• Interview mit Angela Matthes, Balzers
    Angela Matthes macht Frauen Mut: Glaubt an eure weiblichen Fähigkeiten und setzt diese auch ein.»  (Tatjana Schnalzger)

«Feminine Fähigkeiten werden wichtiger»

Angela Matthes behauptet sich als CEO der Baloise Life in Balzers in einer Führungsposition. Damit ist sie in der Arbeitswelt noch ein rares Gut. Allerdings war ihre Ernennung zum Chef noch vor ihrer Geschlechtsumwandlung. Matthes war damals noch ein Mann.

Frau Matthes, was sagt Ihnen der heutige Weltfrauentag?
Angela Matthes: Das ist für mich ein bisschen wie mit dem Muttertag. Es ist schön, dass es einen Tag gibt, an dem die Frauen im Vordergrund stehen und wertgeschätzt werden. Doch sollte man dies nicht auch an den restlichen 364 Tagen des Jahres tun?

Ein frommer Wunsch, Frau Matthes! Sie sind CEO einer Lebensversicherung in Liechtenstein. Wie wichtig sind Ihnen die Themen Chancengleichheit und Vielfalt im Unternehmen?
Ganz grundsätzlich ist Vielfalt für mich persönlich extrem wichtig. Auch aus unternehmerischer Sicht sollten verschiedenste Blickwinkel in eine Entscheidung miteinbezogen werden. Jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte mit und einen unterschiedlich gefüllten Erfahrungsrucksack. Dieser ist geprägt durch Ausbildung, Erziehung, Religion, Herkunft und nicht zuletzt auch Geschlecht. Vielfalt heisst für mich, verschiedene Ideen und Lösungsvorschläge anzuhören um die beste davon auszuwählen. Egal von wem diese kommt – denn nur so funktioniert Chancengleichheit. 

Wie leben Sie diese Vielfalt und Chancengleichheit denn im Unternehmen?
Zum einen arbeiten bei der Baloise Life in Balzers in etwa gleich viele Frauen wie Männer. Und zum anderen versuchen wir, unsere Vielfalt auch zu nutzen. Im Sommer haben wir unsere Geschäftsstrategie überarbeitet. Gemeinsam haben wir versucht, zu definieren, wo die Reise in den nächsten fünf Jahren hingehen soll. Mit gemeinsam meine ich nicht nur die Geschäftsleitung oder das Management-Team: Sämtliche Mitarbeiter der Baloise Life waren involviert. Entstanden ist eine gemeinsame Story mit verschiedenen Kapiteln, die alle 24 Mitarbeitenden zusammen entwickelt haben. Als Führungskraft bin ich davon überzeugt, dass sich solch eine Strategie nur umsetzen lässt, wenn alle Mitarbeitenden mit im Boot sind. 

Frau Matthes, machen wir einen kurzen Ausflug in Ihre Vergangenheit: Sie lebten noch als Mann als Sie Chef wurden. Wie hat denn Ihr Unternehmen auf diese Transformation zur Frau reagiert? 
Darüber denke ich ehrlich gesagt nur noch nach, wenn ich wie jetzt in einem Interview danach gefragt werde. Für die Baloise-Gruppe bin ich noch immer der gleiche Mensch mit demselben Charakter. Ich fühle mich als Frau komplett akzeptiert und wertgeschätzt. Der Wechsel war gut vorbereitet von meinen Vorgesetzen, von der Kommunikationsabteilung und auch von mir selbst. So wurde, als es dann soweit war, kaum mehr darüber gesprochen. Die Transformation war auch bei den Kollegen im Hauptsitz in Basel ein Non-Event.

Glauben Sie, dass Sie sich auch als Frau beruflich durchgesetzt hätten?
Das ist eine extrem gute Frage. Ich denke, dass meine Karriere einen anderen Verlauf genommen hätte, wenn ich von Anfang an als Frau ins Berufsleben eingetreten wäre. Ob ich dann heute auch CEO wäre, kann ich nicht beantworten. Was einen Menschen ausmacht, das sind die Erfahrungen. Mein persönlicher Lebensweg hat mich immer wieder gezwungen, meine Komfortzone zu verlassen. Es war oftmals hart, aber daran bin ich auch gewachsen. Wenn ich diese Lebensgeschichte nicht gehabt hätte, wäre ich bestimmt nicht der gleiche Mensch, der ich heute bin. Ein Individuum ist doch gewissermassen die Summe seiner Erfahrungen. 

Erleben Sie den Berufsalltag als Führungskraft anders als Frau wie früher als Mann?
Es ist schwierig, dies zu vergleichen. Geschäftspartner haben schon aufgrund meiner Funktion als CEO einen gewissen Respekt, unabhängig von meinem Geschlecht. Selten ist es mir schon passiert ist, dass ich das Gefühl hatte, dass in Meetings mit spezifischen Geschäftspartnern eher mein männlicher Kollege wahrgenommen wurde. 

