlichen Lage aus? 
Diese Frage lässt sich momentan nicht seriös beantworten, weil dies von der Dauer der Corona-Eindämmungsmassnahmen abhängt. Erschwerend für die Prognose kommt hinzu, dass wir es mit einem volkswirtschaftlichen Einbruch zu tun haben, der simultan von der Angebots- und der Nachfrageseite ausgelöst wird. Normalerweise entstehen Rückkopplungseffekte zwischen diesen beiden Seiten eher in längerer Frist. Die negativen Angebotseffekte entstehen vor allem, weil sich durch die Quarantänemassnahmen das Arbeitskräfteangebot verknappt hat und die nationalen und internationalen Produktions- und Wertschöpfungsketten unterbrochen werden. Zudem lasten die steigenden Transaktionskosten auf den Unternehmen. Nachfrageseitige Effekte ergeben sich zum Beispiel durch Rückgang von Konsum und Investitionen. Zudem ist ein Aufwertungsdruck auf den Franken zu erwarten, was zusätzlich bremsend wirken würde. Hinzu kommen aber auch die momentan stark fallenden Ölpreise, welche in den ölimportierenden Staaten wie Liechtenstein mildernd wirken. Je nach Dauer der Pandemie könnten die mittelfristigen Wirkungen höhere Arbeitslosigkeit mit sich brin­gen, und wenn es zu steigenden Zahlungsausfällen und Pleiten in der Wirtschaft kommt, sind längerfristig auch Liquiditätsengpässe im internationa­len Bankensektor möglich.

Wann erscheint Liechtensteins nächster Konjunkturindex «KonSens»? 
Diesen werden wir Mitte Mai publizieren, wenn alle wichtigen Daten für das erste Quartal, welche in die KonSens-Berechnung einfliessen, vorliegen. Wir werden uns also bis dahin gedulden müssen, um die ersten unmittelbaren, konjunkturellen Auswirkungen der Pandemie auf Liechtenstein besser einschätzen zu können. Die internationalen Konjunkturindikatoren kündigen jedenfalls starke Einbrüche an. Die Daten für das zweite Quartal werden aber wohl noch wichtiger sein.

Befand sich Liechtenstein schon einmal in einer Rezession und was war damals Auslöser? 
Rezessionen sind normal und gehören zu Konjunkturzyklen wie Hochkonjunkturen, dies kann man für nahezu alle Volkswirtschaften beobachten. Üblicherweise werden Rezessionen von Konjunkturschocks auf der Nachfrage- oder der Angebotsseite verursacht. Prominentes Beispiel für eine angebotsseitige Rezession ist die Ölkrise, welche durch den starken Anstieg der Ölpreise verursacht wurde und in Liechtenstein preisbereinigt zu einer negativen BIP-Wachstumsrate von −6,3 Prozent im Jahr 1975 geführt hat. Demgegenüber hat die Finanzkrise 2008/2009 neben den Schockwellen im Finanzsystem vor allem die internationale Nachfrage nach liechtensteinischen Produkten gebremst, was durch den steigenden Frankenkurs noch verstärkt wurde. Die Güterexporte Liechtensteins kollabierten innerhalb von zwei Jahren um fast 30 Prozent gegenüber dem Vorkrisenniveau. Im Jahr 2008 brach das reale BIP Liechtensteins um −2,3 Prozent und 2009 nochmals um −11,3 Prozent ein.

