• «Wir Kulturarbeitenden sollten uns organisieren und eine Festung schaffen, damit uns solche Pandemien nicht so leicht den Boden unter den Füssen wegziehen können», sagt Schauspielerin Christiani Wetter, die in Wien lebt.

Wie in einem Thriller von Petersen

Die liechtensteinische Schauspielerin Christiani Wetter erzählt, wie sie die Coronavirus-Krise in Wien erlebt.

«Ich habe momentan das Gefühl, in einem Thriller von Wolfgang Petersen gefangen zu sein», sagt Christiani Wetter. Die aktuelle Lage bereite ihr Sorgen – «denn sie ist so ungewiss und ein Ende noch nicht absehbar». Am meisten Angst mache ihr das Bewusstsein, wie schnell sich doch der Alltag und all die Pläne in der nahen Zukunft einfach ändern können. «Gerade war alles noch in bester Ordnung und plötzlich ist alles anders.» Anstelle im Co-working Space, im Theater oder in der Produktionsfirma ist Christiani Wetter und ihr Partner nun für unbestimmte Zeit im Homeoffice, wie sie mitteilt. «Wobei unser kleiner Sohn natürlich auch zuhause ist und jeder Mensch mit einem Kleinkind weiss, wie produktiv man da sein kann. Eben gar nicht.»

«Der blanke finanzielle Horror»
Am 10. März durfte Christiani Wetter noch Premiere im Theater Nestroyhof Hamakom feiern. Ein Stück, das sie selbst produziert hat, allerdings nicht mitspielt. Alle anderen Vorstellungen wurden nun gestrichen – ohne Hoffnung auf Wiederaufnahme. «Das ist natürlich für unser gesamtes Team der blanke finanzielle Horror», so die Schauspielerin. Auch Moderationsaufträge und Auftragsarbeiten für Theater und TV wurden alle kurzfristig gecancelt, da niemand weiss, wann diese Pandemie vorbei sein wird und wieder gedreht beziehungsweise gespielt werden kann. Für sie selbst bedeute dies: «Jede finanzielle Sicherheit wurde mir kurzfristig genommen und gestrichen.» Entsprechend gebe es momentan kein Sicherheitsnetz und das liesse viele freischaffende Künstler in existentielle Panik verfallen. Abgesehen davon, seien auch die privaten Pläne davon betroffen: «Bis Juni haben uns die Airlines alle Flüge ab Wien storniert, Ferien ade.»

Über sozialpolitische Forderungen nachdenken
Freischaffende Künstler haben keine Gewerkschaft. «Wir hätten uns schon längst organisieren sollen», sagt Christiani Wetter. Im Zuge der Corona-Epidemie zeige sich nun einmal mehr, wie wichtig eine verstärkte Organisierung wäre – Kulturveranstaltungen werden flächendeckend abgesagt, selbstständige Künstler verlieren ihre mitunter wichtigste Erwerbsquelle und geraten mehr oder weniger unmittelbar in Existenznot. «Man könnte dies zum Anlass nehmen, um über lohn- und sozialpolitische Forderungen nachzudenken.» Dabei könnte man sich daran erinnern, dass die Anerkennung von künstlerischen Tätigkeiten als «Arbeit» seinerzeit ebenso wenig vom Himmel gefallen ist wie das Künstlersozialversicherungsgesetz. «Wir Kulturarbeitenden aller Sparten sollten uns organisieren und uns eine Festung schaffen, damit uns solche Pandemien nicht so leicht den Boden unter den Füssen wegziehen können.» Dabei komme natürlich auch immer wieder das leidige Thema «faire Bezahlung» ins Spiel, welche immer wieder widerspiegle, wie sehr ein Land seine Kulturszene schätze. Denn: «Wenn man uns für Tagesjobs richtig anstellen und auch anständig bezahlen würde, dann könnten wir auch öfters etwas für schlechte Zeiten auf die Seite legen und nicht von Hungerlohn zu Hungerlohn wandern, welchen wir dann auch noch selbst versteuern müssen.» Dieses «Den-Boden-unter-den-Füssen-Verlieren» gelte ja nicht nur für die finanzielle Situation – «sondern auch für unsere künstlerische Arbeit, welche wir ja aktiv weitermachen wollen».

«Ich vermisse meine Lieben in Liechtenstein»
Durch die verschärften Reise- und Grenzkontrollen nicht mehr so einfach zu ihrer Familie nach Liechtenstein zu kommen, macht Christiani Wetter zu schaffen. «Ich vermisse meine Lieben und wäre gerne vor Ort», sagt sie. Aber sie wolle ihre Grosseltern und älteren Verwandten auch keinem Risiko aussetzen – «ich würde es mir nie verzeihen, wenn ich den Virus unbeabsichtigt und ohne zu wissen in meine Familie tragen und jemanden durch mich zu Schaden kommen würde.» «Meine Lieben aus Liechtenstein scheinen mir viel gelassener zu sein als mein Freundeskreis hier in Wien», sagt Christiani Wetter. Panik habe sie in Wien zwar noch keine erlebt, aber dafür Menschen, welche unverhältnismässig zuschlagen beim Einkauf, obwohl von der Regierung versichert wurde, dass es nicht zu einer Lebensmittelknappheit kommen wird. «Ich habe das Gefühl, dass sich die Menschen gerade in zwei unterschiedliche Typen teilen: Die Egoisten und die Hilfsbereiten.» Es gebe in Wien nämlich derzeit auch viel Hilfsbereitschaft. Zum Beispiel: Fast in jedem Haus gebe es organisierte Gemeinschaften, die den älteren Menschen anbieten, einkaufen zu gehen oder Erledigungen für sie zu machen. Viele Menschen würden auch den Hauptzentralen der Supermärkte anbieten, Lebensmittel für sie an einzelne Supermärkte auszuliefern, da diese gerade nicht so schnell nachliefern können, wie es die Bevölkerung gerne hätte. Viele Musikerinnen und Musiker bieten Konzerte an, welche sie in leeren Sälen aufnehmen und anschliessend für die Zuschauer online stellen. «Es fühlt sich trotzdem alles sehr unwirklich an, wie eine so lebendige Stadt wie Wien es ist, einfach auf null geschalten wurde.» Jeder bewege sich gerade in seiner eigenen kleinen Blase. (bfs)

24. Mär 2020 / 09:51
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