• Christoph Frommelt, Schaan
    Christoph Frommelt erzählt, weshalb für einen Lawinenchef das richtige Gespür wichtig ist.  (Tatjana Schnalzger)

«Die Lawine ist etwas Gespenstiges»

Der Schaaner Christoph Frommelt hat einen grossen Erfahrungsschatz, was Lawinen betrifft. Jetzt gibt er das Amt des Lawinenchefs ab.

Seit 20 Jahren ist Christoph Frommelt beim Liechtensteinischen Lawinendienst tätig. Im Jahr 2011 übernahm er die Funktion des Lawinenchefs. Ein verantwortungsvolles Amt, denn der Lawinendienst ist dafür zuständig, die Lawinensituation des Ferien- und Siedlungsgebiets Malbun, Steg und auch Gaflei/Silum zu beurteilen und dass die Einwohner falls notwendig evakuiert werden. Im Interview erzählt er, weshalb eine Lawinensituation nie zu hundert Prozent eingeschätzt werden kann, Erfahrung für die Beurteilung essenziell ist und wie der Klimawandel und zunehmende Freizeitsport die Arbeit beeinflussen.

Sie gehören seit 20 Jahren dem Lawinendienst Liechtenstein an. Was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Christoph Frommelt: Wie ich in den Lawinendienst eingestiegen bin. Das war im grossen Lawinenwinter im Jahr 1999. Der damalige Lawinenchef Peter Lampert† und Fritz Wohlwend waren das Kernteam des Lawinendienstes. Doch Fritz Wohlwend war in Zermatt eingeschneit und Peter Lampert benötigte Unterstützung. 

Ein ereignisreicher Einstieg.
Das kann man sagen. Wir hatten Glück, da wir vor dem Lawinenabgang das hintere Malbuntal bereits evakuiert hatten – auch dank der Voraussicht von Peter Lampert. Etwa 28 Personen waren betroffen. Ich kann mich noch gut erinnern, dass wir selbst bei einer Lawinenübung in Steg waren, als der Alarm zur ersten Lawine kam. Die zweite ging dann in der Nacht runter und verschüttete weitere Häuser. Die Situation beruhigte sich auch in den darauffolgenden Tagen nicht. Fritz Wohlwend war immer noch eingeschneit und so war ich eine Woche lang vollamtlich für den Lawinendienst tätig. Das war sozusagen mein Startschuss für diesen Job. 

Wie sah die Arbeit in dieser Woche aus?
Der Aufbau der Schneedecke musste analysiert und die Situation immer wieder neu beurteilt werden. Wir mussten Wasserleitungen kontrollieren und darum besorgt sein, dass sich keine Personen in das gesperrte Gebiet begaben. Wir nahmen immer wieder Neubeurteilungen vor und mussten schliesslich das ganze Malbuntal evakuieren. Die Hotelgäste wurden per Helikopter ausgeflogen. Eine sehr intensive Woche, in der es viele Fragen zu klären galt.

Gab es in den Jahren danach nochmals ein ähnlich grosses Ereignis?
Nein. Es gab zwar immer wieder 
Lawinenabgänge, aber nicht so gravierende. Ausserdem haben die Lawinen im Jahr 1999 jene Häuser zerstört, die in der roten Zone standen und nicht mehr aufgebaut werden durften. Jetzt haben wir den Luxus, dass in diesem Risikogebiet keine Häuser mehr stehen. Heute haben wir nur noch zirka vier Häuser, die manchmal evakuiert werden müssen. In all den Jahren mussten wir keine Personenschäden vermelden. Es gab zwar kleinere Schäden an Häusern, aber nichts Prekäres. Lawinenabgänge hatten wir vor allem im Valünatal immer wieder, wo wir die Situation auch schon falsch eingeschätzt haben. Zum Glück war niemand unterwegs, als die Lawine kam.

Wie wird die Lawinensituation eingeschätzt?
Die Lawine ist ein sehr komplexes System und kann nicht einfach nur mit einem Computer beurteilt werden. Dazu benötigt es neben den Daten und Analysen vor allem Erfahrung. Es ist sehr wichtig, dass sich die zuständigen Personen auch in diesem Gebiet bewegen, die Situation vor Ort begutachten und Schneeprofile erstellen – und zwar regelmässig über den ganzen Winter hinweg. 

