• Beide Kinder erhielten vom Gericht als Strafe für den Cannabiskonsum und das Verkaufen der Droge eine Busse auferlegt. Die Gerichtskosten übernahm der Staat.  (gradyreese)

Drogenproblematik: Eltern fordern härtere Strafen

Zwei Mütter sprechen über ihre Kinder, die Cannabis konsumierten, später damit dealten und schliesslich vom Gericht verurteilt wurden.

Der 17-Jährige ist gut in der Schule und auch an seinem Lehrstellenplatz ist alles in Ordnung. Er verändert sich jedoch  zusehends – das bemerken die Eltern. Aber ist das in diesem Alter nicht normal? Eines Tages klingelt das Telefon. Es ist die Polizei. Der Sohn wurde mit Cannabis erwischt. «Das war enttäuschend», erklärt Edith*. 

Die Menge war zu gering, als dass der Junge hätte angezeigt werden können. In der darauffolgenden Zeit versuchen die Eltern unzählige Male, mit ihrem Sohn darüber zu sprechen. Das ging manchmal gut, doch viel häufiger artete das Gespräch in ein gegenseitiges Anschreien aus, woraufhin der 17-Jährige das Haus verliess und zu seinen Freunden ging. Diese waren laut Edith auch die Wurzel des Problems: «Er ist in den falschen Freundeskreis geraten», sagt sie. Er war immer öfter nicht zu Hause und kiffte mehr. «Die ständige Angst, nicht zu wissen, was als Nächstes kommt, war das Schlimmste», sagt sie. Für zu Hause hätte man Vereinbarungen getroffen, doch als Eltern hätten sie sich oft hilflos gefühlt. Einsperren konnten sie den Jungen nicht. Ein Liechtensteiner Psychologe hat den Eltern etwas Sicherheit bezüglich des Umgangs mit dem jugendlichen Sohn gegeben: «Er hat uns in unserer strengen Haltung bestätigt.»

Das Gerichtsurteil: Eine Ernüchterung

Eines Tages kam die Hiobsbotschaft: Der Sohn wurde von der Polizei festgenommen, weil er eine erhebliche Menge Cannabis bei sich trug, die er verkaufen wollte. Details kann Edith nicht nennen. Die Behörde zeigt den 17-Jährigen an. «Erst ein halbes Jahr später war sein Gerichtstermin», sagt sie. Die Wartezeit bis dahin sei endlos gewesen. Doch die grösste Ernüchterung folgte mit dem Gerichtsurteil: Der Sohn erhielt eine Busse von 1000 Franken – nicht wenig, aber für sie nicht abschreckend genug. Der 17-Jährige wurde auf Grundlage des Jugendstrafgesetzes verurteilt. «Das betreffende Gesetz müsste verschärft werden», sagt Edith.

Kurze Zeit später wurde ihr Sohn noch einmal mit einer grösseren Menge Drogen erwischt – es folgte eine zweite Verurteilung und wieder wurde vom Gericht nur eine Busse erlassen, die Gerichtskosten zahlte aufgrund der Einkommenslage des Sohnes wie beim ersten Mal der Staat. «Hier wird Kuschelpolitik betrieben», sagt die Mutter. Die Jugendlichen würden sich den Ausgang der Verurteilung weitererzählen, dass bei solchen Vergehen «lediglich» eine Geldstrafe drohe. Viel mehr bewirken würden laut der Mutter mehrere Stunden Sozialarbeit: «Dann lernt er, dass er etwas falsch gemacht hat.» Über die Repression hinaus wünscht sich Edith ebenfalls mehr Prävention. Sie fühlte sich vom Amt im Stich gelassen: «Es wurde viel geredet, aber gebracht hat das meinem Sohn nichts.» 

