• Gerichtsgebäude in Vaduz
    Die Gerichtsverhandlung wurde auf unbestimmte Zeit vertagt.  (Daniel Schwendener)

Im Vollrausch Taxifahrer gewürgt – oder alles nur erfunden?

Ein Fahrgast soll einen Taxifahrer körperlich angegriffen haben – eine Geschichte mit einigen Ungereimtheiten.

Drei mal soll der Fahrgast mit der Faust gegen die Brust des Taxifahrers geschlagen haben, bevor er ihm mit beiden Händen an den Gurgel ging und ihn gewürgt haben soll. Nur blöd, dass der Fahrgast nichts mehr von diesem angeblichen körperlichen Angriff weiss. «Ich hatte einen Vollrausch», sagte der Fahrgast, ein 61-jähriger Liechtensteiner. Noch blöder: Der Taxifahrer wurde mittlerweile von seinem Chef gefeuert und dieser behauptet, sein ehemaliger Nachtfahrer habe diese Geschichte bloss erfunden, weil er nicht mehr arbeiten möchte.  Was ist in jener September-Nacht vergangenen Jahres tatsächlich passiert?
Der Angeklagte, der sich damals gegen 1 Uhr nachts von dem Taxifahrer nach Hause fahren liess, weiss, dass er an jenem Abend lustige Stunden mit seinem Kollegen verbracht hatte. «Wir sind von Beiz zu Beiz gezogen, Alkohol ist reichlich geflossen», so der Angeklagte. So erzählt es auch sein Kollege, mit dem er damals unterwegs war und der gestern vom Gericht als Zeuge geladen war. Eigentlich hätten sie nach Hause laufen wollen – «aufgrund des Alkoholkonsums entschieden wir, uns dann doch fahren zu lassen», so der Kollege. Der Taxifahrer habe ihn als erstes Zuhause abgesetzt. «Eigentlich wäre mit dem Chef des Taxifahrers abgemacht gewesen, dass ich für die Fahrt nichts bezahlen muss, weil ich ihm auch schon ausgeholfen hatte.» Entsprechend sei er verwundert gewesen, dass der Fahrer von ihm dann doch Geld verlangt hätte. «Weil ich müde war habe ich aber ohne Wenn und Aber bezahlt – für mich wie auch für den Angeklagten.» Was danach passiert sein soll, darauf kann sich der Zeuge keinen Reim machen. «Gegen 3 Uhr hat mich der Chef des Taxiunternehmens angerufen.» Er habe ihn beleidigt und habe wütend gesagt, dass er nun einen neuen Fahrer suchen müsse. Schlaftrunken habe er gar nicht gewusst, was los ist. Mit Sicherheit könne er nur etwas sagen: «Die vorgeworfene Tat traue ich dem Angeklagten nicht zu.» Vom Naturell her sei er eher der ruhige und zurückhaltende Typ Mensch.

Geschlagen, gewürgt, Stinkefinger gezeigt

Ein etwas anderes Bild von dem Angeklagten zeichnet der Taxifahrer: «Vor seiner Haustüre angelangt, habe er ihn gebeten, die Fahrt zu bezahlen.» Der Mann habe plötzlich zu fluchen begonnen und warf mit Schimpfwörtern um sich. «Weil er die Türe nicht aukriegte, bin ich ausgestiegen und habe sie ihm geöffnet.» Daraufhin habe der Angeklagte ihn mit drei Faustschlägen gegen die Brust attackiert. «Schliesslich hat er mich mit beiden Händen gewürgt, so dass ich kaum noch Luft bekam.» Dann sei der Mann weggelaufen, habe sich vor der Haustüre noch einmal umgedreht und ihm den Stinkefinger gezeigt. 
Gegen drei Uhr, rund zwei Stunden später, habe er dann mit seinem Chef telefoniert – «er schimpfte mich aus, weil ich nicht sofort ins Krankenhaus gefahren bin.» Warum er diese zwei Stunden im Taxi vor einem Casino verbracht hat, erklärt der Taxifahrer mit einem Schock, den er durch die körperliche Attacke erlitten hatte. 
Aufgrund einer Halsversteifung hätte er ohnehin schon gesundheitliche Probleme gehabt. Nach der Operation hätte sich sein Hals entzündet, was er mit viel Geduld mit Antibiotika in den Griff bekommen habe. «Nachdem mich der Angeklagte am Hals gepackt hatte, ging die Misere wieder von vorne los und ich hatte starke Halsschmerzen und Probleme beim Schlucken.» Noch heute würden ihn die Folgen dieser Attacke plagen, sagte er, obwohl er gemäss Protokoll bei der Landespolizei von einer Schmerzensdauer von rund zehn Tagen gesprochen hatte. «Diese zehn Tage habe ich auf starke Schmerzen bezogen», erklärte der Taxifahrer. 

Chef meldet sich: «Alles nur erfunden»
Nicht weniger Fragezeichen hat es gestern gegeben, als der Zeuge, der mit dem Angeklagten an jenem Abend von Kneipe zu Kneipe zog, sein Handy dem Gericht vorlegte und eine Tonaufnahme abspielte, die ihm der Chef des Taxiunternehmens etwas mehr als ein Monat nach dem angeblichen Vorfall schickte: «Ich habe ihn gefeuert, er war sowieso lieber im Casino als auf Taxifahrten... die Geschichte hat er erfunden, weil er nicht arbeiten will ... ich muss nun mein Geschäft wieder von null aufbauen, ich hoffe, du fährst wieder einmal mit mir... Gruss an deinen Kollegen, es tut mir leid... ich glaube eurer Version.»
Eigentlich wäre auch der Chef gestern als Zeuge geladen gewesen, allerdings ist er nicht aufgetaucht. Für den Richter war dennoch klar, dass er den Mann noch anhören möchte. In der Folge wurde die Gerichtsverhandlung auf unbestimmte Zeit vertagt.  (bfs)

24. Jan 2020 / 18:48
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