• Eröffnung - Ausstellung „Verdingkinder“ Portraits von Peter
    Eröffneten gestern die Ausstellung im Küefer-Martis-Huus: Uschi Waser, ehemaliges Verdingkind, Fotograf Peter Klaunzer und Walter Zwahlen vom Verein Netzwerk-verdingt (v. l.).  (SVEN BEHAM)

Vom Schicksal gezeichnet ...

... und von Mut erfüllt. Das sind Peter Klaunzers Porträtbilder von ehemaligen Verdingkindern.

Bis zu ihrem 35. Lebensjahr habe sie geglaubt, ihre Biografie zu kennen. «Und ich dachte, ich hätte Schwein gehabt», sagt Uschi Waser. Bis sie ihre Akte gelesen hat. «Danach ging ich durch die Hölle.» Erster Akteneintrag, 1953, als sie drei Monate alt war: «Ein neuer Ableger der Vaganität.» Mit 14 Jahren hatte sie bereits an 26 verschiedenen Orten gelebt. In der Nacht auf ihren 14. Geburtstag wurde sie vergewaltigt – nicht zum ersten Mal. Uschi Waser erzählt von einem kleinen Teil aus ihrem Leben als Verdingkind. Ihre Worte wählt sie prägnant, sie spricht bestimmt und zeugt von Stärke, die angesichts ihres Schicksals zu bewundern ist. Ein Schicksal, das sie mit Hunderttausenden von Kindern und Jugendlichen teilt, die in der Schweiz bis weit ins 20. Jahrhundert in Heimen fremdplatziert oder in landwirtschaftlichen oder gewerblichen Betrieben verdingt worden sind. Sie alle sind Opfer eines dunklen Kapitels, das Uschi Waser sichtbar machen möchte. Nicht nur sie - als Fotograf hat sich der Ruggeller Peter Klaunzer der Geschichte von Verdingkindern angenommen. Bewegt durch ihre Geschichte, hat er in zwei Jahren mehr als zwei Dutzend von ihnen porträtiert. In seinen Bildern nähert er sich den bewegenden Schicksalen behutsam an und ermöglicht einen Einblick in die heutigen Lebensumstände dieser betroffenen Menschen. Bereits im Rahmen einer Ausstellung in Bern hat er diese Einblicke der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Seit gestern sind seine Arbeiten im Küefer-Martis-Huus in Ruggell ausgestellt. Mit einer Vernissage hat der Fotograf die Ausstellung am Freitagabend eröffnet, begleitet von einem Grossandrang an Besucherinnen und Besuchern. Das Küefer-Martis-Huus war nicht nur bis auf den letzten Platz besetzt – es platzte schier aus allen Nähten. 
 

Abgestempelt als  «Versager»
Zur Vernissage begrüsste die Ruggeller Vorsteherin Maria Kaiser-Eberle. «Wir sind stolz auf unseren Peter», sagte sie über den Fotografen, was die Besucher mit grossem Applaus bestätigten. «Mit den Porträts sind ihm Bilder gelungen, die berühren, betroffen machen und unter die Haut gehen.» 
Unter die Haut gingen auch die Worte von Loretta Seglias, Forschungsbeauftragte des Liechtenstein-Instituts. Als Historikerin beschäftigt sie sich seit Jahren mit diesem erschütternden Themenfeld. In ihrem Kurzreferat zeichnete sie das Bild einer Gesellschaft, in der es weder Kinder- noch Menschenrechte gab. Es prägten zwei Aspekte diese Gesellschaft: der finanzielle und der moralische. Kinder aus ärmlichen Verhältnissen wurden aus ihren Familien gerissen und oft auf Bauernhöfen fremdplatziert. Damit sie lernen, zu arbeiten, um später nicht auf 
die finanzielle Unterstützung des Staates zurückgreifen zu müssen. Moralisch gesehen herrschten die typischen Rollenbilder: Der Mann als Ernährer, die Frau als Hausfrau und Mutter. Wer diese vermeintliche gesellschaftliche Aufgabe nicht erfüllte, galt schlichtweg als Versager. Auf grossen Tafeln prangen nun im Küefer-Martis-Huus die Gesichter dieser «Versager». Von ihren Schicksalen gezeichnet, gleichzeitig von Mut erfüllt. Weil sie sich getrauen, ihre Gefühle in Worte zu fassen: «16 Jahre lang hat man mir die Mutter verheimlicht», steht in grossen weissen Lettern unter dem Porträtbild eines ehemaligen Verdingkindes geschrieben. «Ich war ehrlich und bezeugte, dass ich keine Angst vor Raubtieren habe, vor Behörden und Zweibeinern hingegen schon», lautet ein anderes Zitat unter dem Bild eines Mannes in seinem Wohnzimmer. Es sind weitere von Opfern eines grausamen Schicksals zu lesen: «Die Aktensuche war eine zermürbende Arbeit.» Oder: «Scham, Schmerz, Trauer, Wut, Ohnmacht und Verzweiflung bestimmten früh unser Leben.»

Verschweigen der Vergangenheit hat ein Ende
Die Porträts im Küefer-Martis-Huus sind in einem separaten Reader mit den Biografien der ehemaligen Verdingkinder zu sehen. Darin finden sich wichtige Eckdaten aus dem Leben 
der Menschen mit prägenden persönlichen Momenten. In Bildern treten sich die Protagonisten direkt gegenüber. Sie müssen sich nicht mehr rechtfertigen. Die Porträts zeigen ungeschminkt auch die Spuren, welche das Leben in ihren Gesichtern hinterlassen hat. Das Verschweigen der Vergangenheit hat ein Ende. Eine Vergangenheit, welche die Betroffenen in Akten niedergeschrieben finden. «Ursula war so recht ein Bild einer argen erblichen Belastung.» Einer von vielen Sätzen, die Uschi Waser in ihrer Akte fand. (bfs)

24. Jan 2020 / 22:47
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