• «Das Schamgefühl ist immer noch gross»
    Zwar passt es nicht ins Rollenbild, aber auch Männer werden öfters Opfer von physischer und psychischer Gewalt.  (iStock)

«Das Schamgefühl ist immer noch gross»

Nicht alle Täter sind Männer, nicht alle Opfer sind Frauen – auch der gegenteilige Fall tritt ein, wie der Verein für Männerfragen erklärt.

Am Sonntagabend strahlte SRF1 einen Beitrag über das Männerhaus in Bern aus. Obwohl diese Dokumentation von einem «traurigen» Thema in der Gesellschaft handle, sei er sehenswert, meinte gestern der Verein für Männerfragen auf seiner Facebook-Seite. Denn er weiss, dass auch hierzulande Männer Opfer von physischer und psychischer Gewalt sind. «Doch das passt überhaupt nicht zum männlichen Rollenbild und verkommt weiterhin zu einem Tabuthema», sagt Präsident Hansjörg Frick. Die Gesellschaft müsse anerkennen, dass das stereotype Bild, sprich der Mann sei der Täter und die Frau das Opfer, schon lange nicht mehr zutreffe. 

Kampf mit Rollenbildern und gegen Stereotypen
Dem «Reporter» von SRF1 gaben drei Betroffene anonym Einblick in die Misere, in der sie sich befanden. Alle suchten Schutz und Unterstützung im Berner Väter- und Männerhaus. «Niemand glaubt es», sagte ein Mann, der dort Zuflucht fand. Und die Geschichten, die er und weitere Betroffene erzählten, waren unglaublich und erschütternd zugleich. Es ging um eine Mutter, die drohte, das Kind zu erwürgen und es dem Vater in die Arme warf. Eine 
andere wollte bewusst ihren Mann zum Krüppel schlagen. Aber es ging auch um Drohungen, die Väter würden das Kind bei einer Trennung nicht mehr zu sehen bekommen. Es waren alles Geschichten von Männern, die unter ihren Frauen leiden und zusätzlich gegen die traditionellen Geschlechterrollen ankämpfen. «Die Gleichberechtigung ist noch nicht überall angekommen», sagte Sieglinde Kliemen, Leiterin des Männerhauses in Bern. Die Dunkelziffer sei hoch, das werde auch von offizieller Seite hinter vorgehaltener Hand gesagt, erklärte sie weiter. 
In Liechtenstein ist es der Verein für Männerfragen, der mit dem Projekt Familien- und Väterhaus seit 2013 Unterstützung bietet. Dabei handelt es sich nicht um ein Haus, sondern vielmehr um Wohnungen sowie Zimmer bei Familien in Liechtenstein. «Ein Modell wie das bestehende Frauenhaus lassen unsere finanziellen Mittel nicht zu und es erscheint uns auch nicht mehr als zeitgemäss», erklärt der Verein für Männerfragen auf Nachfrage. Das Projekt orientiere sich am schweizerischen Pilothaus «Zwüschehalt» und beruhe nicht auf grossen 
fixen Ausgaben, sondern geniere dann Kosten, wenn diese anfallen würden. «Und die Bewohner leben in einem normalen Umfeld und nicht isoliert», erklärt der Präsident Hansjörg Frick. 

«Halbe-halbe sollte auch hier gelten»
Bisher hätten neun Männer dieses Angebot beansprucht. Weitere kamen bei Kollegen oder in einer geeigneten betreuten Einrichtung, zum Beispiel einer Klinik, unter oder kehrten nach Hause zurück, da sich die Situation dort wieder entspannt hatte. «Wir sind aber sicher, dass der Bedarf grösser ist, als es die letzten Jahre zeigten.» Anfragen hätte die Fachstelle um mehr als das Doppelte erhalten. Doch die Scham sei in diesem Kontext sicherlich das Gefühl, das Männer nachhaltig daran hindere, sich Unterstützung zu holen. Hinzu komme, dass das Projekt zu wenig bekannt sei, zu wenig anerkannt und zudem zu wenig unterstützt werde.  
«Das Rollenbild des starken Mannes ist in der Bevölkerung über alle Gesellschaftsschichten immer noch weitverbreitet», sagt Frick. Sprüche wie «ein Mann, der geschlagen wird, ist kein Mann» oder «ein Mann, der seine Probleme alleine nicht lösen kann, ist ein Loser», seien im Sinne von «No-go-Aussagen» einzustufen und handzuhaben. «Die Gesellschaft und damit auch die Politik, die Frauen- und Männerbewegung, die Medien sowie jede Frau und jeder Mann sind gefordert, eigene stereo-type Muster zu hinterfragen und auszurichten», fordert der Verein für Männerfragen. Ein Mann werde heutzutage schneller geächtet, wenn er ganz und gar anders sei als die Gesellschaft es von ihm erwarte. «Damit dieser Prozess nachhaltig in Bewegung kommt und bleibt, braucht es Ressourcen, zum Beispiel Öffentlichkeit- und Sensibilisierungsarbeit, niederschwellige und nachhaltige Berautung sowie Wohnraum», so Hansjörg Frick. Das Land Liechtenstein sei in der Phase des Gestaltens, doch für Männer in schwierigen Lebenssituationen oder für sie als Verein mit Fachstelle gebe es kein Geld. «Unsere Gesellschaft konzentriert sich nach wie vor sehr stark darauf, Frauen dort gleiche Rechte und Zugänge wie Männern zu verschaffen, wo diese aber keine haben.» Die Defizite auf männlicher Seite würden leider völlig ausgeklammert. «Halbe-halbe sollte auch hier gelten», meint die Fachstelle und der Verein für Männerfragen. 

«Der Leidensdruck muss recht gross sein»
Es sei leider so, dass sich eher wenige Männer frühzeitig – wenn überhaupt – an die Fachstelle wenden würden. «Tatsächlich muss ein recht grosser Leidensdruck vorhanden sein», weiss Hansjörg Frick. Warum das so ist, sei, wie bereits erwähnt, einerseits auf das stark ausgeprägte Schamgefühl zurückzuführen, da sie sich davor fürchten, als «lächerliche Figur» verspottet zu werden, andererseits darauf, dass Männer besorgt seien, man werde sie für den Täter und ihre Frau für das Opfer halten, wenn sie sich wehren und zur Polizei gehen würden. Dann gebe es aber auch noch solche, vor allem Männer in Trennungssituationen, die Angst davor hätten, das Sorgerecht für ihre Kinder zu verlieren. Mit der Lebenskrise, der physischen und psychischen Gewalt, dem Verlust des Berufs- und Lebensinhaltes oder einer Scheidung käme dann auch noch die «Kehrseite der Medaille» hinzu: Sie zeige sich beispielsweise bei Männern in der Schuldenfalle, in einem höheren Alkoholkonsum, in der steigenden Anzahl von Männern in einer Depression oder in der höheren Suizidrate. «Doch auch diese Themen sind nach wie vor ein Tabu.» (bc)

12. Nov 2019 / 07:00
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