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Homeoffice funktioniert besser als erwartet

In ihrer neusten Publikation zeigt die Stiftung Zukunft.li, welche sozialversicherungsrechtlichen Hürden mit Homeoffice einhergehen.
MK Homeoffice, Ruggell
Stellten das Fokuspapier zum Thema Homeoffice vor: Thomas Lorenz (Geschäftsführer Stiftung Zukunft.li), Doris Quaderer (Projektleiterin) und Peter Eisenhut (Stiftungsratspräsident).   (Bild: Tatjana Schnalzger)

Dass Krisen immer auch Chancen bedeuten, ist mitnichten eine abgedroschene Phrase. Der Aufschwung, den die Homeoffice-Arbeit im Zuge der Coronapandemie erlebte, ist das beste Beispiel dafür. Innert weniger Monate hat sich die Berufstätigkeit in den eigenen vier Wänden von einem vornehmlich sporadisch eingesetzten Mittel zu einer valablen Alternative zum Büro als zentralisierter Arbeitsstätte gemausert. «Für uns», so Peter Eisenhut, Stiftungsratspräsident der Stiftung Zukunft.li, «war das Grund genug, uns mit dem Thema Homeoffice zu befassen.»

Das Ergebnis – eine gut 70 Seiten starke Publikation mit dem Titel «Homeoffice – Wunsch und Wirklichkeit» – wurde gestern anlässlich einer Medienkonferenz vorgestellt. Wie dieser zu entnehmen ist, zeigt sich der gestiegene Stellenwert von Homeoffice auch in einer Umfrage, welche die Stiftung unter 125 Liechtensteiner Unternehmen durchgeführt hat. Zwei Drittel von ihnen räumen ein, dass die Arbeitsform, die vor der Pandemie notabene nur von 14 Prozent gelegentlich genutzt worden war, besser funktionierte als erwartet. Gar rund 80 Prozent sind der Meinung, dass Homeoffice künftig weiter an Bedeutung gewinnen wird. Dabei spielen insbesondere wahrgenommene Vorteile wie die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Möglichkeit, sich im Markt als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren, sowie die Reduktion des Verkehrsaufkommens eine Rolle. Und diese Vorteile würden die Betriebe auch künftig durchaus gerne nutzen, wie Projektleiterin Doris Quaderer sagt: «Die positiven Aspekte überwiegen für die Unternehmen.»

Das Ende der Kulanz wird kommen

Diese Aussage impliziert freilich, dass die Arbeitgeber umgekehrt auch einige Nachteile erkennen – an der Spitze in dieser Reihenfolge die anspruchsvolle Organisation, die Erosion von Teamzusammengehörigkeit und der Aufwand bezüglich der Wahrung der Datensicherheit. Erst auf Platz vier der ­Problem-Rangliste folgen die rechtlichen Rahmenbedingungen für Grenzgänger. Wahrscheinlich weil sich das Bewusstsein hierfür laut Eisenhut nur «langsam entwickelt». Was  wiederum zum einen daran liegt, dass Homeoffice in der Vergangenheit schlicht keine derartige Rolle spielte, als dass man in der Praxis mit Erschwernissen konfrontiert gewesen wäre. Zum anderen haben sich die Länder in Europa angesichts der Umstände der Coronapandemie darauf verständigt, die Regelungen bis ­voraussichtlich Ende Jahr auszusetzen.

Sobald diese Kulanz ein Ende findet, werden sich insbesondere die sozialversicherungsrechtrechtlichen Regelungen für Grenzgänger aber als das erweisen, was Zukunft.li  in ihnen schon jetzt sieht: als «grösster Hemmschuh» für die weitere Etablierung der Homeoffice-Arbeit. Eine Einschätzung, die angesichts eines Pendler-Anteils von 56 Prozent – Tendenz steigend – kaum zu verwundern mag.

