• Rita Batliner in Schaan
    Freut sich über das neue Logo: Caritas-Präsidentin Rita Batliner.  (Daniel Schwendener)

Stetige Weiterentwicklung der Caritas Liechtenstein

526 Hilfegesuche genehmigte die Caritas Liechtenstein im vergangenen Jahr. Um den Anforderungen gerecht zu werden, entwickelt sich die Institution um Präsidentin Rita Batliner stetig weiter.

Seit Mai vergangenen Jahres sind Sie, Frau Batliner, Caritas-Präsidentin, haben das Amt von Marina Kieber-Ospelt übernommen, die nach 27 Jahren den Stab übergab. Gab es seither Veränderungen bzw. Neuerungen?

Rita Batliner: Die Vereinsstatuten geben klare Vorgaben für unsere Arbeit. Im Zentrum steht dabei die Linderung finanzieller und sozialer Not, was unsere Hauptaufgabe ist. Organisatorisch haben wir einiges verändert. Im Dezember 2018 konnten wir neue Büroräumlichkeiten beziehen, ein IT-Netzwerk wurde eingerichtet und es erfolgte die internationale Vernetzung im Rahmen der Bodenseekonferenz, ein Zusammenschluss der deutschsprachigen Caritas-Organisationen Deutschland, Österreich, Schweiz, Liechtenstein und dazu noch Luxemburg. Die Einführung einer neuen Homepage und das neue Caritas-Logo sind weitere Neuerungen, über die wir uns freuen.

Auf der Caritas-Homepage www.caritas.li kann ein «Formular Unterstützungsantrag» angeklickt werden. Auch eine Neuerung?

Ja, wir haben dieses Formular speziell entworfen und online gestellt. Die Klienten können dieses direkt, ohne Vorgespräch, ausfüllen und per E-Mail bei uns einreichen. Wir schauen es an und vereinbaren anschliessend einen ersten Gesprächstermin.

Hat die Caritas Liechtenstein einen christlichen Hintergrund?

In den Statuten ist die Aufgabe der Nächstenliebe beschrieben. Insofern hat unsere Arbeit christlichen Hintergrund. Konfessionell sind wir jedoch völlig unabhängig.

Am 27. Mai hielt die Caritas Liechtenstein ihre Mitgliederversammlung 2019 ab. Welches waren die Hauptthemen?

Neben den allgemeinen Geschäften standen zwei neue Angebote im Mittelpunkt. Einerseits der kostenlose Lese- und Schreibservice: Wer Mühe hat, ein Dokument, einen anspruchsvollen Text zu verstehen oder zum Bespiel eine Verfügung zu lesen, kann damit zu uns kommen. Wir helfen beim inhaltlichen Verstehen, weisen auf  einzuhaltende Fristen hin, sind beim Formulieren von Antwortschreiben behilflich usw. Ein weiteres Angebot, das sich im Aufbau befindet, ist die «KulturLegi» – ein Projekt, das es in der Schweiz schon seit 16 Jahren gibt. Ziel ist, einkommensschwachen Menschen die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben in Form von verbilligten Eintritten zu kulturellen und sportlichen Veranstaltungen zu ermöglichen – nicht nur in Liechtenstein, sondern in der ganzen Schweiz. Die Aufgleisung erfolgt in Zusammenarbeit mit der Caritas St. Gallen.

In jeder der elf Gemeinden Liechtensteins steht eine Caritas-Ansprechpartnerin zur Verfügung, die gleichzeitig im Vorstand vertreten ist. Nach welchen Kriterien werden diese Personen, die ehrenamtlich arbeiten, ausgewählt?

Wenn wir ein neues Mitglied aus einer Gemeinde suchen, überlegen wir uns, wen wir ansprechen könnten. Es sollte jemand sein, der sozial interessiert bzw. engagiert ist, offen, bereit und in der Lage, sich mit schwierigen, teils traurigen Themen zu konfrontieren und auseinanderzusetzen. Interesse an sozialverischerungsrechtlichen Fragen, am Armutsthema im Allgemeinen, sind weitere Kriterien.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit im Vorstand während des Jahres?

Der gesamte Vorstand trifft sich zu sechs Sitzungen pro Jahr. Der Vorstandsausschuss – ein kleineres Gremium – kommt zusätzlich sechs bis sieben Mal jährlich zusammen. Und was uns sehr freut: Seit unser neuer Standort hier in Schaan ist, zentral und trotzdem diskret gelegen, kommen die Leute, seien es Vorstandsmitglieder oder Klienten, auch spontan, ohne Anmeldung, bei uns vorbei.

Wie viel Zeitaufwand bedeutet das Amt als Präsidentin?

