• Gabriela Rickli-Gerster präsentiert ein Kleid der Mode-Ikone Vivienne Westwood an der Fashion Week in London.

Mit 64 Jahren zwei Stunden auf High Heels

Gabriela Rickli-Gerster aus Vaduz ist ein erfolgreiches Model. An der Fashion Week in London präsentierte sie die Mode der Punk-Ikone Vivienne Westwood. Die Show setzte ein Zeichen gegen Lug und Trug. Eine Botschaft, die das Model unterstützen kann.
Vaduz. 

Der Händedruck ist stark und ihr Lächeln ansteckend. Gabriela Rickli-Gerster strahlt ein besonderes Charisma aus und strotzt vor Lebensfreude. Sie ist ein erfolgreiches Model – und das mit 64 Jahren. Es sprudelt nur so, als sie über ihren Auftrag an der 

Fashion Week in London erzählt, die vor drei Wochen stattfand. Eine grosse Erfahrung für das Senior-Model aus Vaduz. «Ich war erstmals in London und es hat sich gelohnt», sagt sie. Sie lief für den Designer Johnston of Elgin und die Mode-Ikone Vivienne Westwood. «Die Show von Westwood war eine grosse Ehre für mich.» Nicht unbedingt wegen der Designerstücke, sondern wegen der Botschaften, welche die Designerin und Mutter des Punks vermittelt. «Homo loquax» hiess die Show in London – zu Deutsch: geschwätziger Mensch. Ein Thema, das in Zeiten von Fake News und Unwahrheiten über Umwelt und Finanzindustrie aktueller ist denn je. «Ich bin zwar kein Punk-Typ, aber Vivienne Westwood ist eine richtig spannende und ernstzunehmende Frau und die mit ihrem Mann Andreas Kronthaler ein grosses Genie an ihrer Seite hat», sagt Rickli-Gerster.

Selbstvertrauen auf dem Laufsteg erlangt

Nicht immer war Gabriela Rickli-Gerster so selbstbewusst, wie sie es heute ist. Um ihre Schüchternheit abzulegen, begann sie mit 24 Jahren in Amerika mit dem Modeln. «Ich machte sozusagen aus der Not eine Tugend», lacht die Vaduzerin. Und so wuchs das Selbstbewusstsein mit jedem Schritt auf dem Laufsteg. Wieder zurück in der Schweiz, arbeitete sie als Model für eine Agentur in Zürich. Schliesslich stieg sie aber aus dem Modegeschäft aus und baute eine Musiker- und Künstlervermittlung im Rheintal auf. 14 Jahre lang betrieb sie diese erfolgreich.

Doch dann holte sie ihr alter Beruf wieder ein: Sie war mit einem Werbeagenten in Kontakt, der ein Model für die Naturkosmetik-Firma Biokosma suchte. «Er meinte, ich würde genau in die Kampagne passen», erzählt Rickli-Gerster. Rickli-Gerster war damals 40 Jahre alt und färbte ihre Haare nicht mehr, da sie die Färbemittel nicht vertrug. Doch erst der Haaransatz war grau. «Ich sagte zu dem Agenten: Okay, wenn der Kunde einverstanden ist, dass ich die Haare kurz schneide, dann nehme ich den Auftrag an. Und er sagte tatsächlich zu. Das fand ich für die damalige Zeit sehr mutig.» 

«Heute kann ich für mich einstehen»

Durch die weltweite Kampagne wurden weitere Agenturen auf sie aufmerksam. Das Model-Business nahm wieder Schwung auf. «Ich hatte jenen Moment erwischt, in dem sich ein Markt für grauhaarige Models entwickelte», sagt sie. Sie reiste für Aufträge um die Welt: Südafrika, New York, Italien, Dänemark, Holland, Belgien, Frankreich. Schliesslich entschied sie sich, ihre Agentur zu verkaufen. Ein mutiger Schritt. «Es war einfach zu viel und meine Gesundheit litt unter der Doppelbelastung.» 

