• Hochenergetischer, zeitgenössischer Jazz mit dem entfesselten Trio Kahiba am Freitagabend in der Tangente.  (ARNO OEHRI)

Musik im Gehirn

Gregor Hilbe gastiert im Frühling 2018 mit zwei Bands im Jazzclub Tangente in Eschen. Am Freitag präsentierte das Trio Kahiba sein neues Programm «The Neurosience of Music».
Eschen. 

Eine der grössten und auch tröstlichsten Erkenntnisse der Hirnwissenschaft der letzten Jahrzehnte ist die Fähigkeit des Gehirns zur Neuroplastizität. Das bedeutet, das Gehirn ist formbar, entwickelt sich weiter, man kann Strukturen und folglich Denkschemen verändern, und zwar bis ins hohe Alter. Einerseits passiert das von selbst, vereinfacht gesagt durch das, was uns täglich geschieht und was wir erleben, viel wichtiger aber ist jener Aspekt, bei dem es um aktive Neugestaltung von Denkmustern geht. Das Gehirn legt im Laufe der Entwicklung sozusagen synaptisch verdichtete Strukturen an, man könnte von Denkautobahnen sprechen, also typische Denkmuster, die man sich früh schon aneignet und in die man immer wieder verfällt, wenn gewisse Situationen eintreten. Das kann sehr vorteilhaft sein, weil man auf gewisse Situationen mit gut verinnerlichten Automatismen reagieren kann, das kann aber auch sehr hinderlich aus dem genau gleichen Grund sein, weil man dann eben in die immer wieder gleichen Fallen tappt. Wirkungsvollstes Mittel dagegen ist ein waches Bewusstsein. Bewusste Wahrnehmung der Lebenswirklichkeiten, gepaart mit grosser Emotion, sind die besten Bau­arbeiter, wenn es darum geht, neben den gängigen Gedankenauto­bahnen neue, kreative Wege zu erschliessen.  

Die Musik kann da eine sehr wichtige Rolle spielen. Heinrich von Kalnein (Saxofon und Flöte), Gregor Hilbe (Schlagzeug und Electronics) und der blutjunge Pianist Anil Bilgen von der Gruppe Kahiba führen das exemplarisch vor. Das ist ja unter anderem das wahnsinnig grossartige am Jazz und an der improvisierten Musik, dass diese Musik eine ungeheure Flexibilität im Umgang mit dem Tonmaterial, mit der Komposition, mit dem Instrument und vor allem mit den Mitspielern verlangt. Die kompositorische Vorlage ist die festgelegte Autobahn, doch was die Musik nun wirklich spannend macht, ist die Tatsache, dass eben viele Wege zum Ziel führen. Um all diese spannenden Seitenwege ihrer Kompositionen zu erkunden, sind die drei Musiker von Kahiba unterwegs. Und weil sie das mit fantastischer Kreativität und grosser Spielfreude tun, ist eben auch eine starke Emotionalität mit eingebunden. So kommen auch ältere Stücke, wie etwa «The Sixth Sense», oder Stücke, die ursprünglich für ein komplett anderes Setting geschrieben wurden, wie etwa «Cien Aguas», in aller zeitgenössischen Frische daher und sind nicht nur für das Publikum, sondern eben auch für die Musiker selbst ein Spielfeld voller Überraschungen.    

Dass der Sound von Kahiba völlig neu aufbereitet wurde, liegt unter anderem auch daran, dass ein neuer Spieler ins Trio gefunden hat. Der türkische Pianist Anil Bilger bringt nicht nur seine Jugend, sondern ein hochgradig feinfühliges und virtuoses Spiel mit in die Band, ganz auf das Interplay mit seinen Mitstreitern ausgerichtet, aber auch souverän im Umgang mit solistischen Exkursen. Heinrich von Kalnein, sozusagen der künstlerische Leiter und der kompositorische Dreh- und Angelpunkt des ganzen Unternehmens, besticht durch eine ungeheure Intensität und Dringlichkeit in seinem Spiel, das in aller Selbstverständlichkeit von freier Atonalität zu träumerischer Melodieseligkeit changiert, ganz eben so, wie es der Moment verlangt. Gregor Hilbe wiederum ist die rhythmische Dampfzentrale dieser Combo, ein Energiepaket von fast übermenschlichen Ausmassen. Was Hilbe in ein einziges Stück an poly­rhythmischen Strukturen und Klangfarben einbaut, reicht bei anderen Schlagzeugern für ein ganzes Konzert. Natürlich prägt das die Musik und die Kompositionen sehr stark. Hilbe ist ein fast ständiger Unruheherd, ein unerbittlich aktiver, brodelnder Vulkan, und so wird die Musik an diesem Konzertabend am ehesten als hochenergetischer, treibender, aber auch sehr lustvoller Kraftakt in Erinnerung bleiben. Das wahrnehmende Gehirn nimmt die musikalischen Abenteurreisen dankbar auf und legt so ganz nebenebei ein paar neu synaptische Verbindungen an. (aoe) 

15. Apr 2018 / 22:25
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