• historisches Lexikon
    Projektleiter Fabian Frommelt  (Daniel Schwendener)

Historisches Lexikon ist online

Die beiden Bände des Historischen Lexikons wurden in den vergangenen Jahren digitalisiert. Nun finden sich Sachartikel und Biografien auf «www.historisches-lexikon.li». Wie Projektleiter Fabian Frommelt erklärt, wird es keine gedruckte Ausgabe mehr geben. Das Interview dazu.

Warum ist Geschichte wichtig?

Fabian Frommelt: Wie für jeden einzelnen Menschen ist Erinnerung auch für die Gesellschaft wichtig. Nur so wissen wir, wer wir sind, können Entscheidungen für die Zukunft treffen und uns als Gesellschaft weiterentwickeln. Gerade für einen Kleinstaat wie Liechtenstein, dessen Existenz sich eigentlich nur historisch erklären lässt, ist die Kenntnis der eigenen Geschichte fundamental. Dazu kommt natürlich eine gewisse Neugier. Wollen nicht alle wissen, wie ihre Vorfahren gelebt haben?

Es gibt bereits eine Druckversion des Historischen Lexikons. Wie viele Jahre dauerte dessen Entstehung?

Das war ein langer Prozess. Initiiert wurde das Historische Lexikon 1988/89 von Arthur Brunhart und vom Historischen Verein. Über zehn Jahre betreute Arthur Brunhart die Arbeiten als Alleinredaktor. Dann ging die Trägerschaft vom Historischen Verein auf das Land Liechtenstein über. Die redaktionellen Arbeiten übernahm nun ein Redaktionsteam mit jungen Historikern und Historikerinnen. Arthur Brunhart blieb Gesamtprojektleiter. Im Januar 2013 wurden die beiden Bände veröffentlicht. 

Die Bände wurden nun digitalisiert. Weshalb?

Das Liechtenstein-Institut hat in einer Vereinbarung mit der Regierung das Recht, aber auch die Verpflichtung übernommen, das Lexikon der Öffentlichkeit in einer Online-Version verfügbar zu machen. Die Vorteile des Internets liegen auf der Hand: Viele Lexikon-Artikel reichen bis in die Gegenwart und veralten somit schnell. Mit dem Online-Lexikon können wir neuere Entwicklungen einfach nachführen. Ein Vorteil ist auch, dass alle Interessierten jederzeit gratis auf die Artikel zugreifen können, im Inland wie im Ausland. Zudem kann die digitale Version mit anderen Plattformen vernetzt werden, wie beispielsweise mit «eliechtensteinensia.li» oder «e-archiv.li». Dazu kommen viel breitere Möglichkeiten der Illustration, auch mit Audio- und Videodateien.     

Eine Neuauflage der Printversion wird es also nicht mehr geben?

Ich denke nicht. Gedruckte Neuauflagen sind kostenintensiv und mit dem Aktualisieren hinkt man immer hinterher. Die recht hohe Auflage der Printversion stiess auf grosses Interesse. Jetzt hoffen wir, mit der Online-Version zusätzlich ein jüngeres Publikum zu erreichen.   

Wurde die Printversion 1:1 in die Online-Version übernommen?

In der ersten Projektphase haben wir den gesamten Text- und Bildbestand von der Printversion in die Online-Version übertragen. Diese Phase ist nun abgeschlossen. Deshalb stellen wir die Website historisches lexikon.li jetzt auch der Öffentlichkeit zur Verfügung. Die zweite Phase betrifft die Aktualisierung und Erweiterung der Artikel.

Gibt es auch Lücken im Lexikon?

Ja, die gibt es. Das Lexikon beruht auf dem aktuellen Stand der liechtensteinischen Geschichtsforschung. Forschungslücken spiegeln sich somit auch im Lexikon wider, etwa im Bereich der Sozial- und Kulturgeschichte. Beispielsweise weiss man wenig darüber, wie in Liechtenstein früher mit Menschen mit psychischen Problemen umgegangen wurde – ein Thema, das in anderen Ländern derzeit intensiv diskutiert wird.

Wer schliesst die fehlenden Passagen in unserer Geschichte? 

Das kann in der Regel nicht vom Historischen Lexikon selbst geleistet werden. Andere Institutionen wie das Liechtenstein-Institut oder der Historische Verein betreiben laufend Forschungsprojekte, deren Resultate  ins Lexikon einfliessen.

Wie viele personelle Ressourcen wurden und werden an die Erarbeitung der OnlineVersion gebunden?

Die erste Projektphase wurde von Ruth Allgäuer und mir quasi nebenher abgewickelt, mit der Hilfe von Praktikanten. Diese waren über mehrere Monate hinweg mit der Übernahme der Texte und Illustrationen beschäftigt, auch mit der Auflösung der zahlreichen Abkürzungen der Druckversion. Künftig ist gedacht, die Webseite mit einem kleinen Teilpensum weiterzuführen.

Wie gestaltet sich die Finanzierung?

