• Juliane Bogner-Strauss wird am «Businesstag – das Wirtschaftsforum für Frauen» referieren.

«Ich wünsche mir ein Umdenken»

Juliane Bogner-Strauss ist Bundesministerin für Frauen, Familien und Jugend in Österreich. Sie fordert ein Umdenken in Gesellschaft und Unternehmen, wenn es um die Gleichstellung von Frau und Mann geht. Am 14. Mai spricht sie am Businesstag in Vaduz.

Frau Bogner-Strauss, Sie sind seit Ende 2017 Bundesministerin für Frauen, Familien und Jugend im Bundeskanzleramt. Wie gefällt Ihnen die Arbeit? Entspricht die Aufgabe Ihren Erwartungen?
Juliane Bogner-Strauss: Die Arbeit gefällt mir sehr gut. Natürlich war der Einstieg eine Herausforderung und ein Lernprozess. Aber nach einem Jahr bin ich sehr gut angekommen und eingearbeitet. In vielen Bereichen ist die politische Arbeit der wissenschaftlichen sehr ähnlich: Es geht in beiden Bereichen um konstruktives Arbeiten, Analysieren und Umsetzen. Wenn ein Weg nicht funktioniert, muss man einen anderen gehen, darf aber dabei das Ziel nicht aus den Augen verlieren. So habe ich in der Wissenschaft gearbeitet, und so gehe ich auch an meine Aufgaben in der Politik heran.


Sie sind auf einem Bauernhof aufgewachsen. Wie haben Sie das Thema Chancengleichheit erlebt?
Gleichberechtigung und Chancengleichheit waren bei uns zu Hause selbstverständlich, das wurde wirklich gelebt. Meine Mutter hat immer gearbeitet. Und meine Brüder und ich mussten immer mithelfen – da wurde kein Unterschied zwischen Buben und Mädchen gemacht. 


Sie sind studierte Biochemikerin und nun Bundesministerin. Gleichzeitig sind Sie verheiratet und Mutter von drei Kindern. Sehen Sie sich heute als Vorzeigefrau?
Mein Mann und ich haben die Kinderbetreuung immer partnerschaftlich aufgeteilt und konnten so auch beide unsere beruflichen Vorstellungen verwirklichen. Als Vorzeigefrau würde ich mich deshalb nicht bezeichnen. Aber natürlich können Frauen, die Familie und Beruf gut vereinbaren, als Vorbild für andere dienen. 
Sie hätten weiter im akademischen Bereich arbeiten können. Wie haben Sie den Weg in die Politik gefunden?
Bundeskanzler Sebastian Kurz hat mich gefragt, ob ich in seinem Team mitarbeiten möchte und ich habe sofort mit grosser Freude zugesagt. Ich habe mich aber schon früh für Politik interessiert. Mein Vater war in der Kommunalpolitik tätig, ich bin also quasi damit aufgewachsen.


In Ihrer neuen Funktion vertreten Sie die Interessen von Frauen, Familien und der Jugend. Wie gut können Sie die Erwartungen dieser Gruppierungen in der Regierung vertreten?
Sehr gut. Wir haben auch schon vieles umgesetzt und bereits im ersten Jahr viel verändert: Mit dem Familienbonus Plus haben wir die grösste Entlastungsmassnahme für Familien die es je gegeben hat, umgesetzt. Über 950 000 Familien mit 1,6 Millionen Kindern profitieren vom Familienbonus Plus. Denn damit sinkt die Steuerlast um bis zu 1500 Euro pro Kind und Jahr. Familien mit einem Kind und einem Bruttoeinkommen bis zu 1700 Euro zahlen künftig überhaupt keine Lohnsteuer mehr. Bereits ab einem Einkommen in dieser Höhe kann man den Steuerbonus voll ausschöpfen. Auch die Harmonisierung des Jugendschutzes in Österreich kann man durchaus als historischen Erfolg bezeichnen. Endlich gelten einheitliche Regeln fürs Rauchen, für die Ausgehzeiten – hier macht nur Oberösterreich eine Ausnahme – und den Alkoholkonsum. Ein grosser Wurf ist auch die Bund-Länder-Vereinbarung zum Ausbau der Kinderbetreuung. Mit 180 Millionen Euro pro Jahr wird mehr Geld in den Ausbau investiert als bisher. Der Fokus wird in den kommenden Jahren auf der Schaffung von Plätzen für unter Dreijährige liegen. Auch in längere und vor allem flexiblere Öffnungszeiten wird investiert. In diesem Jahr werde ich einen frauenpolitischen Schwerpunkt setzen und mich vor allem den Themen Gewaltschutz und Lohngerechtigkeit widmen.


Fast eine halbe Million Bürgerinnen und Bürger haben das Frauenvolksbegehren unterzeichnet, welches konkrete Verbesserungen für Frauen fordert. Unterstützen Sie die Forderungen?
Grundsätzlich begrüsse ich jede Initiative, die das Ziel hat, Frauenrechte zu stärken und Anliegen für Frauen einzufordern. Ich unterstütze auch sehr viele Punkte in diesem Volksbegehren, etwa die Themen Gewaltprävention, Ausbau der Kinderbetreuung, Gender-Medizin und das Verringern der Lohnschere. Es gibt aber einige Punkte, die mir einfach zu weit gehen – zum Beispiel die starre Quote über alle Branchen. Auch die 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich kann ich nicht unterstützen. Ganz abgesehen davon, dass es sich dabei nicht um ein rein frauenspezifisches Thema handelt. 

