• Postplatz in Schaan
     (Daniel Schwendener)

«Ein Zeichen dafür, dass sie  nicht isoliert werden wollen»

Beim Schaaner Bahnhofsgelände versammeln sich immer wieder Personen, die nicht in die vermeintlich  perfekte Welt Liechtensteins passen. Die Gemeinde Schaan will nun helfen und startet 2021 ein Projekt. 

Die Holzbänke beim Hintereingang des Kiosks in Schaan sind in der vergangenen Zeit oft besetzt: Mit der Bierflasche in der einen und der Zigarette in der anderen Hand sitzen Menschen darauf. Ihre T-Shirts und Hosen sind verwaschen – das satte Blau ist grau geworden. An einem regnerischen Abend nähern sich zwei Polizisten den Personen, sprechen mit ihnen und laufen zurück zu ihrem Dienstauto. Da brüllt eine Frau ihnen Schimpfwörter hinterher. Ein Mann aus der Gruppe ruft, sie solle ihren Mund halten, rennt den Beamten hinterher und entschuldigt sich. Die Polizisten steigen ins Auto und fahren weg. Die Personen widmen sich wieder dem Bier und der Zigarette.

«Haben ihnen auch schon Obdach geboten» 

Auf dem Gelände rund um den Schaaner Busbahnhof und das Postgebäude sieht man immer wieder Menschen, die nicht in die vermeintlich perfekte Welt Liechtensteins passen. Sie sorgen für Gesprächsstoff und manchmal leider auch für  Probleme. Dave Leimgruber, Geschäftsführer und Inhaber der SNK «Social Networking Estab­lishment» in Schaan – die niederschwellige Sozialarbeit anbietet – begleitet mit seinem Team einige der Personen. Dies ohne Auftrag des Amtes oder Staats. «Die Begleitung liegt in unserem Interesse. Wir möchten diesen Personen zur Seite stehen und sie in ihren Lebensumständen unterstützen», sagt er. So weiss er auch, dass den meisten der soziale Anschluss fehlt und sie einsam sind. «Leider ist auch Sucht oft ein Thema», fügt er an. Häufig leben die Personen in einer eigenen Wohnung, die mittels der Sozialhilfe oder IV finanziert wird. «Dem einen oder anderen haben auch wir schon Obdach gegeben.» Auf die Frage, weshalb sie sich an diesem Ort versammeln, meint der Experte, dass es ein Zeichen sei, dass man sich nicht sozial isolieren solle. Die Menschen wollen, wie jeder andere auch, dazugehören: «Das können sie so zum Ausdruck bringen und sich unter die Leute ‹mischen›.» Dave Leimgruber erlebt die Menschen als dankbar, aber manchmal auch «kratzbürstig». «Nicht immer gelingt es, konstruktiv mit ihnen zu kommunizieren», sagt er. Trotz­dem würden die Menschen die Gespräche und Beziehung mit den Sozialarbeitenden sehr schätzen.

Scheitern in der  Leistungsgesellschaft

Für Vorsteher Daniel Hilti ist klar: «Auch sie sind ein Teil unserer Gesellschaft.» Immer wieder jedoch erhalte die Gemeinde Reklamationen aus der Bevölkerung. Zudem sei die  Situation beim Schaaner Busbahnhof und beim Post­ge­bäu­de vor allem an den Wochen­enden derzeit «nicht akzeptabel» – daran sind aber nicht mehr nur  besagte Personen schuld. Deshalb würden die Landes- und Gemeindepolizei, Nachtwache und Offene Jugendarbeit mit ihrer Präsenz ihr Möglichstes tun. Dafür spreche er seinen Dank aus. «Wir haben auch schon Platzverbote ausgesprochen, die nicht beachtet werden. Rechtliche Grundlagen, um wirksam etwas zu tun, gibt es nicht», sagt der Vorsteher.

Hilti weiss, dass es trotz des sehr hohen Lebensstandards in Liechtenstein Menschen gebe, die in der Leistungsgesellschaft scheiterten. «Leider lässt ge­nau diese Gesellschaft viele Menschen letztlich fallen und trampelt zu guter Letzt noch auf ihnen herum.» Bei dieser gesellschaftlichen Herausforderung seien Landtag, Regierung, Gemeinden, aber auch Betriebe und Unternehmen sowie Medien, Vereine und jeder Einzelne gefordert. Denn es sei zu einfach, nur danach zu fragen, was die Gemeinde unternehmen könne.

«Es ist wichtig, ihre Welt besser zu verstehen»

Auf die Frage, ob den Menschen allenfalls ein Platz zur Verfügung gestellt werden könne, an dem sie sich treffen können, antwortet Hilti: «Und wohin? Möglichst weit weg vom Dorf? Einen solchen Platz werden sie nicht annehmen.» Denn sie möchten gesehen werden. «Im Dorf oder in einem Quartier sind sie immer im Weg. Egal, wo der Platz liegt.» Auch für Dave Leimgruber ist die Idee «schwierig zu beurteilen». «Auf der einen Seite ist es wichtig, dass die Menschen in unseren Alltag integriert werden, auf der anderen Seite wäre es auch wünschenswert, dass diese Leute einen Platz haben, ohne Aufsehen zu erregen oder die Missgunst der Öffentlichkeit zu spüren.» Es sei wichtig, den Menschen Raum zu geben und ihre Welt besser zu verstehen. «Vorurteile sind meist eine Blockade, die zwischen uns steht.» Vielmehr solle man mit den Menschen in Kontakt treten und sie kennenlernen.

Projekt: Zusammenarbeit mit Hochschule

Die Gemeinde geht einen neuen Weg: In Zusammenarbeit mit einer Hochschule soll ein Projekt erarbeitet werden, das «im Idealfall neue Wege findet, wie eine vernünftiges Nebeneinander aller sozialen Schichten im öffentlichen Raum stattfinden kann». Es ist laut Hilti ein «hochgestecktes Ziel mit offenem Ausgang, aber allemal einen Versuch wert». Der Start des Projektes werde aufgrund der Corona-Krise auf das kommende Jahr verschoben.  (qus)

22. Mai 2020 / 09:23
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1 KOMMENTAR
«Es ist wichtig, ihre Welt besser zu verstehen»
Es ist ganz einfach;
Soll das Dorfzentrum ein Platz sein, auf dem man ungestört saufen kann, ein Platz auf dem sich Abend gelegentlich 50 Personen schlagen, ein Platz für Dealer, ein Platz auf dem man sich (wenn man nicht 'dazu gehört') nicht sicher sein kann?

Oder soll das Schaaner Zentrum ein Platz sein, an dem sich Schaaner begegnen können, an dem sich Senioren treffen können, über den Familien spazieren können und vor allem, ein Platz auf dem man sich wohlfühlen kann?

Es liegt an uns selbst.

Es braucht kein Verständnis für "deren" Welt, sondern ein Verständnis für UNSERE Welt.
Die Leute gehören auch zu UNS, wenn Sie es denn wollen, aber wir können niemanden zwingen.
lädt ... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet 23.05.2020 Antworten Melden

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