• Health Visitor With New Mother Suffering With Depression
    Eine Hebamme ist auch eine psychische Unterstützung für Eltern.  (Highwaystarz-Photography)

«Wir sind zu wenige, um alles abzudecken»

Hebammen können eine grosse Unterstützung für belastende Familien sein. Doch nicht immer kommt die Hilfe dort an, wo sie sollte.

Der Hebammenmangel ist nicht nur in Liechtenstein ein Thema. Auch in der Schweiz und Deutschland gibt es zu wenige Hebammen, um den Bedarf abzudecken. (Siehe Kasten). Laut einer Studie der Sophie von Liechtenstein Stiftung zum Thema «Frühe Hilfen», welche im Frühling veröffentlicht wurde, konnten im Jahr 2017 nur 72 Prozent aller frischgebackenen Mütter durch eine frei praktizierende Hebamme nachbetreut werden. Die Situation spitzt sich vor allem in der Ferienzeit im Sommer zu. Die Mütter- und Väterberatung des Roten Kreuzes hat aus diesem Grund ihr Angebot ausgeweitet und bietet nun auch Hausbesuche an, um die Situation zu entschärfen. Die Zusammenarbeit unter den Hebammen und mit der Mütter- und Väterberatung ist laut der Hebamme Barbara Riedener-Büchel sehr gut. Trotz­dem würden Frauen auf der Strecke bleiben. «Wir arbeiten alle mehr, als wir müssten. Aber wir sind zu wenige Hebammen, um alles abdecken zu können und müssen auch absagen», sagt sie. 

Viele Fragen kommen erst zu Hause auf
Eine frei praktizierende Hebamme leistet wertvolle Arbeit. Sie hilft nicht nur bei der Säuglingspflege, sondern hat ein offenes Ohr für Sorgen und Fragen der Eltern. Seit der Einführung der Fallpauschale in 
der Krankenhausfinanzierung hat sich der Krankenhaus-
aufenthalt der Frauen nach der Geburt auf zwei bis drei Tage verkürzt. Eine Zeitspanne, die knapp genügt, das umfangreiche medizinische Programm rund um eine Geburt abzuwickeln. Nach drei Tagen ist die hormonelle Umstellung mit ihren psychischen Belastungen voll im Gang, der sogenannte Babyblues setzt häufig erst zu Hause ein, und es gibt oft Stillprobleme, die im Spital nicht mehr behoben werden konnten. Die Arbeit der Hebamme ist daher noch wichtiger geworden. «Die Probleme und Fragen daheim unterscheiden sich zu jenen während des Spitalaufenthalts», weiss Barbara Riedener-Büchel. Gerade für belastete Frauen, die besonders unruhige Kinder, Schreibabys etc. haben, ist eine sofortige ambulante Hebammenbetreuung auch nach der Geburt dringend notwendig. «Wenn der Vater nicht zu Hause, unkooperativ oder abwesend und auch sonst wenig familiäre Unterstützung vorhanden ist, kann die Situation der Wöchnerin und des Kindes gefährlich entgleisen», hält die «Frühe Hilfen»-Studie fest.

Eine frühe Überweisung der Ärzte könnte viel bewirken
Wie die Studie aufzeigt, haben die Frauenkliniken allerdings Mühe, bei allen belasteten Frauen die Nachbetreuung durch eine Hebamme sicherzustellen. Besonders, wenn die Frau selbst keine Hebamme organisiert hat. «Gerade Frauen mit mehrfacher Belastung suchen oft keine oder sehr spät eine Hebamme für die Betreuung nach dem Spitalaustritt», schreiben die Liechtensteiner Hebammen in einer Stellungnahme. «Wenn aber die Pflegefachfrau vom Spital mit uns Kontakt aufnimmt, sagen wir zu, auch wenn wir bereits ausgebucht sind. Da wir dann die Dringlichkeit sehen», halten sie weiter fest. Da alle werdenden Mütter von Gynäkologen betreut werden, könnte laut den Hebammen eine frühe Überweisung oder ein Hinweis der Ärzte auf das Angebot schon viel bewirken. 

Hindernisgrund Pikettgeld
«Meldet sich die werdende Mutter bei uns, bedeutet dies, dass wir alle ihre Fragen auch während der Schwangerschaft beantworten und in Bereit­schaft für sie da sind», so die Hebammen. Diesen Bereitschaftsdienst während der Schwangerschaft und für die Zeit um und nach der Geburt müssen die Frauen mit einem Pikettgeld von 120 Franken selbst bezahlen. «Für sozial schwache Familien ist dies 
ein Hindernisgrund, eine Hebamme in Anspruch zu nehmen. Obwohl diese Frauen dringend eine Hebamme bräuchten.» In der Studie der Sophie von Liechtenstein-Stiftung wird eben­falls festgehalten, dass das Pikettgeld eine gravierende Fehlsteuerung darstellt. Laut den Hebammen wäre es eine Lösung für die Frauen, wenn die Gemeinden die Kosten decken würden – so wie es einzelne Gemeinden über dem Rhein, wie Buchs oder Gams, bereits praktizieren. «Zum Beispiel mit einem Gutschein, den sie einlösen könnten.» Der Bereitschaftsdienst ist nicht mit den Hausbesuchen zu verwechseln, von denen zehn Konsulationen die Krankenkasse bezahlt.

Familienportal.li: «Ein grosses Ärgernis»
Die Hebammen kritisieren allerdings auch die Neugestaltung der Internetseite familienportal.li, die von der liechtensteinischen Regierung betrieben wird. «Das ist ein grosses Ärgernis für uns», schreiben sie in der Stellungnahme. Die neue Gestaltung möge zwar jugendlich, modern und schön sein, jedoch würden liechtensteinische Inhalte fehlen. «Es handelt sich nur noch um eine Verlinkung der unterschiedlichen Homepages. Zum Beispiel wird das Hebammenangebot nicht vollumfänglich aufgezeigt. Es ist traurig, dass die Ressourcen zur fachmännischen, journalistischen Betreuung dieser Homepage nicht ausreichend gegeben sind. So finden Eltern und Anbieter nicht zueinander.» (manu)

15. Nov 2019 / 07:00
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