• CORONAVIRUS - TIROL BEENDET WINTERSAISON FRÜHZEITIG
    Zwei Liechtensteiner erlebten die letzte Saisonwoche im «Corona-Hotspot» Ischgl vor Ort.  (JAKOB GRUBER)

«Wir haben uns in Ischgl angesteckt»

Während sich das Coronavirus ausbreitete, lief die Skisaison in Ischgl weiter auf Hochtouren. Mittendrin: ein Paar aus Liechtenstein. Es wurde nach den Skiferien positiv auf das Coronavirus getestet.

Das Tiroler Wintersportmekka Ischgl gilt längst als internationales Drehkreuz für die Corona-Pandemie. Dafür, dass es so weit kommen konnte, werden zuvorderst die Behörden und Tourismusorganisationen des österreichischen Bundeslands verantwortlich gemacht. Die Gondelbahnen und Skilifte ­hätten schon lange vor dem 14. März stillstehen müssen, wird international kritisiert – schmerzliche finanzielle Einbussen hin oder her.

Hinweise auf eine Verbreitung des Virus hätten damals schliesslich schon seit geraumer Zeit vorgelegen. Aus Island etwa, wo die nationale Gesundheitsbehörde am 5. März eine Mail an den Tourismusverband Ischgl-Paznaun geschickt hatte, um über 14 positiv getestete isländische Ischgl-Urlauber zu informieren. Weshalb Tirol vom Inselstaat im Übrigen noch gleichentags zum Risikogebiet erklärt wurde.

Auch der mittlerweile weithin bekannte Fall eines deutschen Barkeepers, dem am 7. März eine Infektion nachgewiesen worden war, hätte die Verantwortlichen eigentlich zum Handeln veranlassen müssen, sagen viele. Zumal zwei Tage später, am 9. März, 15 weitere Ansteckungen im direkten Umfeld des «Kitzloch»-Mitarbeiters festgestellt wurden. Doch die Skipisten blieben auch danach noch geöffnet. Tagelang. Freie Fahrt für die Touristen. Und das Virus.

Auch K.* hatte zu jener Zeit keine Vorstellung vom wahren Ernst der Lage. Der Liechtensteiner hatte am 8. März mit seiner Freundin einen einwöchigen Skiurlaub in Ischgl angetreten. «Vor Ort gab es kaum Informationen, nicht einmal in unserem Hotel», erinnert er sich. Nur die vielen im Skigebiet installierten Laufschriftanzeigen, die auf die Webseite ischgl.com verwiesen hätten. «Aber dort hast du auch nicht wirklich viel erfahren.» Ein Ort in der Corona-Blase …

Vollgestopfte Restaurants, Bars und Gondeln
Vom positiv getesteten «Kitzloch»-Barkeeper und den Infektionen in dessen Umfeld hörten er und seine Freundin so bezeichnenderweise erstmals in den Medien. Ebenso von der Quarantäne, die am Freitag, dem 13. März, nur eine knappe Stunde nach ihrer Abfahrt Richtung Heimat über den Skiort verhängt worden war. «Da», meint K. schmunzelnd, «wurde uns dann auch klar, weshalb die Dame an der Rezeption noch gesagt hatte, wir sollten möglichst schnell raus aus Ischgl.»

Zum überaus spärlichen Informationsfluss gesellte sich in jenen Tagen eine ebenso fragwürdige Zurückhaltung bei der Ergreifung von Massnahmen. Am Dienstag, dem 10. März, seien zwar die grossen Après-Ski-Lokale geschlossen wor­den,­ berichtet K. – «aber kurioserweise nur deren Innenräume». Draussen lief der Betrieb noch bis und mit Mittwoch ganz normal weiter. Bei Restaurants und kleineren Bars habe es sogar bis zuletzt gar keine Einschränkungen gegeben. «Die waren jeden Tag vollgestopft mit Menschen.» Das Gleiche in den Gondeln, mit welchen die Skifahrer zu den Pisten befördert wurden: «Dort stehst du zwangsläufig ganz dicht beieinander.»