Die Problematik in diesem Punkt ist die Folgende: Grenzgänger, die sich im Homeoffice befinden, sind parallel in zwei Staaten tätig. Das führt unweigerlich zur Frage, wo Arbeitgeber wie Arbeitnehmer ihre Sozialversicherungsbeiträge zu leisten haben. Die Verordnung (EG) 883/04, die sowohl im EU-/EWR-Raum als auch in den EFTA-Staaten gültig ist, definiert hierfür entsprechende Richtlinien, die dem Grundsatz gehorchen, dass in dieser Sache jeweils nur ein Staat zuständig ist. Und genau hier befindet sich auch der potenzielle Homeoffice-Hemmschuh.

25 Prozent als kritische Marke

Sobald ein Grenzgänger 25 Prozent seiner Arbeit an seinem Wohnsitz leistet, liegt gemäss Verordnung eine «wesentliche Tätigkeit» vor. Mit der Folge, dass der betroffene Arbeitnehmer gänzlich dem Sozialversicherungssystem des Lands unterstellt ist. Während sich das Beitragsniveau von Liechtenstein und der Schweiz in etwa auf einem ähnlichen Niveau befindet, bedeutet dies für einen Pendler aus Österreich sowie dessen Arbeitgeber eine deutliche Erhöhung der Beiträge. «Noch stärker eingeschränkt», sind gemäss Quaderer in der Schweiz wohnhafte Pendler ohne Schweizer oder EFTA-Pass. «Für sie gilt diese 25-Prozent-Regel nicht.» Stattdessen werden sie bereits bei kleinsten Homeoffice-Pensen anteilsmässig dem Liechtensteiner und dem Schweizer Sozialversicherungssystem unterstellt, wodurch sich nicht zuletzt auch der administrative Aufwand enorm erhöht.

Bei alldem gilt es zu berücksichtigen, dass die Stiftung aufgrund des begrenzen Umfangs ihrer Fokuspublikationen nur die sozialversicherungsrechtlichen Lohnnebenkosten beleuchtete. Doch selbstredend sei auch zu bedenken, dass die Leistungen, die über die Sozialversicherungen bezogen werden, in den einzelnen Ländern nicht identisch seien, so Quaderer. Ein Umstand, der gerade für Österreich gelte. Und die Causa Homeoffice noch komplexer werden lässt.

Solche Aussichten könnten fürwahr das Potenzial haben, die Nachhaltigkeit des gegenwärtigen Homeoffice-Trends ein Stück weit zu gefährden. Doch der Rechtsrahmen ist kein völlig statisches Gebilde, wie Zukunft.li in ihrem Fokuspapier ebenfalls betont. Ein Gutachten des Europarechtsexperten Georges Baur vom Liechtenstein Institut sei zum Ergebnis gekommen, dass trotz gültiger EU-Verordnung durchaus bilateraler Handlungsspielraum bestehe, so Quaderer. «Liechtenstein und die Schweiz oder Liechtenstein und Österreich könnten eigene Zusatzregelungen vereinbaren.» Zum Beispiel sei es laut Baur möglich, Homeoffice als Tatbestand aus den Regelungen zu entfernen oder die 25-Prozent-Hürde nach oben zu verschieben.

Politik sollte bilaterale Wege beschreiten

Für Zukunft.li ist klar, dass Liechtenstein und seine Nachbarstaaten gut beraten wären, schon bald in diese Richtung zu streben. «Wenn wir mit Geschäftsführern von Unternehmen sprechen, spüren wir oftmals eine gewisse Verzweiflung und Überforderung bezüglich der sozialversicherungsrechtlichen Regelungen», betont Quaderer. Doch die Unternehmen, fährt sie fort, könnten die Lösungen nicht selbst herbeiführen. Es sei an der Politik, hier aktiv zu werden. «Wir finden, es würde es sich lohnen. Denn es ist davon auszugehen, dass der Wunsch nach Home­office und damit auch der Druck grösser werden wird.» (bo)

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