• Interview Fürst Hans-Adam
    Fürst Hans-Adam II. feiert heute seinen 75. Geburtstag.  (Daniel Schwendener)

Fürst: «Stehen nicht vor Weltuntergang»

Seit 25 Jahren führt das «Liechtensteiner Vaterland» mit Fürst Hans-Adam II. Geburtstagsinterviews. Dabei hat er mit seinen Aussagen immer wieder für Diskussionen gesorgt. Das Staatsoberhaupt sieht die Entwicklung Liechtensteins weiterhin positiv und die Klimaerwärmung hält es nicht für dramatisch.
 
Herzlichen Glückwunsch zum 75. Geburtstag. Wie geht es Ihnen?
Mir geht es bestens. Gott sei Dank bin ich bei guter Gesundheit und auch sonst läuft alles recht gut. Für mich ändert sich mit dieser Zahl nichts. Es geht alles so weiter wie bisher.
 
Mit 75 Jahren kann man auf eine turbulente Zeitgeschichte mit vielen Veränderungen zurückblicken. Wenn man aber derzeit in die Welt schaut, dann erhält man ein eher düsteres Bild.
Das sehe ich nicht so. Ich bin optimistischer. Dies kommt vielleicht daher, dass ich geprägt wurde von der Nachkriegszeit und vom Kalten Krieg. Damals lebte man mit der Befürchtung vor einem Dritten Weltkrieg, welcher atomar ausgetragen wird. Diese Gefahr war Ende der 80er-Jahre gebannt. Die Probleme, mit denen wir in Zukunft kämpfen müssen, ist die Unterentwicklung in gewissen Teilen der Welt. Ich denke hier insbesondere auch an die islamische Welt, welche Flüchtlinge und teilweise auch Terroristen produziert. Das sind aus meiner Sicht eher begrenzte Gefahren. Ein grosser Krieg ist jedenfalls nicht abzusehen. Europa ist wieder zusammengewachsen. Der Eiserne Vorhang ist weg.
 
Dafür könnte sich der Wirtschaftskrieg geopolitisch verschärfen.
Dass ein gewisser Wettbewerb da ist, scheint mir in einer Marktwirtschaft normal zu sein. Die Marktwirtschaft lebt vom Wettbewerb. Und dieser Wettbewerb ist natürlich auch auf staatlicher Ebene angelangt. Mit diesem Wettbewerb hatten wir immer schon zu kämpfen. Zunächst waren die amerikanischen Unternehmen sehr stark, dann hat Europa aufgeholt, dann sind die Japaner gekommen und jetzt kommt China dazu. Aber dies hat für uns auch einen Vorteil. Wir können dorthin exportieren, wenn die Wirtschaft dort wächst. 
 
Die letzten 75 Jahre waren auch für Liechtenstein besonders. Das Land hat einen unglaublichen Höhenflug erlebt. Doch nun glauben viele, dass der Zenit überschritten ist und es eigentlich nur noch abwärts gehen kann.
Ich kenne diese Stimmen seit meiner Jugend. Es gab Pessimisten, die auch damals in Liechtenstein gesagt haben, dass wir es nie mehr so gut haben werden. Und trotzdem ist es immer aufwärts gegangen. Wir sind von der Wirtschaft her sehr gut aufgestellt und sind breit diversifiziert. Ich habe schon öfters gesagt, dass wenn sich ein Staat Schweizer Gastarbeiter leisten kann, muss die Wirtschaft gut funktionieren. Und wenn man sich das Pro-Kopf-Einkommen anschaut, dann sind wir weltweit an der Spitze und dies obwohl wir ein Staat ohne Rohstoffe sind. Ich bin optimistisch, dass unsere Entwicklung weiterhin positiv ist.
 
Also glauben Sie, dass es weiterhin aufwärtsgeht oder zeichnet sich nicht eine gewisse Stagnation ab?
Es gibt immer kleines Auf und Ab in der Wirtschaft. Derzeit sind wir weltweit vielleicht in einer Wachstumsdelle, aber auch hier steht Liechtenstein im internationalen Vergleich sehr gut da. Wir stehen besser da als die Schweiz, Österreich und Deutschland. 
 
