• Interview KIT in Vaduz
    Karin Quaderer (l.) verabschiedet sich vom Kriseninterventionsteam und übergibt die Geschäftsführung Vanessa Schafhauser-Kindle.  (Daniel Schwendener)

«Der Zeitpunkt, Adieu zu sagen, ist richtig»

Das Kriseninterventionsteam Liechtensteins feiert sein 20-jähriges Bestehen. Seit seiner Gründung hat sich Karin Quaderer mit grossem Engagement für das KIT eingesetzt. Nun verabschiedet sie sich – und übergibt an Sozialpädagogin Vanessa Schafhauser-Kindle.

Seit 20 Jahren gibt es nun das Kriseninterventionsteam, kurz KIT, in Liechtenstein. Frau Quaderer, welche Bilder gehen Ihnen bei dem Gedanken an dieses Jubiläum durch den Kopf?
Karin Quaderer: Da ploppt bei mir ganz klar das Bild von der Gründungszeit auf. Es war im Frühjahr 1998, als Walter Kranz auf mich zukam. Ich bin damals gerade aus dem Ausland zurückgekommen. In Tokio hatte ich bereits eine entsprechende Ausbildung abgeschlossen und in einem Krisenteam für die Englisch sprechende Bevölkerung Tokios gearbeitet. Als der Psychologe Walter Kranz mit der Idee auf mich zukam, auch in Liechtenstein ein Kriseninterventionsteam aufzubauen, war ich spontan dabei. Ich habe überhaupt nicht lange überlegt, obwohl ich überhaupt nicht wusste, was da genau auf mich zukommt.

Sie wussten nicht, was auf Sie zukommt, waren aber dennoch überzeugt, dass es solch ein Angebot in 
Liechtenstein braucht?

Karin Quaderer: Ja, genau. Wie gesagt, die Krisenberatung habe ich von Japan gekannt und in meinem Erfahrungsrucksack hatte ich ausserdem eine einschlägige Ausbildung. Anstoss für ein Kriseninterventionsteam gab damals die Suizidrate in Liechtenstein. Wir liessen uns von Peter Fässler beraten, der ein ähnliches Modell in Zürich aufgebaut hatte. Er machte uns schnell klar, dass wir Kriseninterventionseinsätze nicht auf Suizidfälle beschränken dürfen, sondern bei allen kritischen Ereignissen unsere Dienstleistungen anbieten müssen. So haben wir es gemacht und so hat sich das KIT auch etabliert. 

Es folgte eine Leistungsvereinbarung mit dem Land Liechtenstein, das Amt für Soziale Dienste wurde als Aufsichtsbehörde eingesetzt. Klingt nach einem reibungslosen Start – gab es tatsächlich keine Hürden?
Karin Quaderer: Es ist kaum zu glauben, aber ich kann mich wirklich kaum an Hürden erinnern. Wir haben uns gleich zu Beginn unseren Partnerorganisationen wie der Landespolizei oder den Rettungsorganisationen vorgestellt, bei denen unsere Idee wohlwollend zur Kenntnis genommen worden ist. Wir haben uns Pager beschafft und mit unserer Arbeit einfach losgelegt. Alarmiert wurden wir über die Einsatzzentrale der Landespolizei, was sich auch bewährt hat und bis heute noch so ist. Zugegeben, anfangs wurden wir nicht immer gleich automatisch aufgeboten. Rasch hat uns die Landespolizei dann aber als verlässlichen Partner geschätzt und uns anfangs vor allem bei der Überbringung von Todesnachrichten mitgenommen. 

Wie wird das KIT heute vonseiten der Organisationen wahrgenommen? 
Karin Quaderer: Nach wie vor als einen sehr verlässlichen Partner. Dies darf ich aufgrund der überaus positiven Rückmeldungen von Polizei, Feuerwehren, Bergrettung, vom Amt für Soziale Dienste, Amt für Bevölkerungsschutz, von Psychologen und Hausärzten, unseren ersten Ansprechpartnern, sagen. 

Das KIT hat es also schnell geschafft, sich bei den Partnerorganisationen zu etablieren. Wie wurde denn das Angebot in der Bevölkerung angenommen?
Karin Quaderer: Ich glaube, ich darf sagen, dass das Angebot auch unter den Einwohnern sehr geschätzt wird. Zwar sind wir gemäss Leistungsvereinbarung ganz klar eine Notfallorganisation. Aber auch unsere Beratungsgespräche, vor allem ausserhalb der Bürozeiten von anderen Organisationen, haben sich etabliert. Manchmal sind dies auch nur ganz kurze Gespräche, in denen wir abklären, ob beispielsweise der Eintritt ins Frauenhaus Sinn macht, ob es beispielsweise eine psychotherapeutische Beratung braucht oder ob der Hausarzt beigezogen werden muss. Wir arbeiten dabei also nicht therapeutisch, sondern beratend.  

