«Diese Art von Geldgeschäften ist die Wurzel allen Übels»

Lena Hoschek ist ein aufsteigender Stern am Modehimmel. Am Businesstag spricht die österreichische Unternehmerin über schwierige Anfänge und künftige Ziele, die sie erreichen will. Am gleichen Tag eröffnet sie einen Pop-up-Store in Vaduz.

Frau Hoschek, welchen Eindruck haben Sie von Liechtenstein?
Lena Hoschek: Bisher noch keinen, weil ich ich noch nie in Liechtenstein war (lacht). Aber ich freue mich sehr, dass ich nun beim Businesstag in Vaduz die Gelegenheit habe, das Land kennenzulernen.

Sie planen dennoch bereits einen Pop- up-Store in Vaduz. Wie kam es dazu?
Entstanden ist die Idee durch die Zusammenarbeit mit den beiden Geschäftsführerinnen des Juweliers Herzog & Loibner, Bianca Herzog und Susanne Loibner. Sie hatten bei uns angefragt, ob sie unsere Mode in ihr Katalog-Shooting einbauen können und wir haben wiederum ihren Schmuck in unseren Katalogen verwendet. Herzog & Loibner waren zu Gast bei mir im Atelier und im Gegenzug kommen wir nun im Mai nach Liechtenstein.

Am Businesstag halten Sie eine kurze Keynote. Wissen Sie schon, welche Botschaft Sie Frauen an diesem Tag mit auf den Weg geben möchten?
Ich möchte Frauen auf jeden Fall mit auf den Weg geben, dass es nicht nur wichtig ist, sich zu vernetzten, sondern auch Cross-Marketing zu betreiben und Kundennetzwerke auszutauschen.

Sie sind in sehr kurzer Zeit international sehr erfolgreich geworden. Wie haben Sie das geschafft?
Mein Erfolgsgeheimnis ist sicher, dass Kreativität für mich zwar an allererster Stelle steht, aber nicht alles ist. Ich liebe es, gute Produkte zu machen, aber genauso wichtig ist es, diese mit Fleiss, Energie und Innovationskraft zu vermarkten und zu verkaufen. Ich bin also eher ein Allrounder als nur ein kreativer Kopf. Eine Modenschau in Berlin ist daher nicht die Krönung meiner Arbeit, hier beginnt sie erst. Und auch wenn Kreativität als Modedesignerin wichtig ist, möchte ich deswegen in puncto Nachhaltigkeit und sozialer Verantwortung keine Abstriche machen.

Nachhaltigkeit ist heute in aller Munde. Ist es bei Ihnen auch mehr als nur ein Marketing-Schlagwort?
Nachhaltigkeit ist zu einem Schlagwort geworden, als ich diese längst schon lebte. Meine Grossmutter und meine Mutter waren extrem sparsam. Auch wenn ich es ab und zu zwar liebe, Geld zu
verprassen, hasse ich Verschwendung. Das wurde mir in die Wiege gelegt. Jedes noch so kleine Stück Stoff schätze ich sehr und hebe es auf, bis es dafür eine Verwendung gibt – auch wenn ich davon Säcke voll im Lager horte. Jede Plastikver­packung beim Transport wird wiederverwendet, weil Berge von Verpackungsmaterial anfallen. Im Onlinehandel haben wir zwar im Vergleich zu anderen Shops wenig Retouren, dennoch sind es 30 bis 40 Prozent der Pakete, die zurückgeschickt werden. Aus diesem Grund haben wir eingeführt, dass Kunden beim Bestellen gebrauchte Verpackungen akzeptieren können. Dadurch sparen wir sehr viel Müll. In Sachen Qualität ist ein Kleidungsstück für mich erst dann nachhaltig, wenn es so lange wie möglich lebt. Wenn es dann wirklich nicht mehr repariert oder getragen werden kann, dann soll es aber mindestens verrotten. Die kurzlebige Modeindustrie, wie wir sie als Konsumenten heute alle lieben, ist etwas sehr Perverses geworden. Wir müssen uns selbst eingestehen, dass der Konsument dahinter die treibende Kraft ist.

Und wo produzieren Sie?
Meine frühere Produktion in Österreich musste Insolvenz anmelden und hatte ohne mein Wissen bereits begonnen, den Grossteil der Produktion nach Ungarn auszulagern und nur noch das Finishing fand in Österreich statt. Nachhaltigkeit bedeutet für mich auch Ehrlichkeit gegenüber dem Kunden. Wir produzieren inzwischen sehr viel in Ungarn, Kroatien, einen Teil in Rumänien, Portugal und zum Beispiel in Tschechien. Darauf bin ich stolz, weil es schwierig ist, in Europa Kapazitäten zu halten und Nachwuchs zu finden. Wir sind natürlich auch abhängig von unseren Kunden, die Produkte schätzen und kaufen, die in Europa hergestellt werden. Weil die Textilindustrie in Österreich seit 100 Jahren auf dem Rückzug ist, kann ich meine Stoffe nicht in Österreich einkaufen. Sie haben daher auch längere Transportwege hinter sich, bestehen aber fast ausschliesslich aus Naturmaterialien. Diese Vielfalt von herrlichen Stoffen aus aller Welt möchte ich mir aber auch bewahren. Unsere Lieferanten sind aber tolle Produktionsstätten und Traditionsbetriebe – einer von ihnen sitzt zum Beispiel in Como. Er stellt seit 300 Jahren Seide her.

