• Rebecca Marxer in Mauren
    Rebecca Marxer erklärt, wie die HPZ-Wohnhäuser in der Coronakrise agierten.  (Daniel Schwendener)

Mit viel Gelassenheit durch die Krise

Die Bewohner der HPZ-Häuser lebten im Zuge der Coronapandemie zehn Wochen in Isolation – und meisterten die Prüfung bravourös.

Gut die Hälfte der 51 Bewohner der vier HPZ-Wohnhäuser zählt hinsichtlich einer Covid-19-Infektion zur Risikogruppe. «Dies sind – wie in den Einrichtungen der Liechtensteinischen Alters- und Krankenhilfe – ältere Menschen, Menschen mit mehrfachen körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen oder einem allgemein reduzierten Gesundheitszustand», erklärt Rebecca Marxer, die beim Heilpädagogischen Zentrum den Bereich Wohnen verantwortet.

Dass ein so hoher Anteil an Risikopersonen ein besonders umsichtiges Handeln bedingt, ist naheliegend. Entsprechend früh, so Marxer, sei die HPZ-Geschäftsleitung denn auch tätig geworden. Praktisch mit den ersten staatlich verordneten Massnahmen beschlossen die Verantwortlichen eine zehnwöchige Isolation der Bewohner. Besuche wurden ebenso untersagt wie die Arbeit in den HPZ-Werkstätten. Zudem sollten die gebotenen Hygienemassnahmen in den Wohneinrichtungen konsequent umgesetzt werden. «Wichtig war in diesem Zusammenhang eine von Beginn weg klare Kommunikation gegenüber den Angehörigen, gesetzlichen Vertretern und den Mitarbeitern», betont Marxer. Die Akzeptanz für den eingeschlagenen Kurs sei so augenblicklich da gewesen.

Mit Sprache und Bildern kommunizieren

Selbstverständlich mussten aber auch die Bewohner abgeholt und an die so unvermittelt eingetretenen Veränderungen und die daraus erwachsenen Konsequenzen herangeführt werden. Dabei, so Marxer, sei der individuelle Zugang zu den Menschen das A und O gewesen. Schliesslich seien die Formen ihrer geistigen Beeinträchtigungen sehr unterschiedlich – «und damit auch das kognitive Verständnis für eine so komplexe Situation wie diese Pandemie.»
Eine Methode, die sich zum einen ganz grundsätzlich für den Austausch mit Menschen mit geistiger Beeinträchtigung eignet, zum anderen aber eben auch jene fallspezifische Herangehensweise erlaubt, ist die unterstützte Kommunikation. Im Kern geht es darum, die gesprochene Sprache mit passenden Bildern zu koppeln, sprich, die Komplexität eines Sachverhalts durch Veranschaulichung zu reduzieren. «Der eine spricht beispielsweise auf bestimmte Fotos an, der andere wieder eher auf Piktogramme», erläutert Marxer. Die Informationsvermittlung habe dann in Orientierung an den jeweiligen Präferenzen des Bewohners stattgefunden.

Gemeinsames Üben mit Betreuungspersonen

Mit Erklärungen allein war es freilich nicht getan. In einem zweiten Schritt galt es, die coronabedingten Verhaltensregeln durch situatives Üben und vorbildliches Handeln seitens der Mitarbeiter in den Alltag der Bewohner zu integrieren. Eine zentrale Rolle nahmen hierbei die Betreuungspersonen ein, wie Marxer sagt: «Die Betreuung im HPZ basiert ganz wesentlich auf Beziehung. Entsprechend geniessen sie bei den Bewohnerinnen und Bewohnern einen hohen Stellenwert. Was sie tun, wird von unseren Bewohnern gespiegelt.»

Und so kam es auch in diesem Fall. Alles in allem, sagt Marxer, hätten sich die HPZ-Bewohner in den zehn Wochen der Isolation gut an die Regeln gehalten. «Einmal», erzählt sie mit einem Schmunzeln, «ist eine Person ausgebüchst und hat per Bus ein paar Kollegen besucht.» Aber das sei die absolute Ausnahme gewesen. «Unsere Bewohner haben insgesamt grosses Verständnis gezeigt.»

Daneben erwiesen sie sich  auch als bemerkenswert robust gegenüber den vermeintlichen Erschwernissen der Isolation. «Der Grossteil der Bewohner nahm die Situation erstaunlicherweise ziemlich gelassen», so Marxer. Hier, ist sie überzeugt, habe mit Sicherheit die intensivierte Tagesstruktur mit vielfältiger Beschäftigung in den Wohnhäusern oder im Freien positive Effekte erzielt. Mehrfach vermochten die besonderen Umstände sogar bislang verborgene Potenziale freizulegen oder vorhandene Talente zu akzentuieren. «Einige Bewohner unterstützten sich gegenseitig und zeigten sich selbstständiger als vermutet.»

