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Seit 30 Jahren zum ersten Mal arbeitslos

Der Balzner Musiker Kurt Ackermann will in dieser ruhigen Zeit das Songschreiben wieder vermehrt in Angriff nehmen.
Musiker Kurt Ackermann arbeitet derzeit an neuen Songs.

Normalerweise haben Sie solo oder auch mit grösserer Formation fast jedes Wochenende Auftritte. Wie stark trifft Sie persönlich das Veranstaltungsverbot?
Kurt Ackermann: Das Kulturleben ist auf null heruntergefahren. Es ist das erste Mal seit 30 Jahren, dass ich wirklich arbeitslos bin. Alle meine Auftritte sind weggefallen. Es ist generell nicht möglich, aufzutreten, weil unter fünf Menschen macht, glaub ich, niemand eine Party.

Seit über einem Jahr nehmen Sie ja jeden Tag unter dem Motto «Start Your Day With A Song» einen Song aus Ihrem Repertoire auf und stellen ihn auf Ihre Kanäle auf den sozialen Medien. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Für mich war das eine therapeutische Massnahme wegen meiner Selbstzweifel. Immer, wenn ich Aufnahmen gemacht habe, dachte ich, das könntest du noch besser oder diesen Akkord habe ich nicht sauber gespielt. Dadurch, dass ich seit Januar 2019 fast jeden Tag frisch von der Leber und mit der Morgenstimme einen Song online stelle, starte ich den Tag automatisch anders. Es verändert den Tag, wenn man sich am morgen als Erstes ans Klavier oder an die Gitarre setzt und drauflosspielt.

Wie waren die Rückmeldungen auf diese Aktion?

Die Reaktionen darauf sind wirklich sehr positiv. Manche fragen schon, wenn ich mal nichts drauflade, wo der Song ist. Es ist schön zu hören, dass die Leute am Morgen meine Lieder vermissen. Bis jetzt habe ich so schon über 350 Songs live gespielt und die Leute haben sich daran gewöhnt. So wurde es auch für mich zum täglichen Ritual.

Haben die Rückmeldungen seit der Corona-Krise zugenommen?

Ja, ich merke, dass Leute, die früher weniger auf Facebook oder Instagram waren, derzeit wieder vermehrt online anzutreffen sind. Bei Instagram zum Beispiel sind aber auch einige Leute dazugekommen, die früher keine sozialen Medien nutzten.

An welchen Projekten sind Sie sonst derzeit beschäftigt?

Ich bin dabei, mein Repertoire immer wieder aufzufrischen, neue Songs reinzubringen und an neuen Arrangements zu arbeiten, da ich ja solo, im Duo, Trio oder bis zu fünft oder sechst unterwegs bin. Wenn ich solo etwas akustisch spiele, tönt das natürlich anders, als wenn ich es mit der Band spiele.

Und Aufnahmen sind nicht geplant?

Songwriting ist eine grosse Sache, die ich wieder in Angriff nehmen will. Ich habe so viele Bruchstücke und Songs im Kopf, aus denen ich etwas machen möchte. Ich weiss zwar noch nicht, ob es ein Album geben wird. Denn ich sehe für das Album als Ganzes keine Zukunft. Wenn man jemanden unter 40 fragt, ob er eine CD kaufen will, wird man komisch angeschaut. Deshalb wäre meine nächste Stufe von «Start Your Day With A Song», jeden Monat einen eigenen Song rauszubringen. Dass ich mir da etwas in den Hintern trete, vorwärts zu machen und eigene Songs zu schreiben, da dies in den letzten Jahren durch die vielen Auftritte und Verpflichtungen etwas unter die Räder kam. Ich sollte wieder etwas mehr den Egoisten raushängen lassen im Sinne von «Arbeite an deinen eigenen Songs». Weil Ideen hätte ich genug. Jetzt sind auch einige dazugekommen durch Corona. Es gibt ja schon einige Corona-Songs, vielleicht gibt es auch noch einen von mir.

Haben Sie neben Ihrer Musik auch noch weitere Standbeine? Gäbe es Alternativen zur Livemusik?

Nein, das ist der Klassiker, den ich seit 30 Jahren immer wieder höre. Nein, ich habe kein zweites Standbein. Ich räume momentan auf, gehe durch meinen alten Fundus, recycle und mache alle Sachen, die ich sonst liegen gelassen habe. Aber ich spiele auch jeden Tag Musik, weil ich das gerne tue. Ich hatte nie ein zweites Standbein, insofern, dass ich noch einen Job hatte, der mich finanziell absichern würde. In den 90er-Jahren gab ich noch Musikunterricht. Dann kam der Punkt, an dem ich mich entscheiden musste, ob ich mehr Stunden geben möchte oder mehr Livemusik. Und da hab ich mich für Letzteres entschieden.

Haben Sie in diesem Falle auch schon Unterstützung beim Land beantragt?

Ja, und die Unterstützung wurde sogar schon überwiesen. Ich bedanke mich hiermit recht herzlich, dass es bei uns im Land so schnell ging. Man muss immer bedenken, dass die nächste Miete fällig wird, die Krankenkassen-, AHV- und weitere Rechnungen kommen. Der einzige Vorteil dieser Zeit ist, dass ich vier Wochen lang kein Benzin tanken musste.

Wie sieht Ihre momentane Zukunftsplanung aus?

Das ist das grosse Problem, dass wir als Musiker wie auf «stand by» sind und nicht wissen, wann es wieder losgeht. Wir sind ja die Letzten, die wieder arbeiten dürfen. Daher denke ich, dass planen momentan sehr wenig bringt. Dann bin ich lieber kreativ, mache zu Hause Musik und mache mich bereit, dass wenn es wieder losgeht, ich auch parat bin.

Wie lange, denken Sie, wird das noch gehen?

Wenn das Versammlungs­ver­bot unter 50 Personen bleibt, macht niemand einen Apéro oder eine Geburtstagsparty, bei der ein Musiker gebucht wird. Das andere ist, wenn Anlässe erlaubt werden: Wer organisiert etwas, so lange die Leute noch Angst haben, wieder raus zu gehen. Musiker stehen wirklich im Schilf und warten, bis das Ganze wieder läuft.

Serie #32

Das Coronavirus legt derzeit alles still – auch das Kul­tur­leben. Das «Vater­land» hat sich bei Kulturschaffende erkundigt, wie es ihnen derzeit geht und was die derzeitige Lage für sie bedeutet. Heute mit Musiker Kurt Ackermann. Das Videointerview dazu ist auf www.vaterland.li/liechtenstein/kultur zu finden. (mk)

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