­
­
­
­

«Die Arbeit auf der Baustelle ist noch immer sehr traditionell»

In der Baubranche wurden in den letzten Jahrzehnten kaum Produktivitätsfortschritte erzielt. Für Peter Rupp, Leiter der Buisness Unit «Construction Services» bei Hilti, steht die Branche nun aber vor grossen Veränderungen. «Alle werden mit digitalen Modellen arbeiten», ist er überzeugt.

Herr Rupp, wie rückständig ist die Baubranche?
Peter Rupp: Rückständig würde ich es nicht nennen. Meistens ist die Produktivität gemeint – und da zeigt sich ein klares Bild, egal welche Studie man betrachtet: In der Baubranche wurden über die letzten Jahrzehnte praktisch keine Produktivitätsfortschritte erzielt. 

Aber mit der Erfindung des Krans wurde es doch sicher produktiver?
Das liegt auch schon wieder einige Jahrzehnte zurück. (lacht) Aber die Frage ist berechtigt: Das Equipment hat sich verbessert, doch grundsätzlich wird auf dem Bau immer noch sehr traditionell gearbeitet. Die Abläufe haben sich ebenso wenig verändert wie die Rollenverteilungen der Gewerke. Das hängt auch mit der Vielzahl der Beteiligten zusammen, die in ein Bauprojekt involviert sind. 

Was ist der Grund, dass hier kaum eine Entwicklung stattgefunden hat? Fehlt es am Kostendruck wie in anderen Branchen?
Das ist auch ein Aspekt. Obwohl die Margen in der Baubranche nicht extrem hoch sind. Trotzdem haben die grossen Innovationen noch nicht stattgefunden. Die digitalen Möglichkeiten wurden kaum genutzt. Im Vergleich, beispielsweise zur Autobranche, herrschte über die letzten Jahrzehnte aber sicher nicht der gleiche Kostendruck.

Sie haben die Vielzahl an Parteien an einem Bauprojekt bereits angesprochen. Als einzelner dürfte es schwierig werden, Prozesse hin zu einer höheren Produktivität zu ändern. Wer kann Ihrer Ansicht nach eine solche Entwicklung anstossen?
Die Frage ist, wem die höhere Produktivität etwas nützt. Das ist meist der Bauherr, kann aber auch ein Generalunternehmer sein. Es mag etwas salopp klingen, aber es ist ein Fakt: Am Bau gibt es heute noch viele Fehler in der Ausführung oder nachträgliche Planänderungen. Davon profitieren Subunternehmen, also besteht wenig Interesse, daran etwas zu ändern.

Ein bekanntes Beispiel eines kostenbewussten Bauherrn ist der Roche-Tower in Basel, das höchste Gebäude der Schweiz. Das Unternehmen hat als Bauherr die Systeme und Abläufe vorgegeben. 
Das ist ein sehr gutes Beispiel. Wir waren bei diesem Vorhaben auch beteiligt. Roche hatte Probleme damit, das Bauprojekt zeitgerecht und im Kostenrahmen umzusetzen. Gleichzeitig kam noch das Platzproblem dazu. Deshalb wurde entschieden, das Gebäude mit einem umfassenden BIM-Ansatz zu planen und zu bauen. Das Gebäude und die technische Gebäudeausrüstung wurden bis ins letzte Detail digital geplant, bemessen und modelliert.

Sie haben den BIM-Ansatz angesprochen. Was versteht man unter BIM?
BIM ist die Abkürzung für «Building Information Modelling», wobei dieser Ausdruck bereits breiter verwendet wird. In der Fachbranche wird vermehrt von «Building Information Management» gesprochen. 

Wird dieses Vorgehen von Bauherren künftig zunehmen?
Absolut, das wird kommen. Wenn wir die Entwicklung weltweit betrachten, so gibt es bereits einige Staaten, die für alle öffentlichen Bauten den BIM-Ansatz vorgeschrieben haben. England wäre hier ein Beispiel.

Es geht also um digitale Modelle, zum Beispiel von Hochbauten.
Wir sprechen von einem digitalen Zwilling. Zuerst wird ein Gebäude detailliert digital geplant, bevor es physisch gebaut wird. Heute entscheidet sich vieles spontan auf der Baustelle: Was wird wo verbaut? Welche Leitungen werden wo gelegt und wie befestigt? Mit dem BIM-Ansatz werden diese Entscheidungen bereits im digitalen Zwilling getroffen, was neue Möglichkeiten für Produktivitätsfortschritte eröffnet. Dabei bleibt es aber nicht.

Deshalb auch der Wechsel vom «Modelling» zum «Management»?
Richtig. Es ist ein integrierter Datenfluss über den ganzen Lebenszyklus eines Gebäudes. Es geht darum, jede relevante Information zum Gebäude nur einmal erfassen zu müssen. Dazu gehört auch die Wartung eines Gebäudes. Das «Modelling» ist nur ein Teil von BIM.

Wenn wir wieder auf die Baustelle zurückkommen, dann dürfte BIM aber vor allem die zeitliche Planung vereinfachen?
Es kann sehr vieles vereinfachen, weil bereits im Voraus genau bestimmt ist, was wann auf die Baustelle kommt und wo was verbaut wird. Auch die Kosten können konkreter berechnet werden, weil alle Teile bekannt sind, die im Gebäude verbaut werden. Und einen grossen Einfluss hat BIM auf die Bemessung.

Was meinen Sie damit?
Grosses Potenzial hat BIM gerade auch im Bereich der Gebäudetechnik. Abgesehen von ganz einfachen Befestigungen muss jede Installation berechnet werden. Hier geht es beispielsweise um die Statik, um dynamische Lasten oder Brandschutz. Ist alles vorausberechnet, kommt ein weiterer gewichtiger Vorteil ins Spiel: Die Vorfertigung. (ags)

Das gesamte Interview lesen Sie in der Ausgabe vom Wirtschaft Regional. E-Paper (Abo)

Lädt

Schlagwort zu Meine Themen

Zum Hinzufügen bitte einloggen:

Anmelden

Schlagwort zu Meine Themen

Hinzufügen

Sie haben bereits 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

Entfernen

Um «Meine Themen» nutzen zu können, stimmen Sie der Datenspeicherung hierfür zu.

Zustimmen

Kommentare
0 Kommentare
Kommentare hinzufügen
Noch Zeichen

Um Kommentare zu schreiben, müssen Sie eingeloggt sein!

Wenn Sie noch keinen Account haben, füllen Sie bitte die notwendigen Daten für eine Registrierung aus. Sie werden automatisch eingeloggt und können anschliessend Ihren Beitrag verfassen.

Anmelden oder registrieren

oder

Ähnliche Artikel

Bauarbeiter feiern den erfolgreichen Durchstich des Tunnels bei Lausanne.
Meilenstein für die Bahnlinie Lausanne-Echallens-Bercher (LEB): Am Dienstag ist bei Prilly VD der Tunneldurchstich erfolgt.
22.09.2020
Familie Altenöder, Gamprin
Architekt Lars Huser ­zeichnet für das Einfamilienhaus der Familie Altenöder in Gamprin ­verantwortlich.
01.09.2020
So wie ich die Sache mit der Antenne in Schellenberg bis heute verfolgt habe, äusserten sich öffentlich nur Gegner betreffs des Baus dieser Antenne.
26.08.2020
­
­