Balkongespräche und Skype gegen das Vermissen

Gleichwohl ging die Belastung nicht an allen spurlos vorüber. Einige Bewohner vermissten ihre Angehörigen und Bekannten ausserhalb ihres Wohnhauses bisweilen doch sehr, wie die HPZ-Bereichsleiterin Wohnen weiss. Entsprechend gefragt seien regelmässige Balkongespräche, Telefonate und Videoanrufe per Skype gewesen. Bei einigen anderen Bewohnern wiederum bewirkte die aussergewöhnliche Situation die Verstärkung einer vorhandenen psychischen Erkrankung. Doch auch hier wussten die Mitarbeiter laut Marxer immer, was zu tun ist: «Wenn sich solche Krisen anbahnten, ausgelöst durch vermehrte Unsicherheiten und Ängste, betreuten die Fachpersonen sehr engmaschig – mit vielen Gesprächen, verbindlichen Abmachungen und Massnahmen.» Nicht umsonst, ergänzt sie, setze das HPZ in seinen Wohnhäusern auf eine multiprofessionelle Betreuung. «Bei uns arbeiten neben Sozialpädagogen und Pflegern auch Psychiatriefachleute.»

Grosser Druck für die Mitarbeiter
Für die insgesamt 72 Mitarbeiter dürften die vergangenen Wochen letztlich intensiver gewesen sein als für viele ihrer Schützlinge. «Ein Grossteil der Bewohner arbeitet tagsüber normalerweise in den HPZ-Werkstätten», so Marxer. Da dies plötzlich nicht mehr möglich gewesen sei, hätte sich das Betreuungspersonal von einem Tag auf den anderen einem viel grösseren Betreuungsaufwand gegenübergesehen. Ein Aufwand, der in ihren Augen ohne die Rekrutierung von Werkstatt-mitarbeitern kaum zu bewältigen gewesen wäre.

Hinzu kam ein nicht unwesentlicher psychischer Druck, der aus dem Bewusstsein erwuchs, in dieser aktuellen Lage gegenüber den Bewohnern eine noch grössere Verantwortung zu tragen als ohnehin schon. «Jeder wusste, wie sehr er aufpassen muss, das Virus nicht einzuschleppen. In unseren Wohnheimen kann das verheerende Auswirkungen haben», sagt Marxer. Gerade wenn in den Medien wieder Meldungen von massenhaften Todesfällen in ausländischen Wohnheimen die Runde machten, hat sie gespürt, wie sehr die Umstände der pandemischen Bedrohung ihre Mitarbeiter belasteten. «Das hat sie enorm getroffen.»

«Corona war zuletzt kein Thema mehr»

Insofern ist es nur allzu verständlich, wenn Marxer glaubt, die nach Pfingsten erfolgte Aufhebung der Isolation und die Rückkehr ihrer Schützlinge an den Arbeitsplatz habe in erster Linie bei den Betreuern für Erleichterung gesorgt. «Auch wenn wir weiterhin vorsichtig sind und sämtliche Regeln weiterhin penibel befolgt werden – die Öffnung hat ihnen signalisiert, dass wir uns auf dem Weg zurück in die Normalität befinden.» Bei vielen Bewohnern war diese zu jenem Zeitpunkt schon längst eingekehrt. «Das Coronavirus war zuletzt praktisch gar kein Thema mehr. 
Sie haben die Veränderungen längst verinnerlicht», erzählt die Bereichsleiterin Wohnen und lächelt. «Menschen mit Beeinträchtigung sind oftmals viel flexibler und gelassener als wir selbst.» (bo)

 

Nachgefragt: «Habe Besuche bei Eltern vermisst»

Wie hast du die Coronazeit erlebt? Was hat dich gestört? Was hast du vermisst?
Benedikt, Bewohner des Birkahus in Mauren: Ich habe die Besuche bei meinen Eltern und die Kollegen von der Arbeit in der Agra (HPZ) vermisst. Auch, dass ich nicht Bus fahren und einkehren durfte.

 

Benedikt



Warst du traurig?
Ja, ein wenig schon, weil es länger ging als ich dachte. Ich fand es auch nicht gut, dass es Leute gibt, die das mit dem Corona nicht ernst nehmen. Ältere Leute können sterben; das habe ich in den Nachrichten gesehen.

Gab es auch etwas, das dir gefallen hat?
Ja, ich habe viel Lego-Technik gebaut und Tischtennis gespielt. Zum Glück konnte ich auch mit den Betreuern raus, um laufen zu gehen. Die haben mir auch immer wieder genau erklärt, wie das so ist mit dem Corona.

Langsam ist alles wieder wie vor Corona. Bist du froh?
Ja, weil ich wieder arbeiten und Bus fahren kann. Ich habe immer eine Maske dabei. Aber man muss schon noch aufpassen. (bo)

09. Jul 2020 / 19:33
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