Kann heute die Lawinensituation besser eingeschätzt werden als noch vor 20 Jahren?
Betreffend der Lawineneinschätzung und Beurteilungskriterien hat sich in den letzten Jahren extrem viel getan. Wir haben vom Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos (SLF) viele Hilfsmittel bekommen. Berechnungen, Computersimulationen und Datenerhebungen gehören dazu. Das sind sehr gute Hilfsmittel. Sie helfen sehr, die Lage besser einschätzen zu können, doch muss die Situation immer vor Ort begutachtet werden und das benötigt wie gesagt Erfahrung.  

Wie oft kommt es vor, dass der Lawinendienst Massnahmen ergreifen muss?
Das ist sehr unterschiedlich. Der letzte Winter war intensiv und wir mussten Teile des Malbuntals sperren. Die Lawinensituation beschäftigte uns auch weiter unten – also auf der Talseite im Bereich Gaflei und Silum, wo Schneerutsche auf Strassen niedergingen. Das Valünatal mussten wir ebenfalls stark überwachen. Grundsätzlich richten wir uns nach der Lawinenskala. Ab der Gefahrenstufe 3-plus beobachten wir die Situation regelmässig.

War die Schneemenge der Grund, dass der vergangene Winter intensiver war?
Nein, nicht unbedingt. Wir hatten zwar zu Beginn des Winters viel Schnee innert kurzer Zeit, danach hatte sich aber die Schneemenge normalisiert. Es spielen viele Faktoren mit, die eine Lawine auslösen können: Untergrund, Schneebeschaffenheit und besonders der Wind – er ist der Erbauer einer Lawine. Vor allem Schneewächten und der sogenannte Treibschnee, welche durch Wind entstehen, sind besonders gefährlich. Und das war im letzten Winter der Fall.

Stichwort Klimawandel: Hat sich dadurch auch die Lawinensituation verändert?
Wir stellen fest, dass wir weniger Niederschläge haben und sich die Schneefallgrenze mehr nach oben verlagert hat. Deshalb sind die Tallagen nicht mehr so massgeblich. Dort ist es noch ein- bis zweimal im Jahr kritisch, früher war dies öfter der Fall. Allerdings kann es innert kurzer Zeit sehr viel Niederschlag geben, wie auch der letzte Winter gezeigt hat. Wenn es einmal schneit, dann intensiver als früher.

Wintersportarten sind auch abseits der Pisten im Trend. WelcheGefahren bringt dies mit sich?
Die Anzahl der Skitourengeher und der sogenannten «Freerider» hat stark zugenommen. Wir stellen fest, dass diese Sportler die Signale der Natur nicht mehr so gut lesen können wie früher. Sie setzen sich zu wenig mit den Gegebenheiten auseinander und nehmen die Gefahren der Natur nicht mehr instinktiv war. Oft sind es auch Menschen, die nicht einmal daran denken, was passieren könnte. Die Ausrüstung hat sich zwar stark verbessert, aber dadurch gehen die Freizeitsportler auch grössere Risiken ein. Die Risikobereitschaft ist generell massiv gestiegen. 

Wie kann das erklärt werden?
Ich denke, dass es am Wandel unserer Gesellschaft liegt. Früher stand die Freizeit nicht so stark im Vordergrund wie heute. Viele Menschen definieren sich heute über den Freizeitsport. Im Leben selbst haben wir ein engeres Korsett bekommen. Viele versuchen deshalb, über den Freizeitsport ihre Grenzen auszuloten. 
 
Im Jahr 2011 übernahmen Sie von Peter Lampert, verstorbener Pionier in Sachen Lawinendienst in Liechtenstein, das Amt des Leiters. Was konnten Sie von ihm mitnehmen?
Ich konnte vor allem von seiner Erfahrung profitieren: Wo sind Gefahrenpotenziale? Wie wird eine Situation eingeschätzt und wie geht man damit um? Auf diesem Fundament haben wir den Lawinendienst weiter aufgebaut und vor allem versucht, die Handhabung  einfacher zu gestalten.  