Ein zentrales globales Thema ist die Klimaerwärmung. Am diesjährigen WEF in Davos gab es ein Fernduell zwischen US-Präsident Donald Trump und der Klimaaktivistin Greta Thunberg. Trump erklärte: «Wir müssen die ewigen Propheten des Untergangs und die Vorhersagen einer Apokalypse ablehnen.» Und Thunberg sagte: «Unser Haus brennt noch immer. Eure Untätigkeit heizt die Flammen stündlich an.» Auf welcher Seite stehen Sie?
Wir stehen sicher nicht vor einem Weltuntergang. Natürlich wäre es gut, wenn wir die Klimaerwärmung besser in den Griff bekommen könnten. Dafür braucht es aus meiner Sicht aber technologische Durch-brüche. Das wird deshalb nicht so einfach sein. Wir können uns nicht von heute auf morgen von Öl und Gas verabschieden – von der Kohle haben wir uns ja schon weitgehend verabschiedet. Ich sehe das Ganze nicht so dramatisch. Ich glaube, es gab eine Berechnung, dass selbst wenn ein Teil von Grönland abschmelzen würde, würde der Meeresspiegel 
um ungefähr 3 bis 4 Meter ansteigen. Dies ist für die Küstenstädte natürlich nicht sehr erfreulich, aber auch dies liesse sich irgendwie in den Griff bekommen. Die Menschheit ist heute sehr reich, wenn wir dies mit früheren Jahrhunderten vergleichen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das zerstörte Deutschland sehr schnell wieder aufgebaut – und da sind ganze Städte zerstört worden. Dann können wir heute auch eine solche Situation meistern. Wenn der Meeresspiegel ansteigt, dann könnte man etwas weiter im Hinterland neue Städte aufbauen. Ich sehe hier deshalb kein unüberwindbares Problem.
 
Die Lösung muss aus Ihrer Sicht also primär technischer Natur sein?
Ja. Wir brauchen die Energie. Früher haben wir sie mit der Holzverbrennung gewonnen. Dann haben wir Kohle genommen – die ist noch schlechter. Skeptisch bin ich bei der ganzen Hoffnung auf die Solartechnik. Denn schon die Produktion der Solarpanels braucht sehr viel Energie. Vielleicht gibt es noch einen anderen Durchbruch. Das würde ich nicht ausschliessen. Die Atomenergie will man ja auch nicht. Obwohl diese relativ sauber wäre. Aber da sind die Widerstände zu gross, um diese massiv auszubauen.
 
Bei der Atomenergie ist aber die Entsorgung ein Problem.
Dieses Problem ist aus meiner Sicht lösbar. Den Restabfall könnte man tief im Boden versenken. Hier gibt es ja schon verschiedene Ideen. Man könnte hoch radioaktives Material auch in das Weltall schiessen. Die technischen Möglichkeiten dazu wären vorhanden. 
 
Auch in Liechtenstein ist das Thema auf der politischen Tagesordnung angekommen. Was sollte aus Ihrer Sicht Liechtenstein in Sachen Klimaschutz unternehmen oder was kann das Land in dieser globalen Angelegenheit leisten?
Direkt überhaupt nichts. Dafür sind wir viel zu unbedeutend. Wo vielleicht eine gewisse Unterstützung möglich ist, ist im Bereich der Technologie. In den liechtensteinischen Unternehmen wird viel geforscht. Da könnte ich mir vorstellen, dass es daraus einen gewissen Beitrag gibt. Wir haben etwa mit der Hoval einen Betrieb, der seit Jahrzehnten daran arbeitet, den Energieverbrauch für die Heizung und Kühlung von Gebäuden zu reduzieren. Es gibt hier auch andere Unternehmen, welche indirekt einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Dies sind aber global gesehen Puzzlestücke. 
 