Frauen sind sowohl in Wirtschaft als auch in der Politik noch untervertreten. Was halten Sie von einer gesetz­lichen Quote, um eine paritätische Besetzung von Ämtern zu gewährleisten?
In manchen Bereichen schafft eine Frauenquote die Möglichkeit, etwas zum Positiven zu verändern. Es ist gut, dass es etwa in Aufsichtsräten von Unternehmen, die entweder börsennotiert sind oder ständig mehr als 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigen, eine gesetzliche Frauenquote von 30 Prozent gibt. Eine starre 50-Prozent-Quote quer über alle Branchen halte ich aber nicht für sinnvoll, weil diese in der Praxis nicht umsetzbar ist: Der Frauenanteil an den Studierenden in MINT-Fächern – also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – an den Universitäten liegt bei 34 Prozent. An den Fachhochschulen ist der Frauenanteil in MINT-Fächern mit 23 Prozent sogar noch niedriger. Ganz ähnlich sieht es in der Lehre aus: Nach wie vor entscheidet sich fast die Hälfte aller Mädchen, die eine Lehre beginnen, für Einzelhandelskauffrau, Bürokauffrau oder Friseurin. Statt einer verpflichtenden Frauenquote sind daher eine bessere Qualifizierung von Frauen und eine geschlechtersensible Berufsorientierung wichtig. Frauen – und natürlich auch Männer – sollen sich bei der Ausbildungs- und Berufswahl frei entscheiden können. Aber wir müssen vor allem jungen Mädchen aufzeigen, welche Möglichkeiten es abseits der typischen Frauenberufe gibt. Zum Frauenanteil in der Politik darf ich Folgendes sagen: In dieser Bundesregierung haben wir einen Frauenanteil von 35,7 Prozent und liegen damit über dem EU-Durchschnitt von 27,7 Prozent. Und im Team von Sebastian Kurz haben wir einen Frauenanteil von 50 Prozent. Die Kandidatenaufstellung in der neuen Volkspartei erfolgt grundsätzlich nach einem Reissverschlusssystem, um ein möglichst ausgewogenes Verhältnis zwischen Frauen und Männern zu erreichen.


Die Wirtschaft ist auf gut ausgebildete Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer angewiesen. Wie kann die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert werden, um mehr Frauen ins Erwerbsleben zu bringen?
Hier sind mir drei Punkte wichtig: Erstens braucht es ein gutes Kinderbetreuungsangebot. Daher wird – wie schon gesagt – in den Ausbau der Kinderbetreuung für unter Dreijährige und in flexiblere Öffnungszeiten investiert. Zweitens ist eine höhere Väterbeteiligung essenziell. Wir müssen mehr Bewusstsein dafür schaffen, dass Kindererziehung Elternarbeit ist – Mütter und Väter sind hier gleichermassen gefordert. Und drittens braucht es ein Umdenken in den Unternehmen. Mit dem Netzwerk «Unternehmen für Familien» fördern wir den Austausch familienfreundlicher Unternehmen. Die Firmen tauschen sich über ihre familienfreundlichen Lösungen aus und lernen voneinander. Davon profitieren natürlich auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Frauen verdienen laut Stu­dien immer noch deutlich weniger als Männer bei gleicher Arbeit. Welche Massnahmen stehen aus Ihrer Sicht im Fokus, um die Einkommensgerechtigkeit sicherzustellen?
Ich habe im Vorjahr eine Initiative für mehr Lohngerechtigkeit gestartet. Eine Gruppe von Expertinnen und Experten ist gerade dabei, die verschiedenen Einkommensberichte auf einen bundesweit einheitlichen Standard zusammenzuführen. Ich führe ausserdem intensive Gespräche mit der Wirtschaft über mehr Lohngerechtigkeit und mögliche Massnahmen, um Frauen zu fördern und zu stärken. 


Was wünschen Sie sich zur Verbesserung der Chancengleichheit von Frauen und Männern?
Ich wünsche mir ein Umdenken in der Gesellschaft und in den Unternehmen. Ich wünsche mir, dass sich Frauen darüber bewusst sind, was eine sehr lange Teilzeitphase für die wirtschaftliche Unabhängigkeit und die spätere Pension bedeutet. Im internationalen Vergleich ist Österreich Spitzenreiter: 75 Prozent der Frauen mit Kindern unter 15 Jahren arbeitet Teilzeit. Oft arbeitet die Mutter nur wenige Stunden und der Vater macht dafür Überstunden. Hier wünsche ich mir mehr Gleichgewicht: Wenn es möglich ist, könnten zum Beispiel beide Elternteile auf 30 Stunden reduzieren, so lange die Kinder klein sind. Von den Unternehmen wünsche ich mir, dass sie das Potenzial der Frauen erkennen und Familienfreundlichkeit als Chance sehen. Studien zeigen ganz klar, dass sich familienfreundliche Massnahmen auszahlen: Höhere Arbeitszufriedenheit, weniger Fluktuation, kürzere Karenzzeiten, mehr Bewerber.

Interview: Patrick Stahl

07. Mär 2019 / 19:45
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