Was haben Sie geändert? 
Wir haben uns besser organisiert, indem wir Malbun in verschiedene Zonen eingeteilt und alle Adressen und Natelnummern der Hüttenbewohner im Risikogebiet registriert haben. Wird beispielsweise die Risikostufe A ausgesprochen, werden die Bewohner in dem betroffenen Gebiet per Nachricht auf das Handy über die Sperrung der Zone informiert. Früher mussten wir mit dem Pistenfahrzeug von Hütte zu Hütte fahren und die Bewohner persönlich informieren. Ausserdem ist mittlerweile alles digital erfasst und dokumentiert, damit unsere Beurteilungsschritte nachvollzogen werden können, was gerade auch bei allfälligen Rechtsstreiten wichtig ist.

Wie zeitintensiv ist die Arbeit als Lawinendienst-Chef?
Das ist sehr situationsabhängig. Aber ein- bis zweimal pro Woche war ich immer in diesem Gebiet unterwegs, um die Schneesituation zu beobachten. Bei prekären Bedingungen war ich jeden Tag in Malbun.

Und wie würden Sie den Job beschreiben?
Es ist ein schöner, aber kein dankbarer Job. Man kann nur verlieren. Denn von unseren Entscheidungen sind auch die Betriebe in Malbun betroffen. Wenn wir an einem schönen Sonntag Malbun sperren, dann leidet der Bahnbetrieb und alles, was damit zusammenhängt. Wenn wir aber nicht sperren und es passiert etwas, dann müssen wir die Verantwortung tragen. Dieses Dilemma besteht auch bei professionellen Lawinendiensten – hier wird festgestellt, dass an den Wochenenden die Schmerzgrenze höher liegt, denn bei grossen Gebieten wie Davos oder Zermatt spielt ein riesiger wirtschaftlicher Faktor mit.

Ist diese Gratwanderung die grosse Herausforderung bei diesem Job?
Bei uns wird in der Regel auf Sicherheit entschieden. Die Situation kann nie zu hundert Prozent eingeschätzt werden. Das ist einfach unmöglich, da ein gewisser Spielraum vorhanden ist. Deshalb gehen wir immer vom schlechtesten Szenarium aus.  

Nun geben Sie das verantwortungsvolle Amt ab. Weshalb?
Zwanzig Jahre ist eine lange Zeit. Man sollte nicht ewig an einem Projekt arbeiten, sondern auch andere mitarbeiten und junge Leute nachkommen lassen. Wichtig beim Lawinendienst ist, wie schon gesagt, die Erfahrung. Deshalb ist es auch wichtig, dass dieser Faktor gewährleistet ist. Und beim jetzigen Team habe ich ein sehr gutes Gefühl.

Wer wird Ihr Nachfolger?
Stephan Wohlwend vom Amt für Bevölkerungsschutz, der bereits seit Längerem im Kernteam des Lawinendienstes mitwirkt, übernimmt das Amt des Leiters. Heini Gantner von der Bergrettung, der ebenfalls über grosse Erfahrung verfügt, ist für mich in die erste Einsatzgruppe nachgerückt.

Welchen Ratschlag geben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg?
Dass es wichtig ist, trotz der verschiedenen Hilfsmittel die Beurteilung vor Ort nicht aus dem Blick zu verlieren. Ich wünsche dem neuen Leiter aber vor allem, dass er immer das richtige Gespür hat.  

Sie besitzen durch die langjährige Tätigkeit nun grosse Erfahrung, was Lawinen anbelangt. Wie beschreiben Sie dieses Element?
Die Lawine ist etwas Gespenstiges. Es ist ein Traum, mit den Skiern durch den Tiefschnee zu fahren, aber das kann sich schnell zu einem Alptraum wandeln. Ich persönlich hatte schon viele schöne, aber auch sehr tragische Erlebnisse. Während einer Skitour verlor ich einen Kollegen, mit der Bergrettung mussten wir schon viele Menschen aus einem Lawinenkegel retten. Die Lawine ist ein sehr trügerisches Element. Deshalb darf man auch beim schönstem Pulverschnee die Vernunft nie verlieren.

Interview: Manuela Schädler

29. Okt 2019 / 06:00
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