«Wikipedianer» zu Gast in Liechtenstein

Über das Pfingstwochenende sind 23 Wikipedia-Autoren in Liechtenstein, um neue Artikel zu schreiben und Fotos zu knipsen. Das «Vaterland» hat sich mit Felix Germann, einem der Organisatoren, zum Interview getroffen.
Recherche. 

Als das «Vaterland» beim Startschuss des viertägigen Wikipedia-Treffens in der Landesbibliothek eintrifft, stehen acht Teilnehmer vor dem Gebäude und diskutieren darüber, ob bei Abkürzungen – der konkrete Fall lautet «Karl V.» – zwei Punkte am Satzende möglich sind. Dabei lässt sich die Antwort im Internet relativ leicht finden und eine gründliche Recherche sollte bei Wikipedianern eigentlich zur Paradedisziplin gehören. «Keine Ahnung, ich bin doch nur ein Bauer», scherzt einer der Teilnehmer. Obwohl sich die Wikipedia-Autoren gerade zum ersten Mal treffen, kommt sofort eine heitere Stimmung auf.

Schon seit geraumer Zeit werden auf der «freien Enzyklopädie» unter dem Projektnamen «Wikipedia: 300 Jahre FL» sowohl fleissig neue Artikel über Themen aus Liechtenstein erstellt als auch vorhandene ergänzt. Besonders aktiv ist ein User unter dem Pseudonym «Plutowiki», der sonst als Experte für Schmalspur- und Zahnradbahnen auftritt. Ihm sind unter anderem die jüngsten Artikel zum Küefer-Martis-Huus in Ruggell, dem Vereinswesen im Land oder dem Liechtensteiner Sauerkäse zu verdanken. Hinter dem Pseudonym steckt nicht etwa ein Liechtensteiner, sondern der Lehrer und Heilpädagoge Felix Germann aus Mosnang im Kanton St. Gallen. Er ist einer der Initianten des ersten Wikipedia-Treffens in Liechtenstein.

Wie ist die Idee entstanden, dass sich 23 Wikipedia- Autoren über Pfingsten in Liechtenstein treffen? Felix Germann: Patrick Kenel, der zweite Organisator, und ich haben im November an einem Treffen des Wiki-Alpenforums in Salzburg teilgenommen. Dort ist uns klar- geworden, dass wir anlässlich des 300-Jahr-Jubiläums eine Veranstaltung in Liechtenstein organisieren möchten. Auf der Rückfahrt im Zug haben wir dann das Projekt aufgegleist. Einerseits haben wir im Vorfeld bereits neue Wikipedia-Artikel geschrieben, andererseits das Treffen organisiert. Dazu gehören Aufgaben, wie eine Un- terkunft zu finden und das Programm auf die Beine zu stellen. Seit November bin ich schon einige Male nach Liechtenstein gereist, um eine Radtour in Triesenberg zu machen oder mit Patrick die verschiedenen Örtlichkeiten anzuschauen. Vor Kurzem war ich im Ruggeller Riet, um die Wanderroute zu rekognoszieren. 

Welchen Zweck verfolgt das Treffen?
Hauptsächlich werden wir neue Beiträge über Themen aus dem Land erstellen und Fotos von örtlichen Sehenswürdigkeiten machen. Zudem soll der Hauptartikel über Liechtenstein weiter ausgebaut werden, sodass er mit jenen von grösseren Nationen vergleichbar ist. Den Teilnehmern geht es vor allem um den Aus- tausch mit anderen Wikipedia- Autoren, denn Artikel können sie auch zu Hause schreiben. Es hat also genauso eine gesellschaftliche Komponente, indem man abends zusammensitzt und mit- einander ein Bier trinkt. 

Diese Veranstaltung hebt sich von den bisherigen ab. Im Vergleich zu den anderen Treffen des Wiki-Alpenforums stellen wir uns in Liechtenstein thema- tisch gesehen relativ breit auf. Ob man gerne Biografien schreibt, in historischen Quellen forscht, sich mit Volkstraditionen auseinandersetzt oder fotografiert: Dieses Mal findet sich für jeden Wikipedianer eine Aufgabe. Der rote Faden ist eigentlich, dass wir eine breite Palette anstreben. 

Gemäss der Ausschreibung erwartet die Teilnehmer ein dichtes Programm.
Neben dem sogenannten «Edit- a-thon» in der Jugendherberge, bei denen wir Schreibarbeit leisten, sind verschiedene Führun- gen geplant. Unter anderem wer- den wir den Landtag, das Landesmuseum und das Liechtenstein- Institut besuchen. Dort können sich die Teilnehmer über Themen informieren, zu denen sie später schreiben werden. 

Finden die Autoren da überhaupt noch Zeit, um Artikel zu schreiben?
Die Wikimedia-Organisationen der verschiedenen Länder finan- zieren die Übernachtungen ihrer Teilnehmer. Bei ihnen können auch Spesen für die Reise und Ver- pflegung beantragt werden. Insofern haben wir die klare Vorgabe erhalten, dass an diesem Wochenende mindestens sechs bis acht Stunden «gearbeitet» werden muss. Ein Grossteil des Schreibens passiert allerdings vor und nach dem Treffen. Ich persönlich kann mit vier Stunden am Computer nicht wahnsinnig viel ausrichten. Bei einem längeren Artikel brauche ich mehr Zeit. 