Wie reagieren Sie denn in Situationen, in denen Sie sich nicht wahrgenommen fühlen?
Wie gesagt, das waren nur Einzelfälle. Mit der Zeit führen die Erfahrung und die Ausstrahlung als CEO dazu, dass sich die Frage der Wahrnehmung gar nicht mehr stellt.

Dann können sie aber aus eigener Erfahrung sagen, dass es Frauen schon schwieriger haben, sich 
beruflich durchzusetzen. 

Ja, aber: Vieles ist im Wandel und auf uns kommt eine spannende Zeit zu. Eigenschaften, die tendenziell als maskulin beziehungweise feminin bezeichnet werden, werden in Zukunft gleich wichtig sein. Mit maskulinen Fähigkeiten meine ich Ausprägungen zu Hierarchie, Struktur, Regeln und sachlichem Denken. Als feminine Ausprägungen sehe ich Fähigkeiten, die darauf zielen, eher hierarchiefrei, emphatisch, emotional und chaotisch zu sein. Schon in der heutigen Berufswelt gibt es eine neue Generation von Arbeitskräften mit ganz anderen Haltungen und Erwartungen. Millenials hinterfragen und nehmen nicht einfach alles so an, weil es einfach schon immer so war. Sie lehnen Hierarchie ab und wollen ein «Warum?» beantwortet haben. 

Und Sie glauben, dass damit die femininen Fähigkeiten an Bedeutung gewinnen?
Ja. Und: Es ist wichtig, dass wir Frauen diese auch nutzen, denn wir haben mit diesen Eigenschaften sehr gute Erfolgsaussichten. Allerdings braucht es auch einen gesunden Mix, also im selben Mass auch die maskulinen Fähigkeiten. Frauen wie Männer müssen also gegenseitig voneinander lernen. Unser Arbeitsalltag verlangt ein diversifizierteres Fähigkeiten-Set als es in der Vergangenheit der Fall war. Frauen können von dieser Entwicklung nur profitieren. Denn künftig sind die Personen am erfolgreichsten, die die gesamte Palette an Fähigkeiten am besten einsetzen, gender-unabhängig.

Klingt nach einem Mutmacher für alle Frauen, die beruflich wie auch politisch etwas erreichen wollen.
Ja, ich will Frauen ermutigen. Ganz wichtig ist bei diesem Prozess, die eigene Komfortzone zu verlassen. Will man eine Situation oder sich selbst verändern, ist dies ein Muss. Für Frauen heisst dies, sich nicht auf ein männliches Spiel einzulassen und stattdessen alle Fähigkeiten, besonders die im Businessalltag noch etwas vernachlässigten femininen, zu nutzen. Frau soll sich bewusst sein, dass sie Ihr Ziel erreichen kann – und auch wird. 

Das heisst, Frauen werden nicht ernster genommen, indem sie den Möchte-gern-Mann markieren. Auch Weiblichkeit kann siegen!
Richtig! Und das heisst auch, dass wenn man etwas in Angriff nimmt, das Vorhaben nicht schon von Anfang an komplett beherrscht werden muss. Zum Beispiel bei einer Stellenanzeige – Er: Ich beherrsche sechs der zehn Anforderungen – das ist was für mich. Sie: Ich beherrsche nur neun von zehn Anforderungen – ich bin nicht geeignet. Es braucht Mut, dennoch auf der Zielgeraden zu bleiben. Und das funktioniert nur, wenn sich Frau sagt, dass sie allfällige Lücken aufarbeiten kann und will. Ganz nach dem Motto: Was ich nicht kann, werde ich lernen – davon abbringen lasse ich mich aber nicht!

Klingt, als hätte die Frau viele Fäden in ihren eigenen Händen. Was halten Sie denn eigentlich von einer Quotenregelung in Wirtschaft und Politik?
Grundsätzlich sollte immer die Person den Job oder das Amt bekommen, die sich am besten dafür eignet. Das ist aber eben nicht immer so, eine gewisse Befangenheit ist immer da. Ein Leitungsteam zum Beispiel, das absolut männlich ist, lebt eine gewisse Dynamik. Kommen beispielsweise zwei Frauen hinzu, verändert sich diese Dynamik und die Gruppe funktioniert nicht mehr gleich. So wird die beste Person nicht nur aus dem Fähigkeitsaspekt heraus gewählt, sondern auch vor dem Hintergrund, wie sich diese Person in die Gruppe fügt, oft auch ganz unbewusst. Kurzum: Eigentlich bin ich gegen eine Quote. Aber ich vermute, dass es für eine gewisse Zeit trotzdem eine braucht, damit die gläserne Decke vollständig durchbrochen werden kann. 

Und – abgesehen von der Quote – wie muss sich die Gesellschaft wandeln, um diese Chancengleichheit auch zu leben?
Gegenseitiger Respekt und Wertschätzung ist das A und O. Des weiteren braucht es ein klares Bekenntnis eines Unternehmens oder auch eines Landes, vielfältig zu sein, alle Blickwinkel sehen zu wollen und sich auch entsprechend zu präsentieren. Wir benötigen flexible Arbeitsmodelle und wahrscheinlich auch neue Familienkonzepte. 

08. Mär 2018 / 07:00
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