• Gerichtsgebäude in Vaduz
    Der Angeklagte wurde letztlich freigesprochen, ganz getreu dem Grundsatz: In dubio pro reo.  (Daniel Schwendener)

Erinnerungslücke: Nacht im September bleibt ungeklärt

Das Gericht konnte nicht klären, ob der angeklagte Fahrgast tatsächlich handgreiflich wurde. Diesem fehlt die Erinnerung.

Gerade als der Richter den Beschluss verkündete, in Abwesenheit des Angeklagten zu verhandeln, erschien dieser dann doch noch zum Gerichtstermin, ein paar Minuten verspätet. Während der Verhandlung blieb der 61-Jährige Liechtensteiner allerdings stumm. Viel zu sagen hatte er auch bei der ersten Verhandlung im Januar nicht. Ausser, dass er sich an nichts mehr erinnern kann. Weder an eine körperliche noch an eine verbale Auseinandersetzung, die er im September vergangenen Jahres mit einem Taxifahrer gehabt haben soll. Ganz genau erinnert sich hingegen noch der Taxifahrer – jedesmal wenn ein Gast auf der Rückbank Platz nehme, komme die Angst in ihm hoch. Die Angst davor, ähnliches zu erleben wie in jener Nacht, als er den alkoholisierten 61-jährigen Liechtensteiner nach einem durchzechten Abend nach Hause fuhr. Der Fahrgast habe die Autotüre nicht aufgekriegt und so habe er ihm diese geöffnet. Daraufhin habe der Mann ihn aufs Übelste beschimpft, ihm drei Faustschläge verpasst und ihn schliesslich am Hals gewürgt. Schon anlässlich der letzten Verhandlung gab der Angeklagte keinen der vorgeworfenen Übergriffe zu – «kann ich ja nicht, wenn mir jegliche Erinnerung fehlt», begründete er.

Böse Blicke, verbale Seitenhiebe

Die Verhandlung im Januar musste vertagt werden, weil ein wichtiger Zeuge nicht erschienen war: Der Chef des Taxifahrers. In einer Kurzmitteilung via Handy schrieb dieser dem Kollegen des Angeklagten, dass er sich für seinen Angestellten entschuldigen wolle. Denn dieser habe den besagten Angriff lediglich erfunden, weil er nachts sowieso nicht gerne arbeite und stattdessen lieber im Casino hocke. Er habe ihn per sofort gefeuert und hoffe, dass er und der Angeklagte, die an jenem Abend gemeinsam unterwegs waren, wieder einmal mit seinem Taxiunternehmen fahren würden.

«Dass sein Ex-Angestellter diesen Angriff nur fingierte, ist eine blosse Vermutung», relativierte gestern der Chef. Es habe mehrere Vorfälle gegeben, die zwar nichts mit dieser Angelegenheit zu tun hätten, ihn aber dazu brachten, seinem ehemaligen Chauffeur nichts mehr zu glauben. Dass er das Arbeitsverhältnis im Streit aufgelöst hat, hätte er gar nicht erwähnen müssen. Deutlich waren die bösen Blicke, die sich die beiden zugeworfen haben, geschweige von verbalen Seitenhieben.

Für einen Schuldspruch hat es nicht gereicht

Im Sinne von «Im Zweifel für den Angeklagten» hat der Richter den Angeklagten schliesslich freigesprochen. Die Aussagen des Taxifahrers seien ihm zu widersprüchlich, argumentierte der Richter. Auch die Tatsache, dass er den Vorfall erst zwei Stunden später nachdem er im Casino war, meldete, liessen für den Richter Fragen offen. Ausserdem seien im Krankenhaus keine Symptome festgestellt worden, ausser einem Kratzer auf der Nase, der sich wiederum der Taxifahrer nicht erklären konnte. Für eine Verurteilung hat es jedenfalls nicht gereicht – und offen bleibt, was in jener September-Nacht tatsächlich passiert ist. Oder was auch nicht. (bfs)

02. Jul 2020 / 17:53
Geteilt: x
KOMMENTARE

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Überschrift (max. 70 Zeichen)
Meine Meinung (Noch  Zeichen verfügbar)
UMFRAGE DER WOCHE
Lade TED
Ted wird geladen, bitte warten...

Wettbewerb
Lova Center
Zu gewinnen einen Lova Einkaufsgutschein im Wert von 50 Franken.
25.06.2020
Facebook
Top