Was muss Liechtenstein nun konkret unternehmen, um die eigene Wirtschaft erfolgreich wieder anzukurbeln? 
Die Regierung hat vor dem Hintergrund der raschen Corona-Ausbreitung und den vielfältigen Auswirkungen sehr pragmatisch und umsichtig agiert. Die getroffenen Massnahmen zur Stützung der Wirtschaft sind ein zielführender erster Schritt. Allerdings wird eine Belebung auch von den wichtigsten Exportmärkten Liechtensteins (Schweiz, Deutschland, USA, Österreich, Frankreich, China und Italien) abhängen. Also von Ländern, die ebenfalls stark von der Corona-Krise betroffen sind. Wegen der relativ kleinen Binnenwirtschaft und der grossen Auslands­abhängigkeit spielt konventionelle antizyklische Fiskalpolitik in Liechtensteins Wirtschaftspolitik traditionell keine Rolle. Dasselbe gilt auch für die Geldpolitik, da Liechtenstein hier von der Schweizerischen Nationalbank abhängig ist. In dieser besonderen Situation wird der liechtensteinischen Wirtschaft aber mit zielgerichteten Massnahmen geholfen. Zudem wird Liechtensteins Wirtschaft auch von den internationalen Stabilisierungspaketen über ihre Nachfragewirkung profitieren.

Reicht das Massnahmenpaket aus, welches die Liechtensteiner Regierung für die heimische Wirtschaft beschlossen hat? 
Die Regierung hat ja schon kommuniziert, dass das aktuelle Massnahmenpaket als schnelle erste Reaktion zu verstehen ist und im Bedarfsfall nachgelegt werden kann, sowohl was Dotierung bestehender als auch die Einführung neuer Massnahmen betrifft. Liechtenstein ist dank hoher öffentlicher Reserven im internationalen Vergleich jedenfalls in einer privilegierteren Lage.

Die Ratingagentur Standard & Poor’s stufte Liechtenstein zuletzt mit einem AAA ein. Sehen Sie eine Gefahr, dass Liechtenstein in Zukunft herabgesetzt werden könnte?
Ich persönlich rechne eher nicht damit, aber eine eindeutige Beantwortung dieser Frage wäre momentan noch reine Spekulation. Gerade die Schockresistenz ist ja wichtig für die S&P-Bewertung. Liechtensteins Wirtschaft hat sich trotz der vielen Turbulenzen seit der Finanzkrise als erstaunlich anpassungsfähig erwiesen. Hier entpuppen sich die trotz der Kleinheit hohe volkswirtschaftliche Diversifikation, die kurzen Wege zwischen Wirtschaft und Politik, die hohen öffentlichen Reserven und die vergleichsweise gute Eigenkapitalisierung der Unternehmen als Stärke Liechtensteins. Als problematisch könnte sich in diesem Zusammenhang aber die im internationalen Vergleich hohe private Haushaltsverschuldung erweisen. Auch hier wird aber entscheidend sein, wie lange die Krise dauert, wie ausgeprägt die Erholung sein wird und wie stark sich der Coronavirus langfristig auf den Arbeitsmarkt auswirkt. Für die Schweiz wird nach jetzigem Stand nicht mit einer S&P-Rückstufung gerechnet. (rpm)

 

27. Mär 2020 / 10:04
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1 KOMMENTAR
Negativwachstum?
Welche irrwitzigen Blüten die Realitätsentfremdung der akademischen Wolkenkuckuckstürme treibt, lässt sich an diesem Sprachgebrauch hervorragend darstellen.

Ein Bodenständiger, der sein Geld selbst verdienen muss, würde das Rückgang oder Schrumpfung nennen.

Oder wird Hass jetzt auch zur negativen Liebe?
Abtreibungen zur negativen Geburt?
Todesfälle eine negative Lebenserwartung?
Pech zu negativem Glück?
Absagen zu negativen Zusagen?

Geht mal zur Bank und sagt, ihr habt eine negative Gehaltserhöhung bekommen.
Oder als Firma, die einen negativen Gewinnzuwachs meldet.

Die werden sich freuen und begeistert sein.

Negativwachstum ist wie rückwärts essen.

Schatz, meine Treue zu Dir war mal ganz kurz negativ.

Negative Qualitätsverbesserung,
.

Ich empfinde die Aussagen insofern als negative sprachliche Perfektion. Sehr erhellend.

Vielen Dank auch.
lädt ... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet 28.03.2020 Antworten Melden

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