Sie haben mit 13 Jahren Ihr erstes Dirndl zusammen mit Ihrer Grossmutter genäht. Ihre Kindheit und Familie hatten grossen Einfluss darauf, wie sie heute denken und arbeiten?
Ja, das hat mich auf jeden Fall stark geprägt – vor allem meine Liebe zum Detail und zur Handarbeit ist durch meine Grossmutter entfacht worden. Meine Mutter konnte ehrlich gesagt nicht nähen, sticken, häkeln und auch nicht kochen (lacht). Ich habe schon im Kindergartenalter begonnen, mich mit Stricken und Sticken zu beschäftigen und konnte Stunden damit verbringen. Das hat auch meine Herangehensweise geprägt. Erst wenn ich die Stoffe zum Beispiel in Paris gekauft habe, sie im Atelier anfassen und drapieren kann, kann ich kreativ werden.  

Sie haben 2005 Ihr eigenes Atelier in Graz eröffnet. Wie haben Sie das finanziert?
Ich wurde schon oft gefragt, warum hast du dich nicht in London oder Paris selbständig gemacht? Der Grund ist ganz simpel: Ich hätte mir das nicht leisten können. Wenn man ein Modeunternehmen oder Label gründet, das international agieren möchte, Fashion-Weeks und Messen besucht, dann spielt es sowieso keine Rolle, wo der Betrieb sitzt. Anfangs hat die Miete für das Atelier in Graz 500 Euro gekostet. Ich war damals 24 Jahre alt und habe noch bei meinen Eltern gewohnt. Meine Ausgaben waren damit niedrig, dennoch hatte ich kaum Geld. Gott sei Dank konnte ich von Beginn an verkaufen. Es gab manchmal auch Durststrecken. Für mich war auch wichtig, von Anfang an eine Buchhalterin zu engagieren, die sich um die Finanzen und Steuern kümmert. Ohne sie hätte ich mich ganz schnell in Krise gewirtschaftet. Die letzten sieben bis zehn Jahre waren schon ein Kampf und wir mussten uns oft auf die Geduld unserer Lieferanten verlassen, wenn wir eine Rechnung erst bei der dritten Mahnung zahlen konnten. Es war nicht leicht, aber wir haben diese Zeiten überstanden. Ich bin mir aber bewusst, dass es wieder schwieriger werden kann, wenn die Leute zum Beispiel beim nächsten Börsencrash weniger kaufen. Handel ist hart.

Gab es auch konkrete Rückschläge und wie sind Sie damit umgegangen?
Für mich sind Rückschläge, wenn der Schnitt nicht passt und wir das Kleidungsstück nicht verkaufen können, oder wenn die Qualität schlecht ist. Aber damit haben wir jeden Tag zu kämpfen. Den einen grossen Rückschlag gab es für mich nicht.

Wie läuft das Geschäft heute?
Wir kratzen an der Umsatzmarke von 5 Millionen Euro und beschäftigen 45 Mitarbeiter.

Und das Geschäft ist auch profitabel?
Profitabel ist für mich relativ. Ich gebe das Geld lieber aus und schaue, dass ich wachsen kann. Wir haben zwar ein bestimmtes Level erreicht, aber wir sind noch lange nicht fertig. Eine gewisse Wachstumsstrategie muss man immer fokussieren und vor allem auch vorfinanzieren. Für mich bedeutet profitabel, dass ich meine Mitarbeiter pünktlich zahlen kann und wir davon alle gut leben können. Ich würde mein Unternehmen nie im Leben an die Börse bringen, wo Menschen mitverdienen, die nicht einmal im Unternehmen arbeiten und deren Spekulationen mein Unternehmen auf- oder abwerten können. Diese Art von Geldgeschäften ist die Wurzel allen Übels in unserer Weltwirtschaft, weil viele Firmen nicht mit reellen Werten hinterlegt sind.

Sie möchten also noch wachsen. Was sind Ihre Ziele?   
Das E-Commerce in Europa weiter auf- und auszubauen ist eine Baustelle. Eine andere ist der Markt in Amerika. Wir sind auf «Moda Operandi» gelistet, einem sehr grossen Onlineshop, der den grössten Stylisten Hollywoods zum Beispiel als Inspiration dient. Seitdem ist die Nachfrage aus den USA riesig. Allerdings können wir diese über unseren Online-Shop bisher nicht sehr gut bedienen, weil ein Paketversand 40 Euro kostet und dann kommt natürlich noch der Zoll als Hürde dazu. Seit der Präsidentschaft von Donald Trump ist es noch schwieriger geworden, Produkte nach Amerika zu exportieren.

Was macht den US-Markt konkret so schwierig?
Eine grosse Herausforderung für mich als Unternehmerin ist, eine Distribution in den USA aufzubauen. In Japan wurde mit der EU gerade ein Freihandels­abkommen unterzeichnet. Das ist toll für mich, weil ich japanische Stoffe, die qualitativ besonders hochwertig sind, sehr gerne mag. Aufgrund der Produktionszeiten und der Zölle habe ich ich diese bisher nicht importiert. Das wird sich nun aber ändern und vielleicht werden wir sogar unser Geschäft Richtung Japan öffnen. (dal)

29. Mär 2019 / 18:39
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