Welche Möglichkeiten hat aus Ihrer Sicht der Finanzplatz? Ich denke hier etwa an die Klimatests für Finanzanlagen.
Hier besteht eine gewisse Nachfrage des Marktes. Die Menschen möchten nachhaltig investieren. Dies erachte ich als durchaus sinnvoll. Auch unsere Unternehmen engagieren sich in diesem Bereich. So verbrauchen wir mit unserem Hybridreis weniger Wasser, Energie und Pflanzenschutzmittel. Auch dies sind solche kleine Mosaiksteinchen. Aus diesem Grund ist es sicher zu begrüssen, wenn Investoren, aber auch der Staat bei seinen Finanzanlagen die Nachhaltigkeit berücksichtigen.
 
In Liechtenstein werden aber in diesem letzten Jahr der Legislaturperiode wohl andere Themen im Mittelpunkt stehen. Eines davon ist die langfristige Absicherung der AHV. Sie haben sich schon im Geburtstagsinterview vor zwei Jahren für eine Erhöhung des Pensionsalters ausgesprochen. Ihr Sohn hat bei seiner diesjährigen Thronrede eine Koppelung an die Lebens-erwartung ins Spiel gebracht. Was für Optionen sehen sie sonst noch?
Ich würde die Anlagen internationaler streuen. Hier ist die AHV aus meiner Sicht in der Anlagemöglichkeit zu stark eingeschränkt. Darauf habe ich schon hingewiesen, als ich politisch noch aktiv war. Da ist jedoch sehr wenig passiert, und man hat sich sehr stark am Vorbild Schweiz orientiert.
 
Aber an der Erhöhung des Pensionsalters führt aus Ihrer Sicht nichts vorbei?
Richtig. Ich habe zwar in Ihrer Umfrage gesehen, dass dies nicht auf allzu grosse Zustimmung stösst. Ich sage immer wieder: Als damals in Deutschland unter Bismarck das Rentenalter 65 einführt wurde, war dies die durchschnittliche Lebenserwartung. Heute liegt sie bei uns über 
80 Jahren. Dass sich dies auf die Dauer nicht rechnen kann, muss allen klar sein. Zudem hat es damals auch nicht so lange Ausbildungen gegeben, welche heute ebenfalls vom Staat finanziert werden. Die effektive Zeitspanne, in welcher man einen Beitrag an die AHV leistet und nicht von Steuern oder Subventionen abhängig ist – von der Volksschule bis zur Universität –, ist heute wesentlich kürzer. Deshalb muss man aus meiner Sicht die Arbeitszeit verlängern.
 
Es ist aber doch ein Unterschied, ob ich als Handwerker ab 18 Jahre auf dem Bau arbeite oder etwa eine akademische Laufbahn eingeschlagen habe und vom  30. Geburtstag an einer sitzenden Tätigkeit nachgehe?
Verglichen mit früher sind auch auf dem Bau die Unfallgefahr und die Schwerstarbeit stark zurück-gegangen. Auch die Landwirtschaft ist heute praktisch vollständig mechanisiert. Wenn man also damals gesagt hat, der Bauarbeiter kann bis 65 arbeiten, dann könnte heute auch in dieser Berufsgruppe länger gearbeitet werden. Auf der anderen Seite haben wir heute schon die Möglichkeit der frühzeitigen Pensionierung in besonderen Fällen. 
 
Ein weiteres Thema in diesem Jahr sind notwendige Lösungen im Verkehrsbereich. Wo sehen Sie hier die wichtigsten Massnahmen? Oder haben sie hier weitergehende Ideen, als jene, welche bisher diskutiert worden sind?
Ich habe einmal vorschlagen – ohne es genauer durchzurechnen –, bei Feldkirch einen Tunnel zu bauen, welcher in Balzers wieder herauskommt und dann überall ein paar Ausgänge hat, damit der gesamte Verkehr in den Berg verlagert werden kann. Das ist sicher nicht ganz realistisch. Wir können von Glück reden, dass auf der anderen Seite des Rheins die Schweizer seither eine Autobahn gebaut haben. Das Verkehrsproblem lässt sich aber nur schwer lösen. Ich persönliche sehe im Moment keine Lösung. Die Leute steigen nicht wirklich in die Busse um, weil es einfach mit gewissen Nachteilen verbunden ist – etwa längere Anfahrtszeiten. Wir haben viele Grenzgänger. Und dies alles stellt eine Hürde dar.
 
