• Volunteer supporting dying woman
    Die Rechtslage in Liechtenstein ist bei Sterbehilfe beinahe so liberal wie jene der Schweiz.  (Keystone)

Bis zum Schluss selbst entscheiden

Aufgrund der steigenden Mitgliederzahlen erhält die Schweizer Sterbehilfeorganisation Exit, die auch in Liechtenstein 110 Mitglieder zählt, immer mehr Geld. Hierzulande ist die Freitodbegleitung wie in der Schweiz eigentlich legal.
Sterbehilfe. 

Immer mehr Menschen wollen so sterben, wie sie gelebt haben: selbstbestimmt. Die grösste Schweizer Sterbehilfeorganisation verzeichnet daher eine wachsende Zahl an Mitgliedern. Waren es im Jahr 2010 noch 52 000, so sind es inzwischen 120 000 Mitglieder, die den geplanten Suizid als Option sehen. Sie wollen die Weichen dafür stellen, dass sie – wenn nötig – auf eine Freitodbegleitung zählen können. Auch in Liechtenstein hat Exit 110 Mitglieder, wie die Mediensprecherin Muriel Düby auf Anfrage bestätigt. Seit dem Jahr 2005 habe der Verein vier Schweizer beim Sterben begleitet, die in Liechtenstein wohnen und dafür in die Schweiz gereist waren. Das letzte Mal im Jahr 2016. Exit begleitet nur sterbewillige Mitglieder, die den Schweizer Pass besitzen oder in der Schweiz wohnen.

In Liechtenstein nicht illegal
Möglich macht die Sterbehilfe eine dünne Gesetzeslage. Im Schweizer Strafgesetzbuch ist lediglich geregelt, dass die Beihilfe zur Selbsttötung strafbar ist, sofern sie aus selbstsüchtigen Motiven erfolgt. Wer uneigennützig hilft, bleibt folglich straffrei. Ein eigentliches Sterbehilfegesetz hat die Schweiz nicht. Die Rechtslage in Liechtenstein ist in diesem Punkt beinahe so liberal wie jene der Schweiz. Das liechtensteinische Strafgesetzbuch wurde grösstenteils aus Österreich übernommen. Bei der «Mitwirkung am Selbstmord» verlangt das liechtensteinische Recht  –  im Unterschied zu Österreich, wo dies generell strafbar ist – ein Mitwirken «aus verwerflichen Beweggründen». Mit anderen Worten: «Das liechtensteinische Recht sieht bei diesem Delikt bei uneigennützigen Motiven keine strafrechtliche Sanktion vor», wie das Amt für Justiz in Liechtenstein auf Anfrage bestätigt. Wer also zum Beispiel aus Mitleid jemanden von seinen unerträglichen Schmerzen «erlösen» wolle und diese Person mit seinem Auto in die Schweiz fahre, mache sich nicht strafbar.

Erhält jemand durch den Tod der betroffenen Person aber erhebliche Vorteile, wie zum Beispiel eine millionenschwere Erbschaft, so handle der «Helfer» hier allenfalls aus verwerflichen Beweggründen und mache sich strafbar. Die Formulierung ist in diesem Punkt ähnlich jener der Schweiz: «selbstsüchtige Beweggründe». Ohne solche ist Sterbehilfe in Liechtenstein nicht verboten. Doch das Amt für Justiz betont auch, dass allgemeine Aussagen zum Thema «Sterbehilfe» heikel seien, da die Umstände im Einzelfall immer genau geprüft werden müssten, um diese rechtlich einzuordnen.

Sterbehilfe: Fälle haben sich verfünffacht
Auch wenn die Freitodbegleitung hierzulande nicht unter Strafe steht, wird sie von niemandem angeboten. Liechtenstein käme für den Verein Exit auch nicht infrage. «Eine seriöse Abklärung wäre bei einer Begleitung von Personen aus dem Ausland nur mit unvergleichlich höherem Aufwand möglich», heisst es auf Anfrage. Es würde die Mittel und Strukturen des schon im Inland «stark beanspruchten Vereins übersteigen». Denn dreizehn Jahre lang bewegten sich die Zahlen für assistierte Suizide in nur eine Richtung: nach oben.

Jedes Jahr entschieden sich mehr Menschen, ihr Leben auf diese Weise zu beenden. Der Grossteil aller assistierten Suizide von Schweizern werde von Exit durchgeführt. Die zweite grosse Organisation heisst Dignitas. Seit dem Jahr 2003 werden die Fälle von Sterbehilfe vom Bundesamt für Statistik separat in einer Kategorie erfasst. Damals nahmen sich 187 Leute mit Schweizer Wohnsitz das Leben mit der Hilfe einer solchen Organisation. Im Jahr 2015 hatte sich diese Zahl verfünffacht. Es starben 965 Personen, indem sie eine zur Verfügung gestellte Infusion aufdrehten oder einen Becher mit Wasser und einem tödlichen Medikament tranken. Zwar sank die Zahl 2016 wieder leicht. Das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan) schätzt dennoch, gestützt auf eine Umfrage, dass rund 250 000 Personen in der Schweiz die Absicht haben, einer Sterbehilfeorganisation beizutreten. Nach den Statuten von Exit hilft der Verein nur bei einer hoffnungslosen Prognose, bei unerträglichen Beschwerden oder einer unzumutbaren Behinderung. 

Wann ist ein Leid unzumutbar?
Doch die Frage nach einem  selbstbestimmten Tod ist keine einfache. Wann ist das Leid eines Menschen unzumutbar? Grosse Wellen geschlagen hat vor drei Jahren ein Fall in Genf. Ein 82-Jähriger hätte am 18. Oktober 2016 mithilfe einer Sterbehilfeorganisation aus dem Leben scheiden wollen. Zwei seiner Brüder wollten das aber gerichtlich stoppen lassen. Ihr Anwalt argumentierte vor einem Genfer Zivilgericht, dass er bei guter Gesundheit sei und Exit ihm deshalb keine Sterbehilfe leisten dürfe. Depressives Leiden dürfe nicht Grund für den Wunsch nach Sterbehilfe sein, fügte der Anwalt an. Doch der Mann wartete das Urteil erst gar nicht ab. Er nahm sich das Leben, allein, ohne Sterbebegleitung. (dal)

14. Mai 2019 / 08:30
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