• Brand in Ruggell
    Polizei, Rettungswagen, Feuerwehr waren zum Notruf nach Ruggell ausgerückt. Das Kriminalgericht sprach die Angeklagte schuldig. Sie soll die Geschichte erfunden haben.  (Daniel Schwendener)

Eine Räubergeschichte in zwei Kapiteln

Die Angeklagte im Fall der Brandstiftung in Ruggell verweigerte gestern vor dem Kriminalgericht jegliche Aussage. Sie habe bereits genug gesagt, begründete sie zu Beginn des Prozesses. Ausgesagt hat sie bereits bei der Landespolizei und bei bisherigen gerichtlichen Einvernahmen. Allerdings widersprüchlich. Nach wie vor hält die Angeklagte an ihrer Unschuld fest. Eine psychische Störung hat sie nicht, aber eine verminderte Intelligenz.
Vaduz. 

Den Beginn ihrer Geschichte hat sie im Oktober vergangenen Jahres mit einem Notruf an die Landespolizei gemacht. Es war der 18. Oktober, an dem sie angeblich um die Mittagszeit in ihrer Wohnung überfallen wurde. Ein vermeintlicher Postbote habe von ihr zwei Pakete verlangt, die sie am Morgen aus Versehen von der Post bekommen haben soll. Er habe ihr die verrostete Klinge eines roten Schweizer Taschenmessers an den Hals gehalten. Weil sie sich gewehrt habe, hätte sie sich an der Wange sowie am Arm verletzt. Sie habe sich ins Badezimmer flüchten können, wo sie die Polizei alarmierte. «Als er merkte, dass ich telefonierte, durchsuchte er das Wohnzimmer, packte 15 Franken und einen Schlüsselbund in seine Tasche und drohte, dass er wiederkommen wird», erzählte die 41-jährige Frau später der Polizei, nachdem diese mit mehreren Patrouillen, zusammen mit der Österreicher Polizei, dem Grenz­wachtkorps, der Rettung und dem Kriseninterventionsteam an den Tatort in Ruggell ausgerückt war. Sie habe den Mann bereits schon gegen 6.30 Uhr früh vom Badezimmer aus an ihrem Briefkasten beobachtet. Sie beschrieb den Mann als schlank, gross und vollbärtig. Unter der Nase sei noch weisses Pulver geklebt, sein Akzent habe nach einer rumänischen Herkunft geklungen.

Mit Plastiksack über dem Kopf aufgewacht

Nur zehn Tage später schlug sie mit einem erneuten Notruf an die Landespolizei das zweite Kapitel ihrer Räubergeschichte auf: Der gleiche Mann habe sie erneut überfallen und ihre Wohnung in Brand gesetzt. «Schnell, Feuerwehr!», habe sie gemäss dem Gesprächsprotokoll gerufen und dabei stark gehustet. Sie habe sich durch das Schlafzimmerfenster ins Freie gerettet, wo sie von zwei Rettern schliesslich bewusstlos gefunden wurde. Beide Retter gaben im Rahmen der Verhandlung gestern an, dass die Frau auf den Schmerztest nicht reagierte. Erst auf dem Geh­steig nebenan sei sie wieder zu sich gekommen und habe gefragt, was denn passiert sei. Bei der späteren Befragung durch die Landespolizei soll die Erinnerung wieder zurückgekommen sein: «Ich habe den Müll rausgebracht, dabei wurde mir etwas auf den Mund gehalten und ich bin erst in meinem Schlafzimmer wieder aufgewacht», gab sie an. Über ihren Kopf sei ein weisser Plastiksack gestülpt gewesen, in die Haut auf ihrem Bauch habe der Täter «TOD» eingeritzt. Aus dem Wohnzimmer habe sie einen explosionsartigen Knall gehört und verzweifelt die Hitze des Feuers gespürt. Der Täter müsse unterdessen weggelaufen sein, er sei derselbe wie beim ersten Überfall gewesen. Bei einer weiteren Befragung gab die 41-Jährige wiederum an, den Täter gar nicht gesehen zu haben. Weil sie «einen Schlag auf den Kopf» bekommen habe, argumentierte sie. Nochmals eine Befragung später war sie sich jedoch wieder sicher, dass es sich um den gleichen Mann wie beim ersten Überfall gehandelt hätte: Gross, schlank, voll­bärtig. Zu dem Wohnungs­brand sei es gekommen, weil der Täter eine brennende Zigarette auf das Sofa geworfen habe, erklärte die Frau der Polizei.