Wir müssen also mit dieser Kehrseite der Medaille – welche der wirtschaftliche Erfolg mit sich bringt – leben?
Ja. Das ist auf absehbare Zeit einfach unvermeidlich. Ich sehe derzeit keine Lösung.
 
Trotzdem will die Regierung hier Massnahmen vorschlagen. Diese kosten auch Geld. Diesbezüglich steht auch ein Reservenabbau im Raum. Sie waren aber auch immer ein Verfechter eines schlanken Staates. Welche Staatsaufgaben müssen hinterfragt werden, damit der Staat weniger Mittel benötigt, wenn es wirtschaftlich oder für den Staatshaushalt wieder einmal enger wird?
Soweit ich dies heute beurteilen kann, sind wir bereits ein sehr schlanker Staat – verglichen mit vielen anderen Staaten. Deshalb haben wir auch sehr niedrige Steuern und erzielen trotzdem Überschüsse. Und dies auf Staats- wie auch Gemeindeebene. Ich habe mich in letzter Zeit nicht mehr so intensiv damit auseinandergesetzt. Es gibt sicher noch gewisse Möglichkeiten für Privatisierungen. Ich war etwa immer ein Anhänger davon, dass man die Landesbank privatisiert. Dies würde der Bank mehr unternehmerische Freiheit geben. 
 
In dieser Legislaturperiode ist eigentlich recht wenig passiert – abgesehen von den bewilligten Infrastrukturprojekten im vergangenen Jahr. Der Landtag hat sich oft mit sich selbst befasst und auch die Koalitionsregierung hatte insgesamt nicht den nötigen Drive. Was braucht Liechtenstein in den nächsten Jahren für eine politische Führung?
Man muss als Kleinstaat langfristig planen und versuchen, sich das Ganze in verschiedenen Varianten anzuschauen: Wohin geht die europäische Politik? Wohin geht die Weltpolitik? Daraus muss man verschiedene Strategien entwickeln. Das ist etwas, was den Politikern weniger liegt, weil sie alle vier Jahre wiedergewählt werden müssen. Hier steht das kurzfristige Element im Vordergrund. Eine Monarchie, welche in Generationen denkt, kann einen positiven Beitrag leisten. Dies setzt voraus, dass  die Monarchie nicht nur auf Repräsentationsaufgaben reduziert wird. Sonst kann sie sich nicht einbringen. Hier hat Liechtenstein ein gutes Modell. 
 
Ist Ihr Enkel, Prinz Wenzel, eigentlich schon miteingebunden?
Er bekommt natürlich viel mit. Jetzt muss er aber zunächst sein Studium abschliessen. Dann muss er sich mit der Verwaltung des Familienvermögens vertraut machen. Und erst zum Schluss geht es an die staatlichen Aufgaben. 
 
Viele Menschen haben eine sogenannte Bucket List, also eine Liste mit Dingen, welche sie unbedingt noch machen wollen. Was steht noch auf ihrer Liste?
Eine solche Liste gibt es bei mir nicht. Ich habe noch ein Projekt, welches mich begeistert. Das sind die schwimmenden Städte. Ob es jemals verwirklicht wird, ist eine andere Frage. Aber das hält mich beschäftigt. Würde man ins Wasser hinausbauen, könnte dies den Druck von den umliegenden Gebieten der Städte wegnehmen, welche heute zu Erholungs- oder Landwirtschaftszwecken genutzt werden. Dieses Projekt fesselt mich, es ist technologisch jedoch sehr anspruchsvoll, und wir stehen hier am Anfang. Ob ich es jemals erleben werde, ist eine ganz andere Frage. Daneben interessiere ich mich noch immer für die Grenzgebiete der Physik. Dieses Engagement werde ich aber langsam einstellen, weil sich meine Söhne nicht dafür interessieren. Es war auch mehr ein Hobby von mir. 
 
Wir sind am Schluss des Gesprächs. Was wünschen Sie sich zu Ihrem 75. Geburtstag?
Dass es im privaten Bereich und auch auf Landesebene so gut weitergeht wie bisher. Ich freue mich darüber, dass meine Söhne ihre Aufgaben so gut erfüllen. (Interview: sap)
14. Feb 2020 / 23:48
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