«Wir rannten um unser Leben»

Zwei Liechtensteinerinnen erlebten das Messerattentat am Freitag in London hautnah mit.

Dort, wo Einheimische und Touristen in London normalerweise gemütlich über den «Borough Market» schlendern, ein Bier in einem Pub trinken oder durch eines der vielen Geschäfte stöbern, kursierte am vergangenen Freitag einmal mehr die Angst. Zwei Jahre nach dem Terroranschlag in der Nähe der London Bridge, bei dem Terroristen im Juni acht Unschuldige töteten, verloren vergangene Woche erneut zwei Menschen bei einem Attentat ihr Leben, drei weitere Personen wurden verletzt. Die beiden Liechtensteinerinnen Tanja und Sandra Schädler, die am Wochenende einen Städtetrip nach London unternahmen, haben dies  hautnah miterlebt. Gegenüber dem «Liechtensteiner Vaterland» berichten sie über das Gesehene und Erlebte in Englands Hauptstadt. 

Tanja und Sandra Schädler: «Der Schreck sass tief»

Tanja und Sandra Schädler: «Der Schreck sass tief»

«Autos standen kreuz und quer vor unserem Bus»

«Auf unseren Städtetrip, den wir bereits schon im Frühling geplant hatten, freuten wir uns sehr», erzählen die beiden Freundinnen Sandra und Tanja Schädler. Am vergangenen Freitag wollten sie zuerst zum Shoppen in die Oxford Street, entschlossen sich dann aber kurzfristig anders und zogen eine Städtetour mit dem Bus vor. 

«Alles verlief super, wir sassen auf dem oberen, offenen Deck und machten Fotos.» Dann auf einmal habe der Bus abrupt gestoppt, sie hätten Schreie gehört und gemerkt, irgendetwas stimme nicht. «Wir sahen Autos, die kreuz und quer vor unserem Bus standen, und Menschen, die in ein Gerangel geraten waren.» Da sie jemanden mit einem Feuerlöscher sahen, dachten sie zunächst, es handle sich um einen Autounfall. «Doch dann sahen wir einen Mann, der von Passanten zu Boden gedrückt wurde.» 

Mann mit zwei Messern und einer Selbstmordweste

Wie sie später erfuhren, handelte es sich dabei um Usman Khan. Als Teenager war dieser mit einigen Gesinnungsgenossen wegen geplanter Anschläge auf Rabbiner und Politiker sowie die Londoner Börse verhaftet und zu 16 Jahren Haft verurteilt worden. Nach Ablauf der Halbstrafe wurde er im vergangenen Dezember entlassen. Seither hatte er sich an die Auflagen der Bewährungshilfe gehalten und trug eine elektronische Fussfessel. 

Eigentlich sollte der 28-Jährige am Freitag an einer Tagung teilnehmen, bei der es um die Rehabilitierung ehemaliger Strafgefangener ging, stattdessen schnallte sich der Islamist aber eine Attrappe einer Selbstmordweste um, befestigte zwei Messer an seinen Handgelenken und ging im Foyer der Halle am Nordende der London Bridge auf mehrere Menschen los. Dabei kamen zwei junge Menschen – eine Frau und ein Mann – ums Leben, drei weitere Personen wurden verletzt. 
Auf der Brücke wurde der Attentäter dann von Tagungsteilnehmern, darunter einem verurteilten Mörder, sowie von unbeteiligten Passanten mit einem Feuerlöscher sowie dem Stosszahn eines Narwals, der zur Zierde in der Tagungshalle hing, angegriffen und überwältigt. Nachrichtenagenturen berichteten, dass das alarmierte Spezialkommando der Polizei die Lage erkannte, besonders die Selbstmordweste des Täters als Bedrohung ernst nahm und ihn daraufhin erschoss. Das ganze Areal um die London Bridge wurde umgehend abgesperrt. 

Menschen schrien, Schüsse fielen, Panik herrschte

«Im Nachhinein ist es unglaublich, was diese Menschen, die sich dem Attentäter in den Weg stellten, für eine Courage gezeigt haben», sagen die Liechtensteinerinnen. Die Polizei und die Rettungswagen seien «blitzschnell» vor Ort gewesen, Helikopter hätten um die Brücke gekreist und Polizeiboote waren auf der Themse. Die Beamten seien auf einmal überall gewesen und hätten geschrien: «Run for your life!» – Rennt um euer Leben! 

Die Polizei riegelte die Brücke ab, Panik hätte geherrscht, Menschen flohen von der Brücke, Schüsse fielen. «Und auch wir rannten um unser Leben», erzählen Tanja und Sandra Schädler. Dabei hätten sie verschiedenste Gedanken im Kopf gehabt. Sie hätten zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht gewusst, ob es ein oder weitere Täter geben, ob vielleicht gleich etwas explodieren oder ein Auto in die Luft fliegen würde. 

Sie fanden Zuflucht in einem Geschäft. «Dort haben wir uns versteckt und eine Nachricht nach Hause geschickt, damit unsere Familie wissen, dass es uns gut geht und nichts passiert ist.» Dennoch sass der Schreck tief: «Wir wussten da immer noch nicht sicher, ob wir lebend je wieder da rauskommen.» Irgendwann, als es schien, dass sich die Lage beruhigt hatte, hätten sie dann ein Taxi genommen, das sie nicht einmal bezahlen mussten. Der Zusammenhalt untereinander sei in dieser Situation «spitze» gewesen. 

«Wir waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort – so ist das Leben», sagen sie rückblickend. Sie seien am Sonntag wohlbehalten nach Hause zurückgekehrt. «Wir sind jetzt wieder in Sicherheit, aber die Schüsse, Schreie und die Panik in den Gesichtern der Menschen sind nach wie vor da und diese werden wir wohl nie wieder vergessen.» Jedoch hätte sie das Gesehene und Erlebte noch mehr zusammengeschweisst.  (bc)

02. Dez 2019 / 22:29
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