«Das nächste Mal zünde ich alles an»

Die rechtsmedizinischen und kriminaltechnischen Ermittlun­gen haben schliesslich ergeben, dass die Frau sich die Verletzungen selbst zugefügt haben muss. An der Wange wie auch am Arm seien die Verletzungen zu geradlinig, als dass sie während eines Kampfes hätten entstanden sein können. Auch die Ritzwunde mit dem Wort «TOD» am Bauch könne gemäss dem Gutachten nicht in einem Gerangel entstanden sein. Untersuchungen an der Frau könnten zudem ausschliessen, dass sie einen derartigen Schlag erhalten habe, dass sie bewusstlos gewesen wäre. Auch eine Rauchvergiftung kann aus medizinischer Sicht ausgeschlossen werden. Zwar hätten die Werte der Frau einen minimal erhöhten Kohlenmonoxid-Gehalt aufgewiesen, dieser könne allerdings aber auch auf den Konsum von Zigaretten zurückzuführen sein.

Die Ermittlungen haben schliesslich dazu geführt, dass die Frau in Untersuchungshaft genommen wurde. Bei der Festnahme habe sie die Polizei beschimpft – «ich bringe mich um und die Polizei trägt Schuld daran!», habe sie gedroht. Und: «Das nächste Mal zünde ich alles an, auch die Polizeistation.»

Für den Staatsanwalt ist diese letztere Aussage der Beweis, dass sie es ist, die für den Wohnungsbrand verantwortlich ist. Er sei überzeugt, dass sie beide Überfälle vorgetäuscht hat. Warum, darüber könne er nur mutmassen. «Sie führt einen einsamen Lebensstil und wollte vielleicht nur Aufmerksamkeit», sagte er. Böswillige Absichten habe die Frau mit Bestimmtheit nicht gehabt. Gemäss einem gerichtspsychiatrischen Gutachten leidet die 41-Jährige unter keiner psychischen Störung, allerdings unter einer verminderten Intelligenz.

Bewährungshilfe angeordnet

Der Verteidiger bezeichnete die Aussagen des Staatsanwaltes als Mutmassungen, die höchstens an einen Stammtisch gehörten. «Hier wird ein Opfer zum Täter gemacht.» Dies mache überhaupt keinen Sinn – zum einen habe seine Mandantin bis anhin einen soliden Lebenswandel geführt und hätte kein Motiv gehabt, dies alles zu erfinden. Er plädierte entsprechend auf einen Freispruch. «Ich bin unschuldig», schloss sich die Angeklagte den Ausführungen des Verteidigers an.

Das Kriminalgericht konnte sich schliesslich von den Ausführungen des Staatsanwaltes überzeugen – «auch wenn es nicht allzu viele objektive Beweise gibt, es gibt so viele Indizien, dass die Kette sich logisch schliesst», begründete der Senatsvorsitzende. Noch einen Monat muss die 41-Jährige ihre Strafe absitzen, und wenn sie sich in den nächsten drei Jahren nichts zu Schulden kommen lässt, ist das Kapitel so weit für sie erledigt. Weil sie nicht weiss, wo sie nach ihrer Haftentlassung unterkommen kann, hat das Kriminalgericht die Bewährungshilfe angeordnet. Mit Unterstützung soll die Frau nach ihrer Haft in der Gesellschaft wieder Fuss fassen können. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. (bfs)    

27. Feb 2020 / 23:06
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