• Maja Sanchez: «Nicht selten stiessen wir mit unserer westeuropäischen Übergenauigkeit bei den Indonesiern auf Unverständnis»

«Wir waren ziemliche Exoten in Borneo»

Die zukünftige Wahl-Eschnerin Maja Sanchez weilte als Produktionsleiterin des neuen Bruno Manser-Films für fünf Monate in Borneo. Im Interview erzählt sie über die Urbevölkerung und ihre Erlebnisse mit Riesen-Insekten.

«Bruno Manser – die Stimme des Regenwaldes» porträtiert den im Jahr 2000 verschollenen Umweltaktivisten auf eine neue, actionreiche Weise und ist mit sechs Millionen Franken Budget einer der teuersten und aufwändigsten Filme der Schweiz. Der grösste Teil des Films wurde im Dschungel von Borneo aufgenommen. Heute, Donnerstagabend ist Liechtenstein-Premiere im Skino in Schaan.

Frau Sanchez, Sie waren Produktionsleiterin beim neuen Bruno Manser-Film. Was waren dort Ihre Aufgaben?
Maja Sanchez: Im Vorfeld war ich mitverantwortlich für die Organisation der Dreharbeiten vor Ort, für die Verträge mit den Mitarbeitern und den Schauspielern. Ein Projektleiter muss auch das gesamte Material koordinieren, das Kamera-, Licht- und Tonequipement. Wenn der Dreh beginnt, ist man verantwortlich für die Detailkoordination der Dreharbeiten: Was braucht es an welchen Orten? Und wer muss wann wo sein? Viel ist auch Troubleshooting. Wenn spon­tan Problemen auftauchen, muss man schnell Lösungen finden. Wenn das Wetter nicht mitspielt, muss man alles umstellen, neu planen und alle rechtzeitig darüber informieren. 

Für die Dreharbeiten weilten Sie fünf Monate in Borneo im indonesischen Teil. Wie war die Zeit dort?
Die Zeit war sowohl un­glaub­lich spannend als auch eine rechte Herausforderung. Es war intensiv im positiven wie auch im negativen Sinn. Durch die anstrengenden Dreharbeiten im Dschungel sind viele an ihre physischen und psychischen Grenzen gekommen. Einerseits, weil man so lange von zu Hause weg war und andererseits die Arbeitsbedingungen grundsätzlich eher schwierig waren – nicht so bequem und angenehm wie zu Hause. 

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit den Einheimischen?
Diese war sehr angenehm, da die Indonesier ein sehr offenes und gastfreundliches Volk sind. Im Städtchen, wo wir eine Weile wohnten, wurden wir sehr freundlich empfangen. Dies vielleicht auch deshalb, weil wir während den fünf Monaten die lokale Wirtschaft ankurbelten. Wir waren auch ziemliche Exoten dort. Neben uns gab es vielleicht noch zehn andere Weisse. Als wir in einer Szene mehrere weisse Statisten brauch­­ten, mussten wir als Filmteam einspringen. 

Sind Ihnen noch weitere Sachen aufgefallen?
Sehr interessant zu sehen fand ich, wie die Urbevölkerung in sehr einfachen Verhältnissen lebt. Ein spannender Aspekt für mich war auch, die religiösen Traditionen der mehrheitlich muslimischen Arbeitskollegen aus Indonesien näher kennenzulernen. Eher anstrengend waren zum Teil die unterschiedlichen Arbeitsweisen. Nicht selten stiessen wir mit unserer westeuropäischen Über­genauigkeit bei den Indonesiern auf Unverständnis. Wir wussten ja, dass eine andere Mentalität auf uns zukommt, aber über eine lange Zeit unter solchen Bedingun­gen zu arbeiten, war doch recht herausfordernd. Ein anderes Beispiel, bei dem unsere Kulturen aufeinanderprallten, war das Essen: Ein Indonesier braucht Reis zu jeder Mahlzeit. Wir Europäer  jedoch wollen nicht jeden Tag Reis essen. Daher war es für unser Catering nicht immer einfach, allen Ansprüchen gerecht zu werden.  