Insgesamt sind es zirka 30 Stellenprozente.

2018 genehmigte die Caritas Liechtenstein 526 Hilfegesuche, wobei mehrere Personen einer Familie als ein Gesuchsteller gelten. Tendenz steigend. Immer häufiger ist in Liechtenstein von versteckter Armut die Rede.

Armut in Liechtenstein gibt es, jedoch keine absolute. Die Grundsicherung ist durch das Amt für Soziale Dienste gegeben. Aber es gibt Menschen, die knapp über dem sozialen Existenzminimum leben müssen. Dieser Bevölkerungsteil ist, im Verhältnis zum Mittelstand, von relativer Armut betroffen. Die Datenauswertung bei der Caritas zeigt, dass sich die meistgemeldeten Bedürfnisse im Bereich Krankenkassenausstände, Krankheitskosten, Mietzins/-kaution, Mietnebenkosten und Versicherungbeiträge bewegen.

Wie gross ist im kleinen Liechtenstein die Hemmschwelle, bei der Caritas um Hilfe zu bitten?

Sie ist sicherlich weniger hoch, als sie es beim Gang zum Sozialamt ist. Man weiss auch, dass wir der Schweigepflicht unterstellt sind. Natürlich ist die Hemmschwelle da, doch wenn ich daran denke, dass es doch relativ viele Gesuche sind, die wir während des Jahres bearbeiten, meine ich, dass sie nicht extrem hoch ist. In diesem Zusammenhang wichtig und erwähnenswert ist die Tatsache,  dass wir keine reinen «Rechnungsbezahler» sind, sondern  in hohem Masse auch Beratungsarbeit leisten.

Der Schwerpunkt der Caritas-Arbeit liegt im Inland. Ausser, wenn es um Spendenaufrufe geht, passiert diese sozusagen «versteckt». Wie wichtig ist die Anonymität?

Wir sind der Schweigepflicht unterstellt, jedoch nicht anonym. Kommt jemand zu uns, muss er  seine Identität preisgeben, Angaben zu seiner Person, zum Einkommen, zur familiären Situation machen und sein Bedürfnis bzw. seine Problematik formulieren.  Mit einer Unterschrift kann uns der Klient/die Klientin jedoch von der Schweigepflicht entbinden, damit wir uns bzw. die hilfesuchende Person im Bedarfsfall mit dem Amt für Soziale Dienste, der Krankenkasse, der Infra – je nach bestehender Problemstellung – vernetzen können.

Sind es punktuelle, situationsbezogene Unterstützungsleistungen, die die Caritas gewährt, oder gibt es auch Fälle, bei denen über Jahre unter die Arme gegriffen wird?

Monatliche bzw. jahrelange Unterstützung ist definitiv nicht unser Ziel und auch nicht unsere Aufgabe. Grundsätzlich leisten wir Überbrückungshilfe. Es kann sein, dass dieselbe Person zwei-, dreimal im Jahr auf uns zukommt und auch kommen darf, weil sie sich vielleicht gerade in einer schwierigen Phase befindet.

Woher kommen die finanziellen Mittel?

Bei der Inlandhilfe einerseits aus Sammlungen (siehe Kasten), Mitgliederbeiträgen und Förderungen aus öffentlichen Mitteln, andererseits erhalten wir übers Jahr auch Geld aus dem Verkauf von Trauerkarten, werden bei Todesanzeigen als zu berücksichtigende Organisation angegeben. Dazu kommen Spontanspenden. Je nach Situation gehen wir auch direkt auf Stiftungen zu. Auslandshilfe kommt nur im Fall einer Katastrophe, wie letztes Jahr in Indonesien und Mosambik, zum Tragen, wo wir entsprechende Spendenaufrufe starten. Da wir selbst keine Vor-Ort-Projekte haben, geht dieses Geld jeweils an unsere Kooperationsparter Caritas Schweiz und Caritas Vorarlberg.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Caritas Liechtenstein?

Ich wünsche mir, dass wir weiterhin in einem solch tollen Team weiterarbeiten können. Ich wünsche mir, dass die Liechtensteiner weiterhin Vertrauen in unsere Arbeit haben und uns mit Spenden unterstützen. Ich wünsche mir weiterhin eine gute Zusammenarbeit mit den Organisationen im Land wie ASD, Infra, Frauenhaus, Liechtensteinisches Rotes Kreuz, Sachwalterverein, mit denen wir praktisch täglich im Austausch sind. Und ich wünsche mir, dass wir als Caritas, salopp ausgedrückt, weiterhin eine «unfallfreie soziale Fahrt» bei unserer Arbeit haben.

Das Interview führte Gabi Eberle

17. Jun 2019 / 15:05
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