Sie haben einige Wikipedia- Artikel zu Liechtenstein erstellt. Was hat Sie bei Ihren Recherchen überrascht?
Was regionale Themen betrifft, ist Liechtenstein ziemlich präsent. Die meisten Gemeinden sind detaillierter beschrieben als im Toggenburg, wo ich herkomme. Was rechtliche Angelegenheiten betrifft, findet man in grösseren Ländern eine andere Abdeckung. In der Schweiz gibt es zu fast jedem Gesetzesbuch einen Wikipedia-Eintrag. Das ist hier nicht so. Unter anderem finde ich die Tradition mit den Gemeindepolizisten spannend, diese kennen wir so nicht mehr im Kanton St. Gallen. Ihr habt auch ein sehr aktives Vereinsleben. Wir haben in der Schweiz keinen Fürsten, dafür unsere drei Könige: den Jass-, den Schwinger- und den Ländlerkönig. Liechtenstein ist etwas anders, aber darum existiert es ja auch als eigenes Land. Bei den Anmeldungen haben wir festge stellt, dass das kleine Fürstentum etwas Spezielles hat, das die Leute fasziniert. 

Auf der Liste stehen 23 Teilnehmer, niemand davon kommt aus Liechtenstein. Gibt es hier im Land keine «Wikipedianer»? Glaubt man den nächstgelegenen Wikipedia-Stammtischen in Zürich und Bregenz, scheint das der Fall zu sein. Es hat natürlich bereits Liechtensteiner gegeben, die Artikel geschrieben haben. Wirklich in der Szene drin scheint aber keiner zu sein. Man muss es allerdings in Relationen setzen: Im gesamten deutschsprachigen Raum sind ungefähr 5000 Wikipedia-Autoren aktiv. Früher waren es mehr. Vermutlich hängt der Rückgang damit zusammen, dass die Aufgabe anspruchsvoller geworden ist. Vor zehn Jahren war Wikipedia noch auf einem ganz anderen Niveau als heute. In der Schweiz gibt es vielleicht 500 Personen. Nun rechnen Sie das einmal auf Liechtenstein herunter. 

Heute startet das Wikipedia- Treffen in Liechtenstein.
Ich freue mich schon auf die Begegnungen mit den Einwohnern. Durch die Vorbereitung durfte ich nämlich schon im Vorfeld einige spannende Gespräche erleben. Im Biedermannhaus in Schellenberg haben wir etwa eine Stunde mit den Damen des bäuerlichen Wohnmuseums geplaudert. Na-türlich bin ich auch auf den Austausch mit den anderen Wikipedia-Autoren gespannt. Da rund die Hälfte der Gruppe regelmässig solche Veranstaltungen besucht, hat das Ganze etwas von einem Familientreffen. Am Sonntag werden wir das Walsermuseum im Triesenberg besuchen. Das interessiert mich am meisten. Dazu möchte ich auch einen Wikipedia-Artikel schreiben. 

Ist während des Wikipedia- Treffens auch ein Abschnitt für die Einwohner geplant? 

Nein, das hat auch mit der Grösse der Veranstaltung zu tun. Wir sind ja nur 23 Teilnehmer. Ausserdem gibt es in diesem Sinn nicht viel zu sehen: Einige Leute machen Notizen, andere fotografieren – so richtig Action hat es da nicht. 

Die «Action» findet dann also im Internet statt?
Ich gehe davon aus, dass die Teilnehmer noch zwei bis drei Monate nach dem Wikipedia-Treffen über liechtensteinische Themen schreiben werden. Die neuen Fotos von den Sehenswürdigkeiten des Landes werden ziem- lich schnell online gestellt. Ein Bilderwunsch, den ich über das Pfingstwochenende abdecken möchte, ist die Burg Schalun. Zu ihrem Artikel gehört für mich einfach ein Foto dazu. Ausserdem möchten wir Tonaufnahmen von den liechtensteinischen Dialekten machen. Für Triesenberg und Schaan haben wir schon Sprecher gefunden. 

Würden Sie das Treffen als Dienstleistung für das Land Liechtenstein bezeichnen? 
Meines Erachtens trägt unsere Arbeit schon dazu bei, Liechtenstein der breiten Öffentlichkeit zugänglicher zu machen. Wikipedia stellt die Informationen kostenlos zur Verfügung und ist für viele die erste Anlaufstelle, um sich einen Überblick über ein Thema zu verschaffen. Zudem muss man berücksichtigen, dass die deutschen Artikel über das Land die Grundlage für Übersetzungen in andere Sprachen sind. Gerade, wenn ich an die Dialekte denke: Es geht nicht bei allen Themen um den Informationswert, sondern auch darum, bestimmte Sachen für die Nachwelt zu erhalten. 

Interview: Gary Kaufmann

08. Jun 2019 / 06:00
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