Über Berührungsängste können Sie sich also nicht beklagen?
Karin Quaderer: Nein, wirklich nicht. Die Hemmschwelle, uns zu kontaktieren, ist sehr tief. Sicherlich gerade auch deshalb, weil der oder die Hilfesuchende auf Wunsch anonym bleiben kann. 

Frau Quaderer, die Verschwiegenheit ist in Ihrem Job ein wichtiges Thema. Können Sie dennoch von einem Ereignis in den vergangenen 20 Jahren erzählen, das Sie besonders geprägt hat?
Karin Quaderer: Richtig – Schweigepflicht ist für das ganze KIT-Team das A und O. Entsprechend möchte ich nun auch kein Beispiel anführen, sondern mich allgemein halten. Ob ein Einsatz als besonders belastend empfunden wird, ist situationsabhängig und von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Von der Leitung eines Kriseninterventionsteams ist ein hohes Mass an Eigen- und Personalfürsorge gefordert, um auftretende Belastungen – auch eigene – bei den Teammitgliedern frühzeitig zu erkennen und ihnen entgegenzuwirken. Grundsätzlich jedoch arbeiten wir nach dem Motto: Vorbeugen ist besser als Heilen! So wird jeder Einsatz nachbesprochen und zusätzlich nehmen wir alle regelmässig an Supervisionssitzungen teil.

Gibt es auch Rückmeldungen von Menschen, die vom KIT unterstützt wurden?
Karin Quaderer: Ja, die gibt es. Viele bedanken sich herzlich und beschreiben auch Jahre später noch, wie gut ihnen die Unterstützung in dieser Extremsituation getan hat. Dieses Gefühl von Wertschätzung ist für die KIT-Mitarbeiter ein schönes Zeichen. Es bedeutet: Wir haben es gut gemacht, schön, dass es das KIT gibt!

Allerdings wird es das KIT nicht mehr lange mit Ihnen als Geschäftsführerin ge­ben – Sie werden sich ver­abschieden. Warum?
Ich habe nun 30 Jahre lang in unterschiedlichen Notfallorganisationen gearbeitet, davon 20 Jahre beim KIT. Ich bin dankbar, dass ich psychisch gesund geblieben bin und bin froh, dass ich gemeinsam mit meinem Team Gutes bewirken konnte. Ich bin dieses Jahr 60 geworden und möchte nun meine Pläne neu ausrichten. Wohin die Reise genau geht, weiss ich nicht. Vielleicht in eine komplett andere Richtung. Ich weiss nur: Der Zeitpunkt für diesen Entscheid ist der richtige. 

Verabschieden Sie sich mit einem weinenden und lachenden Auge?
Karin Quaderer: Ja, natürlich. Wir sind so ein tolles Team, alle haben das gleiche Ziel: Menschen in den ersten Stunden nach einem schrecklichen Ereignis beratend und unterstützend zur Seite zu stehen. Zudem sind wir alle gut befreundet miteinander und unterstützen uns beruflich und privat gegenseitig. Jede einzelne wird mir fehlen. Aber ich habe jetzt den Wunsch, keine Sirenen mehr zu hören, nicht mehr auf den Pager zu achten, keine Bilder von Unglücksfällen mehr zu sehen, keine Nachbesprechungen mehr zu machen. Wie gesagt, vermissen hin oder her, der Zeitpunkt ist jetzt richtig. 

Und für Sie, Frau Schafhauser-Kindle, passt der Zeitpunkt auch, die Geschäftsführung zu übernehmen?
Vanessa Schafhauser-Kindle: Definitiv. Ich freue mich über das Vertrauen von Team und Stiftungsrat. Ich war in den vergangenen zehn Jahren die rechte Hand von Karin in der Geschäftsleitung, sie hat mich gut eingearbeitet, sodass ich mich für die Herausforderung gewappnet fühle. Das Wissen bringe ich mit und ich werde alles tun, damit auch die Umsetzung optimal verläuft. 