Doch Rickli-Gerster hat den Entscheid nie bereut, sie liebt ihren Job als sogenanntes Classic- oder Senior-Model. So werden Models ab 50 Jahren bezeichnet. Classic-Models sind immer mehr gefragt. Der Grund: Die Menschen werden älter und bleiben länger fit. Die Kaufkraft ist auch bei den heutigen Senioren vorhanden. «Hier hat sich ein grosser Markt eröffnet», weiss Gabriela Rickli-Gerster. 

Und von 20-jährigen Models fühlen sich ältere Menschen nun einmal nicht angesprochen. Aus diesem Grund hat das Model auch kein Problem mit dem Älterwerden. Im Gegenteil: «Ich bin heute viel selbstbewusster, ich kann für mich einstehen und über mein Leben bestimmen. Das geniesse ich in vollen Zügen», sagt sie. Das sieht man der 64-Jährigen auch an. Mit einem gesunden Lebenswandel – kein Alkohol, kein Tabak, vegetarische fast schon vegane Ernährung und Yoga – schafft sie es, auch noch mit über 60 alle Blicke auf sich zu ziehen. 

Sie ist eine natürliche Schönheit mit «allen Ecken und Kanten», wie sie selbst sagt. «Vielleicht bin ich auch deshalb bei den Kunden beliebt», lächelt sie. Dies könnte auch ein Grund sein, weshalb sie in London auf Anhieb überzeugen konnte und per sofort für die Show von Vivienne Westwood gebucht wurde. «Das war schon unglaublich. Ich ging zum Casting und kurz darauf stand ich schon auf dem Laufsteg.»

Zwei mutige Frauen setzen Zeichen

Auch wurde sie für die neue Vivienne-Westwood-Kampagne fotografiert. Das Shooting wurde spontan vorgezogen, da Gabriela Rickli-Gerster zum Flughafen musste. «Das Set wurde an Ort und Stelle aufgebaut. Kannst du dir das vorstellen?», lacht Rickli-Gerster. Nicht nur die Leute von Westwood waren von ihr begeistert, auch nach der Show gab es auf den sozialen Netzwerken viele Kommentare zu ihrem Auftritt: «Das perfekte Vivienne-Westwood-Model», wurde unter anderem geschrieben. Wie es scheint, verkörpert Gabriela Rickli-Gerster die Mode-Ikone. Eine Ähnlichkeit mit der 78-jährigen Designerin kann sie nicht abstreiten. «Aber ich denke, es war nicht nur das Aussehen. Vielleicht hat die Mode-Crew um Westwood gespürt, dass ich wie die Modedesignerin eine mutige Frau bin», sagt sie. Sie habe sich immer wieder getraut, aus Situationen auszubrechen oder Beziehungen zu beenden, die für sie nicht oder nicht mehr stimmig waren. «Ich konnte nie lange eine Lüge leben und habe mich immer wieder getraut, ins Ungewisse zu springen», sagt das Model. Das braucht Mut. 

Schon vor über 40 Jahren Nein zu Fleisch gesagt

Beide Frauen stehen zu ihren Überzeugungen: Vivienne Westwood trägt ihre Botschaften in die Welt hinaus. Gabriela Rickli-Gerster macht dies in einem kleineren Ausmass, aber konsequent. «Ich habe vor über 40 Jahren Nein zu Fisch und Fleisch gesagt – obwohl man mir den Vogel gezeigt hatte. Aber ich habe nicht auf die Menschen gehört, sondern das gemacht, was für mich richtig war.» Diesen Mut wünscht sich Rickli-Gerster für alle Frauen: «Wir sollten uns nicht als Opfer sehen, sondern Mut haben, etwas zu bewegen und uns auch gegenseitig zu helfen. Das machen wir Frauen zu wenig.» Die Lebensfreude und Energie von Gabriela Rickli-Gerster ist so ansteckend, dass man sofort etwas bewegen möchte. Diese Eigenschaft und ihr gesunder Lebenswandel ermöglichen es dem Senior-Model, auch mit bald 65 Jahren erfolgreich über den Laufsteg zu gehen und in London an der Fashion Week zwei Stunden ohne mit der Wimper zu zucken auf High Heels Mode zu präsentieren. Und zwar nur, weil sie das so möchte. (manu)

 

08. Mär 2019 / 11:12
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