• Brigitte Kaiser, Vaduz
    Brigitte Kaiser arbeitet seit gut 15 Jahren bei der Staatsanwaltschaft Liechtenstein.  (Tatjana Schnalzger)

Staatsanwältin besticht durch Struktur

Brigitte Kaiser ist eine zielstrebige Person. Sie hat es in ihrer beruflichen Laufbahn ganz nach oben geschafft, ohne dafür auf das Mutterdasein verzichten zu müssen. Ihre Familie und die Arbeit sind ein guter Ausgleich für das jeweils Andere.

Seit 2005 ist Brigitte Kaiser Staatsanwältin in Liechtenstein. Entgegen der allgemeinen Annahme, dass Staatsanwälte tough, hart und arrogant sind, ist Brigitte Kaiser eine ruhige und gelassene Person. Einzig der Kugelschreiber in ihrer Hand, den sie am Holztisch sitzend ständig zwischen den Fingern hin und her rollt, verrät, dass sie etwas nervös ist. Sie selbst könne nicht beurteilen, ob sie tough oder hart sei. Zielstrebig zu sein, das wiederum könne sie von sich behaupten. Entsprechend tritt Brigitte Kaiser auch auf: Mit Bedacht hatte die Staatsanwältin bereits vor dem Treffen ihre Antworten formuliert und weiss genau, was sie nun sagen möchte. Ihr war es wichtig, dass ihren Aussagen stets eine gewisse Objektivität innewohnt – eine Eigenschaft, auf die sie in ihrem Job nicht verzichten kann. Schliesslich arbeitet sie für die «objektivste Behörde der Welt, die sowohl gegen als auch für Beschuldigte zu ermitteln hat». 

Das Interesse auch nach gut 15 Jahren nicht verloren
Gleich zu Beginn des Gesprächs will die Staatsanwältin mit einem weiteren Klischee aufräumen. Sie betont, dass Recht keine trockene Materie sei. «Ich entgegne den Kritikern immer, dass mein Job mit den Menschen und ihren Handlungen zu tun hat. So, wie das Leben jedem anders mitspielt, sind auch die Fälle verschieden», erklärt sie entschieden. «Das Strafrecht ist zwar ein abgegrenzter Bereich. Mit den ganzen Nebengesetzen deckt es aber ein breites Spektrum an Gebieten ab.» Sei das im Zusammenhang mit dem Strassenverkehr, Drogen, Umweltschutz, Tieren oder Kindern und Jugendlichen. So sei auch nach gut 15 Jahren im Beruf noch keine Eintönigkeit eingekehrt. Die meiste Zeit verbringt die Staatsanwältin aber mit der Bearbeitung von Wirtschaftsdelikten. 
Das Team mit Brigitte Kaiser besteht aus fünf weiteren Staatsanwälten und einer Staatsanwältin. Während in Liechtenstein durchaus noch von einer Männerdomäne gesprochen werden kann, sieht es in anderen Ländern ganz anders aus: In Österreich zum Beispiel gibt es mehr Frauen als Männer in diesem Beruf. Und auch hierzulande erlebe der alte Trend eine Kehrtwende, betont die Staatsanwältin: «Wir haben momentan vier Anwärterinnen in Ausbildung zum Richter und Staatsanwalt. So ist anzunehmen, dass der Frauenanteil in Zukunft zunehmen wird.» 
Bei der Frage, ob das ein Zeichen dafür sei, dass Frauen mit ihrem Einfühlungsvermögen besser für den Job geeignet seien, nimmt Brigitte Kaiser eine diplomatische Haltung ein: «Vielleicht im einen oder anderen Fall, aber keineswegs generell.» So könne auch die gradlinige Art der Männer in manchen Fällen von Vorteil sein, meint sie. So sei weder das eine noch das andere Geschlecht besser für den Job geeignet. «Wir bekommen die Delikte auch nicht aufgrund dessen zugeteilt, ob wir weiblich oder männlich sind.» Während ihrer mehrjährigen Berufserfahrung hat die Staatsanwältin noch nie mit Vorurteilen bezüglich ihres Geschlechts kämpfen müssen. Sie sei zudem nie von den Kollegen, geschweige denn vor Gericht, nicht ernst genommen worden. Wohinter Brigitte Kaiser aber durchaus steht, ist der Eindruck, dass eine Frau von männlichen Berufskollegen kritischer beurteilt wird. «Sie muss sich intensiver behaupten und beweisen.» 