«Es wirkte alles relativ gewöhnlich»
Die suggerierte Normalität blieb bei K. und seiner Freundin – wie wohl bei vielen anderen Urlaubern auch – nicht ohne Einfluss auf die eigene Lagebeurteilung. «Bis auf die geschlossenen Après-Ski-Lokale wirkte alles relativ gewöhnlich», erzählt er. «Also dachten wir uns, so lange von offizieller Seite nichts zu vernehmen ist, besteht auch kein Grund zur Sorge.» Das, räumt er ein, sei selbstredend wiederum ihren ökonomischen Abwägungen entgegengekommen. «Wir hatten bis Freitag gebucht und hätten ungern einen Teil des Geldes umsonst investiert.»

Erst am Abreisetag änderte sich ihre Sicht auf die Dinge – und sämtliche finanziellen Überlegungen traten in den Hintergrund. «Überall hast du Menschen husten gehört», erinnert sich K. an das letzte Frühstück im Hotel. Auch er und seine Freundin zählten dazu. «Bei ihr war es schon am Donnerstag losgegangen, aber wir dachten zunächst noch an einen Schnupfen. Als ich am Freitag dann aber die gleichen Symptome zeigte, wussten wir, dass wir uns womöglich mit dem Coronavirus infiziert hatten.»

Corona-Test in beiden Fällen positiv
Von Ischgl führte die beiden ihr Weg deshalb direkt ins Landesspital. «Als wir während der Heimfahrt die Hotline anriefen, erklärten, wo wir gerade im Urlaub gewesen waren, und unsere Symptome schilderten, hiess es, dass wir uns sofort testen lassen müssen», erzählt K. Tags darauf, das Paar hatte sich vorsorglich bereits in einer Ferienwohnung in Malbun verschanzt, kam die Bestätigung: Beide positiv. Mindestens zehn Tage Quarantäne.

Während seine Partnerin einen relativ milden Verlauf zeigte, machte K. das Virus deutlich mehr zu schaffen. Atemprobleme habe er zwar nicht gehabt, berichtet er. «Aber vier Tage lang hatte ich ständig zwischen 39 und 40 Grad Fieber.» Hinzu kamen Schüttelfrost und ein starker Reizhusten, der auch nach Normalisierung der Temperatur noch einige Zeit anhielt.

Mittlerweile haben die beiden ihr temporäres Exil in den Liechtensteiner Bergen wieder verlassen dürfen. Nachdem sie zwei Tage symptomfrei gewesen seien, habe man die Quarantäne am 25. März mit Erreichen der obligatorischen Mindestdauer von zehn Tagen wieder aufgehoben, so K. Seither geht in seinem Leben, so weit das in diesen Zeiten denn möglich ist, alles wieder seinen gewohnten Gang. Einen womöglich noch länger nur eingeschränkt funktionierenden Geschmacks- und Geruchssinn einmal ausgenommen. «Aber auch das wird wieder», weiss er.

Beteiligung an Sammelklage eine Option
Trotzdem ist die Sache für den Liechtensteiner noch nicht abgeschlossen. Der österreichische Verbraucherschutzverein (VSV) ist dabei, eine Sammelklage gegen Tirol und Ischgl vorzubereiten. Über 4000 betroffene Urlauber haben bereits entsprechende Formulare eingereicht. Womöglich, überlegt K., wird er es ihnen gleichtun: «Ich möchte mich zuerst noch genauer informieren. Aber wenn es Sinn macht, werde ich einen solchen Schritt sicher prüfen.» Die Zweifel an den Tiroler Behörden sind bei ihm in den zurückliegenden Tagen ohne Frage grösser geworden. «Das Ganze mutet doch recht fahrlässig an», meint er. «Es scheint weniger um den Schutz von Menschen als um den Profit gegangen zu sein.» (bo)

* Name der Redaktion bekannt

07. Apr 2020 / 21:26
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