Die Kosten für die beiden gedruckten Bände wurden damals vollständig von der Regierung übernommen. Für die Initialisierungsphase der digitalen Version erhielten wir von Landesseite und von den Gemeinden Vaduz, Triesen, Schaan, Mauren, Gamprin und Ruggell einen einmaligen Beitrag. Für diese Gelder sind wir sehr dankbar. Die restlichen rund 50 Prozent hat das Liechtenstein-Institut selbst finanziert. Für die anstehende zweite Phase haben uns die erwähnten Gemeinden zudem eine Unterstützung für die kommenden drei Jahre zugesichert. Über einen allfälligen Landesbeitrag werden Regierung und Landtag voraussichtlich im nächsten Jahr im Rahmen des anstehenden Finanzantrags des Liechtenstein-Instituts befinden.

Also ginge es auch ohne Unterstützung des Landes?

Ziel des Liechtenstein-Instituts ist so oder so die Weiterführung der Webseite. Gewisse Mittel können wir wie bisher selbst beitragen. Ganz allein wird das Institut das Projekt aber nicht dauerhaft stemmen können. Wir sind zuversichtlich, dass die Online-Version bei Regierung und Landtag auf Wohlwollen stösst. Mit der relativ kostengünstigen Online-Lösung können die in das gedruckte Lexikon investierten öffentlichen Mittel nachhaltig abgesichert werden. Natürlich wenden wir uns auch an Stiftungen. 

Könnten Sie sich auch vorstellen, dass Nutzer für die Beiträge bezahlen?

Nein, das wollen wir vermeiden. Das Liechtenstein-Institut verfolgt eine klare «Open-Access-Strategie». Viele Forschungsbeiträge sind bereits online kostenlos verfügbar. Das Wissen sollte der ganzen Bevölkerung zur Verfügung stehen und nicht nur jenen, die bereit sind, etwas dafür zu bezahlen.

Was unterscheidet das digitale Lexikon von den anderen Plattformen?

«eliechtensteinensia.li» oder «lub.li » machen bereits bestehende Literatur beziehungsweise Archivquellen online zugänglich. Auf der Webseite des Historischen Lexikons finden die Nutzer eigens erstellte Sachartikel und Biografien, die über bestimmte Themen informieren oder zumindest einen Einstieg in ein Thema geben.   

An wen richtet sich das Online-Angebot?

An die gesamte Liechtensteiner Bevölkerung, die einen einfachen, aber fundierten Zugang zu ihrer Geschichte erhält. Zudem wollen wir damit das Ausland sowie wissenschaftliche Kreise erreichen.

Hatten Sie bei der Umsetzung ein Vorbild?

Unser Konzept orientiert sich am Historischen Lexikon der Schweiz. Mit dem HLS arbeiteten wir schon beim gedruckten Lexikon zusammen und auch beim «eHLFL» sind wir wieder mit den Kollegen in Bern in Kontakt.

Aus Eigeninteresse: Wurden auch Zeitungsartikel verlinkt?

Noch nicht. Es kämen ja Tausende von Artikeln infrage. Grundsätzlich wollen wir hauptsächlich wissenschaftliche Literatur verlinken. Eine Ausnahme bilden die Nachrufe, auf die wir bei den biografischen Artikeln verlinken werden. Zu vielen Personen gibt es ja kaum Literatur.

Zurück zum Anfang: Ab welchem Zeitpunkt wird etwas zu Geschichte?

Es gibt keinen bestimmten Zeitpunkt, ab wann etwas historisch wird. Im Prinzip ist alles Geschichte, was vorbei ist. Es stellt sich eher die Frage, inwiefern ein Ereignis relevant ist. Hat es beispielsweise die Entwicklung des Staates oder der Gesellschaft geprägt und in eine neue Richtung gelenkt? Oder war die Person in gewisser Weise ein Pionier? Wir verfolgen zum Beispiel die Entwicklung im Bereich «Blockchain». Ein Artikel, den wir bereits neu aufgenommen haben, ist die «Zumwinkel-Affäre» von 2008.

Welches Ereignis aus dem Jahr 2018 wird in die Geschichtsbücher eingehen?

Sicher die Entwicklung in der Parteienlandschaft mit den Vorgängen rund um die DU und die DPL. Wie gesagt wohl auch das Thema «Blockchain».

Was war rückblickend eines der wichtigsten Geschehnisse für Liechtenstein?

Wir feiern nächstes Jahr 300 Jahre Fürstentum Liechtenstein. Natürlich war die Erhebung zum Fürstentum im Jahr 1719 ein zentrales Ereignis. Aber auch Entwicklungen im sozialen Bereich waren wichtig, in neuerer Zeit etwa die Gründung der AHV/IV/FAK in den 1950er-Jahren. Im wirtschaftlichen Bereich wurde die Entwicklung nach dem Ersten Weltkrieg mit dem neuen Steuergesetz und der Einführung des Personen- und Gesellschaftsrechts in eine ganz neue Richtung gelenkt.

Abschliessend: Welche Erwartungen stellen Sie an die Online-Version des Lexikons?

Ich hoffe, dass sie von der Bevölkerung aufgenommen und genutzt wird. Vielleicht auch von der jüngeren Generation, die sich mit dem Medium Internet leichter tun dürfte als mit dicken Buchbänden – zumal die Website auch handy-tauglich ist. Zudem möchten wir das Lexikon langfristig weiterentwickeln. Ich denke, das Historische Lexikon liegt im öffentlichen Interesse. Wir können Liechtenstein im World Wide Web als eigenes Land mit eigener Geschichte hervorheben. Das dokumentiert auch unsere Eigenstaatlichkeit.   

Interview: Susanne Quadereer

 

13. Nov 2018 / 15:30
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