«Wollte das Offensichtliche nicht wahrhaben»

«Der Verdacht war bereits seit Längerem vorhanden», erklärt  Anita*. Ihre 17-jährige Tochter begann nach dem Schulwechsel zu kiffen. Auch sie geriet in den falschen Freundeskreis. Der Cannabiskonsum blieb von den Eltern zuerst unentdeckt, da das junge Mädchen nach einem

einschneidenden Erlebnis bereits Antidepressiva einnehmen musste, die ihre Pupillen vergrösserten. «Heute kann ich jedoch sagen, dass ich das Offensichtliche nicht wahrhaben wollte und es verdrängt habe», sagt Anita. Die Jugendliche hätte sich nach der Schule sofort in ihr Zimmer verkrochen und auch am Wochenende dort die Zeit verbracht. Die Mutter spricht ihre Tochter des Öfteren auf den Cannabiskonsum an, die Frage wird von der Jugendlichen aber immer ins Lächerliche gezogen. «Sie konnte zudem teilweise nicht wirklich mit mir kommunizieren und auch ihr wackeliger Gang  hat sie verraten.» Sie hätte aber immer betont, dass es ihr gut gehe. An einer Geburtstagsparty der Tochter zu Hause mit zehn Freunden kifften die Jugendlichen vor der Haustür. Als Anita das nach kurzer Zeit herausfindet, ist die Feier beendet. Sie spricht in den kommenden Tagen mit den Eltern der anderen Jugendlichen – von diesen hätte sie statt Dankbarkeit aber nur Unverständnis geerntet: «Sie wollten es nicht wahrhaben, dass ihre Kinder Gras rauchten.»

Die Eltern liessen nichts unversucht, um die Tochter vom Cannabiskonsum abzuhalten: Filmdokumentationen, gemeinsame Ausflüge, unzählige Gespräche. Zeitweise rauchte die Tochter täglich mehrere Joints – aber nie daheim. Anita ergänzt: «Ich wusste irgendwann nicht mehr, was ich noch machen sollte.»

Unangekündigte Urinproben beim Hausarzt

Einige Zeit später fand die Mutter im Zimmer der Tochter 20 Gramm Cannabis. Eine grössere Menge. Das wollte die Jugendliche mit ihrem besten Freund – er war damals 13-jährig – verkaufen. Die Mutter spült die Drogen die Toilette hinunter, dem Jungen erteilt sie Hausverbot und die Tochter wird schärfer überwacht. Als ein jugendlicher Kunde der Familie Morddrohungen schickt, weil er sein Gras nicht bekommt, hat die Geduld ein Ende. Die Tochter zeigt den Jungen an, muss sich aber folglich wegen des Dealens auch selbst anzeigen. Um ihre Sucht in den Griff zu bekommen, lässt sie sich zudem in eine Entzugsklinik einweisen.

Schliesslich wird die heute 18-Jährige auf Grundlage des Jugendstrafrechts zu einer höheren Geldstrafe verurteilt. «Die diesbezügliche Gesetzgebung ist viel zu locker», kommentiert Anita das Urteil. Deshalb musste ihre Tochter zusätzlich als Massnahme der Eltern im Wald arbeiten. Auch hätten sie ihr mit einer Zwangseinweisung gedroht, falls das nochmals passiere. «Ich organisiere bis heute unangekündigte Termine bei der Hausärztin. Meine Tochter geht dann mit und gibt eine Urinprobe ab.» Damit sie nicht verfälscht werden könne, gehe man mit auf die Toilette. Bis heute hätte die Jugendliche zudem 30 Stunden bei einem Psychiater besucht.

Für Anita ist klar: Es braucht mehr Aufklärung über das Thema– auch in den Schulen. Wenn sie heute zurückblickt, stellt sie aber auch fest, dass sie besser auf ihr Mädchen aufpassen hätte sollen: «Wenn sie um Mitternacht nach Hause gekommen ist, hätte ich wach sein sollen.»

Als Mutter habe sie gelernt, dass Verständnis zu zeigen und immer wieder das Gespräch zu suchen, um den Grund für den Konsum herauszufinden, das Wichtigste sei. Die Tochter hat eine Lehrstelle gefunden und diese hilft ihr heute enorm, nicht wieder abzurutschen. (qus)

11. Feb 2020 / 07:00
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