Gute Balance zwischen Familie und der Arbeit
Bis die heute 43-Jährige ganz oben auf der Karriereleiter angelangt war, vergingen einige Jahre. Das Studium der Rechtswissenschaften zählt zu den anspruchsvolleren Studiengängen, und hat man den Master erst einmal in der Tasche, folgen weitere Praktika oder Prüfungen. Für das Jus-Studium entschied sich Brigitte Kaiser gegen Ende ihrer Gymnasialzeit. «Die Einhaltung von Regeln im Zusammenleben sowie Gerechtigkeit waren immer schon wichtig für mich», begründet sie ihre Wahl. 
Als typische Karrierefrau kann die Staatsanwältin jedoch nicht bezeichnet werden – sie hat nicht nur den beruflichen Aufstieg angestrebt, sondern sich auch für eine Familie entschieden. Beides unter einen Hut zu bringen, gibt sie zu, sei nicht immer einfach. «Mit einem zurechtgelegten Plan, welcher der Familie und einem selbst zusagt, ist es machbar.» Organisation und Flexibilität für Unvorhergesehenes sind für das Gelingen ebenso wichtig. Zudem kann Brigitte Kaiser auf die Unterstützung ihres Mannes zählen. «Wir haben die Familienarbeit und Kinderbetreuung von Anfang an gemeinsam erledigt», sagt sie. Das sei für beide Elternteile eine Selbstverständlichkeit. Ebenso selbstverständlich war für sie, nach ihrer Karenz wieder in den Job zurückzukehren. So konnte die Staatsanwältin nach der Geburt ihres Sohnes – dank der Vorgesetzten und Kollegen – auf ein Teilzeitpensum reduzieren und dieses nach und nach wieder aufstocken. «Der Beruf ist ein Ausgleich zur Familienarbeit», erklärt sie mit einem Lächeln im Gesicht. Im Mix aus Arbeit und Familie hat Brigitte Kaiser für sich die perfekte Balance gefunden. Denn Familienaktivitäten wie das gemeinsame Mittagessen mit ihrem Mann und dem Sohn bieten ihr wiederum eine Auszeit aus der Arbeitswelt. In diesen Stunden kann sie neue Energie tanken und ihre Kräfte aufs Neue bündeln. «Am Nachmittag bin ich voller Elan wieder bei der Arbeit», sagt die Staatsanwältin mit einem liebevollen Blick. Wahrscheinlich ist sie in Gedanken gerade bei ihrem Mann und ihrem Sohn. Wenn sie hingegen mit den Berufskollegen zu Mittag esse, fehle ihr der Unterbruch des Arbeitstages. Dieser kommt ihr dann viel länger und anstrengender vor. «Es ist ein Privileg, am Mittag nach Hause zu können und gemeinsam mit der Familie am Tisch über dieses und jenes zu quatschen. Nicht jeder hat das Glück, nur kurze Distanzen zum Arbeitsplatz zurücklegen zu müssen», sagt Brigitte Kaiser.
Von Beginn an hat sie sich auch angewöhnt, die Arbeit nicht mit nach Hause zu nehmen und die einzelnen Fälle dann ruhen zu lassen. Das funktioniere nicht immer gleich gut, doch die Familie und die damit verbundenen Aufgaben lenken sie von den Gedanken an die Arbeit ab. 

Grosse Anforderungen an sich selbst gestellt
Bevor ein Fall überhaupt vor Gericht landet, bedarf es einer intensiven Aufarbeitung. So findet der von Brigitte Kaiser beschriebene Arbeitsalltag hauptsächlich im Büro statt und nicht etwa im Gerichtssaal: Morgens werden die eingehende Post und die Gerichtsakten gesichtet sowie nach Priorität sortiert. «Ich habe pro Woche etwa drei bis vier Verhandlungen bei Gericht», sagt sie. Manchmal dauern diese nur kurz, manchmal nehmen sie den gesamten Tag in Anspruch. Die Hauptarbeit liegt in der Fallbearbeitung. Sie besteht zum Grossteil aus Aktenstudium, aber auch aus enger Zusammenarbeit mit der Polizei. «Ich bearbeite einen Fall von der Anzeigeerstattung bis zum Vorliegen eines rechtskräftigen Urteils oder der Einstellung des Verfahrens.» Dies und die selbstständige Arbeitsweise bot der 43-Jährigen einen weiteren Anreiz, den Weg als Staatsanwältin einzuschlagen. Wieder wird ihre Zielstrebigkeit und Organisiertheit spürbar: Sie könne einen Fall von Anfang bis Ende bearbeiten und nicht beispielsweise nur einen Teilaspekt betrachten, ohne zu wissen, wie die Sache ausgeht. 
Im Rahmen der Betreuung von Auszubildenden erinnert sie sich an ihre Zeit als «Anfängerin»: Zu Beginn wisse man oft nicht, was während der Verhandlung alles passieren könne – man sei vor jeder Verhandlung sehr aufgeregt. An ihr erstes Mal vor Gericht kann sich die heute gestandene Staatsanwältin noch gut erinnern. «Erstmals ein Plädoyer selbst zu halten, ist schon etwas Besonderes», sagt Brigitte Kaiser. Was von der anfänglichen Nervosität geblieben ist, ist die Anspannung beispielsweise vor einer grossen Verhandlung beim Kriminalgericht. «Das aber nicht aus Angst, einen Fehler zu machen, sondern wegen der Relevanz der Sache und der Anforderung an mich selbst, die Fakten und Beweis­ergebnisse sachlich korrekt und überzeugend im Plädoyer vorzutragen.» (jka)

08. Mär 2019 / 06:30
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