Gab es noch weitere Schwierigkeiten?
Das Wetter hat uns manchmal ziemlich «reingefunkt». Es hat viel mehr geregnet wie es in dieser Zeit üblich wäre. Wir mussten vieles umstellen und zum Teil musste das ganze aufgebotene Team sogar ein paar Tage warten, bis wir weiterarbeiten konnten. Da wir auch an Orten gedreht haben, die nicht über Strassen erreicht werden konnten, waren wir nicht so flexibel wie bei uns. Wir mussten immer alles gut verpacken und haben für alles viel mehr Zeit gebraucht. Vielfach mussten wir unser ganzes Material mit Booten den Flüssen entlang zu den Drehorten transportieren. Da sich die Pegelstände der Flüsse stark änderten, mussten wir auf sogenannte Longboats zurückgreifen; schmale, flache Boote, die ursprünglich noch aus Baumstämmen geschnitzt wurden. Wenn dann noch der Pegelstand zu niedrig wurde, musste das Team manche Strecken zu Fuss zurücklegen und auch immer wieder das Material tragen. Einmal ist sogar ein Boot gekippt, aber zum Glück ist nichts kaputtgegangen. 

Und wie funktionierte die Zusammenarbeit mit den Schweizer Schauspielern?
Die war sehr angenehm. Der Hauptdarsteller Sven Schelker reiste bereits vor Drehstart gemeinsam mit Regisseur Niklaus Hilber für ein paar Wochen in den Dschungel, um sich auf die Rolle vorzubereiten. Die ganzen Dreharbeiten waren sehr anstrengend für Sven, aber er hat das super gemeistert. Wir hatten auch einige englische Schauspieler für einzelne Rollen vor Ort, die wegen den wettertechnischen Umstellungen und Verschiebungen oft länger bleiben mussten. Aber die haben das alles schön mitgemacht und waren total cool drauf. 

Was waren die schönsten, spannendsten Momente?
Eindrücklich waren vor allem unsere Fahrten durch den Dschungel. An einem freien Tag sind wir zum Beispiel den Fluss hinaufgeklettert und wieder heruntergeschwommen. Wir besuchten auch einmal einen ursprünglichen Teil des Dschungels, der nicht in den 80er-Jahren abgeholzt wurde. Die Geräuschkulisse mit den Affen, Vögeln und anderen Tieren im Dschungel war unglaublich, sogar manchmal so laut, dass man nachts kaum schlafen konnte. Im Hotel hatten wir manchmal auch Singzikaden, und wenn eine solche loslegte, musste man sich die Ohren zuhalten. Als Highlight sind wir an einem der letzten Drehtage mit dem Filmteam mit auf den Berg zum Drehort geklettert; nahmen unsere Laptops mit und haben von dort oben gearbeitet.

Borneo ist aber vor allem bekannt für seine Insektenwelt. Welchen Tieren seid ihr da begegnet?
Die Insektenwelt war sehr beeindruckend. Ein Kollege hatte eines Morgens sogar eine Vogelspinne im Bett, die irgendwie durch das Moskitonetz hineinkam. Einmal hatte ich eine Gottesanbeterin in meinem Badezimmer, und ein anderes Mal lag neben meinem Computer plötzlich ein grosses, grünes Blatt. Als ich es wegbefördern wollte, stellte ich fest, dass es ein Insekt war. Ein Büro in Dschungelnähe war teilweise ohne Fensterscheiben und wenn wir nachts gearbeitet haben, hatten wir einen interessanten Insekten-Zoo an den Decken und Wänden. Gefühlt sind alle Insekten dort ungefähr zehn Mal grösser wie bei uns.

Gab es auch gefährliche Situationen? 
Einmal hatten wir tatsächlich grosses Glück, dass niemand zu Schaden kam. Ein Drehort befand sich mitten im Dschungel, wo wir eine Lagerstätte mit Penan-Holzhütten aufgebaut hatten. Wir waren gerade mit den Dreharbeiten fertig, als aus dem Nichts ein morscher Baum auf unsere Hütten stürzte. Ein paar Minuten vorher sassen dort noch unsere Statisten mit ihren Kindern. Doch zum Glück ist niemandem etwas passiert, ausser dass alle einen ziemlichen Schock hatten. (mk)

Der Film läuft ab dem 7. November im Skino in Schaan.

07. Nov 2019 / 14:07
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