Was wird denn – neben der Führung der Geschäftsleitung – die grosse Herausforderung sein? 
Vanessa Schafhauser-Kindle: So, wie sich beispielsweise auch unser Land mit seiner Polizei, seinen Feuerwehren, Samaritern usw. auf grössere Ereignisse, sogenannte Grossschadenslagen vorbereitet, macht es auch das KIT. Ich habe erst kürzlich eine und längst überfällige Weiterbildung zu Kriseninterventionseinsätzen bei komplexen Lagen abgeschlossen. Zwar bleibt die Arbeit mit den Betroffen auch bei solch komplexen Situationen die gleiche. Vor Ort, bei einer Grossschadenslage hingegen, wenn mehrere Mitglieder des KIT und vor allem viele verschiedene Rettungsorganisationen im Einsatz sind, funktioniert alles nach vorgegebenen Strukturen, an die sich auch ein KIT zu halten hat. Das muss entsprechend und nachhaltig geschult werden. 

Wie genau bereitet sich denn das KIT-Team auf grössere Ereignisse vor? 
Vanessa Schafhauser-Kindle: In einem ersten Schritt haben wir uns mit unseren Kolleginnen und Kollegen aus den angrenzenden Kantonen und Bundesländern ausgetauscht. Eine Kooperation besteht bereits mit dem KIT Vorarlberg und dem Care Team Grischun. Das Amt für Bevölkerungsschutz, namentlich der Amtsleiter Ema­nuel Banzer, der auch im Stiftungsrat des KIT sitzt, unterstützt uns in Belangen der Vernetzung und der entsprechenden Weiterbildungen. Ab 2019 stehen dann diese wichtigen Schulungen für alle Teammitglieder an. 

Nun mal abgesehen von solchen Grossereignissen: In Liechtenstein ist die Suizidrate vergleichsweise hoch. Inwiefern stellt dies das KIT vor Herausforderungen?
Vanessa Schafhauser-Kindle: Die Suizidrate steigt weltweit. Diese Entwicklung macht auch vor Liechtensteins Türen nicht halt. Das KIT-Team bildet sich auch zu diesen Ereignissen stetig weiter. Bei allen Weiterbildungen aber steht die Prävention im Vordergrund.

Die Prävention gehört aber nicht zu den Aufgaben des KIT, oder?
Vanessa Schafhauser-Kindle: Das kann man so nicht sagen. Prävention ist sicher nicht unsere Hauptaufgabe. Das Thema wird von uns jedoch stetig angesprochen, sei es in Vorträgen, Interviews wie hier oder in der Betreuungs- und Unterstützungsarbeit. Wünscht eine Organisation, die von einem Suizid betroffen ist, Unterstützung bei Präventionsarbeit, so ist das KIT immer gerne bereit, tatkräftig mitzuwirken. Grundsätzlich würde sich das KIT wünschen, dass es eine landesweite Kampagne zur Suizidverhütung gäbe, nach dem Motto: Suizid ist keine Option.

Die letzte Frage möchte ich nochmals an Karin Quaderer richten: Was geben Sie Vanessa Schafhauser-Kindle aus Ihrem reichen Erfahrungsschatz mit auf den Weg?
Karin Quaderer: Gute Nerven und dass sie den Entwicklungen, die anstehen, standhält. Natürlich wünsche ich ihr dabei nur das Beste und ich weiss, dass Sie die richtige Frau ist. Dem gesamten KIT-Team wünsche ich, dass es so erfolgreich bleibt, die Finanzierung durch das Land Liechtenstein auch künftig gesichert ist und die Arbeit weiterhin von unseren Klienten und Systempartnern so wertgeschätzt wird, wie sie es auch in der Vergangenheit taten. 
 

09. Nov 2018 / 07:00
Geteilt: x
KOMMENTARE

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Überschrift (max. 70 Zeichen)
Meine Meinung (Noch  Zeichen verfügbar)
Lesertrend
Meistgelesen
20. November 2018 / 20:45
20. November 2018 / 20:18
20. November 2018 / 14:45
Meistkommentiert
09. November 2018 / 10:11
14. November 2018 / 05:00
18. November 2018 / 12:38
Aktuell
21. November 2018 / 06:57
21. November 2018 / 05:26
21. November 2018 / 04:56
21. November 2018 / 04:42
21. November 2018 / 04:01
UMFRAGE DER WOCHE
Lade TED
Ted wird geladen, bitte warten...
Wettbewerb
hierbeimir_Logo_basic
Zu gewinnen HBM-Gutschein im Wert von 20 Franken
25.10.2018
Facebook
Top