Damoklesschwert über Region

2019 wird ein schwieriges Börsenjahr für einige Rheintaler Unternehmen. Der einstige Höhenflug der Aktien ist vorbei. Für Rolf Kuster, Senior Equity Analyst der VP Bank, ist klar: Anleger sind gut beraten, wenn sie die zyklischen Aktien der Region vorerst meiden.

Noch vor zwei Jahren zeigten sich einige Aktien der Region als absolute Überflieger. Dazu zählte auch die VAT in Haag, deren Kurs nach oben schoss. Doch dann begann die Katerstimmung in der Halbleiterindustrie und damit  auch die Talfahrt an der Börse. Inzwischen leidet die Halbleiterindustrie an Überkapazitäten und die Investitionen fahren stark zurück. Was sich zur Jahresmitte 2018 bereits durch einen eingebrochenen Auftragseingang abzeichnete, hat sich inzwischen bewahrheitet: Es herrscht eine grosse Nachfrageflaute beim Vakuumventil-Hersteller VAT. Verfehlte Erwartungen und Kurzarbeiten holen Anleger damit auf den Boden der Realität. Zwar wird diskutiert, dass das neue Management mit diesen Massnahmen nur eine Verschönerung vornimmt, «doch in der ganzen Halbleiterindustrie stellte sich eine Abkühlung ein», erklärt etwa Rolf Kuster als Senior Equity Analyst der VP Bank. Das trifft auch die Inficon in Bad Ragaz. Das österreichische Unternehmen Ams, ein multinationaler Halbleiterhersteller mit Hauptsitz in der Steiermark, hat laut Kuster sogar über 80 Prozent seiner Börsenkapitalisierung verloren. Weil der Konzern von nur einem grossen Tech-Giganten in den USA abhängig ist, steigt das Klumpenrisiko. 

Zyklische Aktien meiden
Abschreiben will Kuster die Unternehmen im Halbleiter-Bereich deswegen aber noch lange nicht. «Langfristig betrachtet, ist etwa der Investment-Case der VAT-Aktie intakt.» Die Nachfrage ist vor allem aufgrund von Verzögerungen bei Halbleiterprojekten im Bereich Speicherchips zurück-
gegangen, sagt das Unternehmen. Dies beruhe vor allem auf der Verschiebung einiger Projekte auf einen späteren Zeitpunkt. Durch die Korrektur ist VAT günstiger geworden. Doch aktuell sagt Kuster, dass man gut beraten ist, bei den zyklischen Industrieunternehmen im Rheintal selektiv zu sein. Zumindest im Moment sei es zu früh, um einzusteigen. Auch die Titel von SFS und Oerlikon seien sehr zyklisch. Aber langfristig betrachtet sind beide Firmen starke Unternehmen mit soliden Bilanzen. Oerlikon zum Beispiel konnte seine starken Überkapazitäten aus dem Jahr 2015 abbauen. «Die Fokussierung des Konzerns auf die beiden Segmente Coatings und Manmade Fibers ist spannend», sagt der Experte. Mit dem Verkauf der Getriebeaktivitäten (Drive Systems), die zuletzt als Sorgenkind aufgrund mangelnder Nachfrage galt, nahm der Oerlikon-Konzern zuletzt 600 Millionen Franken ein. Man will dieses Geld auch verwenden, um Oberflächen-
lösungen weiterzuentwickeln. Falls das richtige Übernahmeziel komme, sei der Konzern grundsätzlich bereit, sogar bis zu zwei Milliarden Franken zu investieren, wie Verwaltungsratspräsident Michael Süss unlängst in einem Interview erklärte. In das Oberflächengeschäft will Oerlikon in den nächsten Jahren insgesamt 300 Millionen Franken investieren, um bis 2021 jährlich 300 Millionen Umsatz mit dem innovativen Geschäft von Oerlikon Additive Manufacturing, den sogenannten 3-D-Druckern für Industrieanwendungen, zu erzielen. «Für Oerlikon ist das ein absolutes Wachstumssegment und ein Wachstums-treiber, auch wenn man sich anfangs davon mehr erhoffte», sagt Kuster. Der Konzern sei stark bei Patenten und habe – neben hohen Cash-Beständen –  ein grosses Hightech-Knowhow. 

Die Autoindustrie schwächelt

Es gibt aber bei Oerlikon und auch bei SFS einen Wermutstropfen. Beide hängen stark am Automobilsektor. SFS sogar noch etwas stärker als Oerlikon, der Motorenteile für die grössten Autohersteller der Welt beschichtet. «Die Automobilindustrie ist der Verlierer des vergangenen Jahres», sagt Kuster. Die Zahl der Neuzulassungen ist relativ niedrig und stagniert in Europa sowie in den USA. Auch der Markt in China schwächelt. Dadurch leiden natürlich auch die Automobilzulieferer. Das bekommt ein weiteres Unternehmen der Region zu spüren. Autoneum musste zum dritten Mal innerhalb weniger Monate seine Prognose nach unten korrigieren – sogar mit Gewinnwarnung. 

In der wichtigsten Region Nord-amerika hat sich die Lage dermassen zugespitzt, dass der Verantwortliche den Hut nehmen musste. Ende Juli wurde das Margenziel für 2018 von 
8 auf 7 Prozent gesenkt, Mitte Oktober von 7 auf 6 Prozent, und nun bleibt auch dieser Wert unerreichbar. Die Enttäuschung an der Börse war gross: Die Aktien verloren Mitte Dezember fast einen Drittel ihres Wertes. Dafür hauptverantwortlich ist aber nicht unbedingt eine Flaute am Markt. «Insbesondere anspruchsvolle Neuanläufe für Modelle europäischer Hersteller, die nicht mit der gewohnten operativen Effizienz umgesetzt wurden, verursachten nicht-verrechenbare Zusatzaufwände», hiess es in einer Medienmitteilung im Dezember.

Mit Pharma-Aktien gut beraten

Auch wenn die Aktien der Region langfristig betrachtet wieder zu den Zugpferden an der Börse mutieren dürften, so sieht Kuster im Moment andere Aktientitel als vorteilhafter. Denn es gibt Zeichen für eine globale konjunkturelle Abkühlung. Die grossen Industrieunternehmen leiden überproportional, wenn es weiter abwärts geht. Auch die Bankaktien der Region haben es angesichts des negativen Zinsumfeldes nicht leicht. Sie stehen unter Druck, zumal sich am Zinsniveau laut Kuster noch relativ lange nichts ändern wird in der Schweiz sowie in Europa. In Hinblick auf eine Dividende seien sie dennoch die bessere Alternative. «Im aktuellen Umfeld sehe ich Pharmafirmen als interessant an», betont Kuster. Die Dividendenrendite lag zuletzt bei 3,6 Prozent. Grundsätzlich wird 2019 eher ein unruhiges Börsenjahr werden. (dal)

11. Jan 2019 / 19:02
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