• Lesung Arno Camenisch
    Arno Camenisch entführte seine Zuhörer in die Welt eines Schulabwarts, dessen Schule bald geschlossen werden soll.  (Jürgen Posch)

Innenansicht eines Flaggschiffs

Vergangenen Freitagabend las Arno Camenisch im Schaaner Literaturhaus aus seinem neusten Werk «Herr Anselm».

Einmal mehr gastierte der sympathische Bündner, der Liechtenstein noch aus seiner Jugend beim FC Tavanasa kennt, beim Liechtensteiner Literaturhaus in Schaan. Von Musik umrahmt entführte er in die Welt eines Bündner Schulabwarts, dessen Schule bald schliessen soll. Seine unverkennbare Sprache, irgendwie Hochdeutsch, irgendwie aber auch stark dialektalgefärbt und mit romanischen und italienischen Phrasen gespickt, mutet wie ein Versuch an, kleine persönliche Welten aus der Sicht ihrer Bewohner einer breiteren Leserschaft zu eröffnen. Mit unterschiedlichen Perspektiven gelingen Camenisch damit immer wieder neue Innenansichten der Surselva, sehr nahe und persönliche Einblicke in eine Welt, die sich verändert, Verluste oder einfach Erinnerungen an die Welt von gestern, wenig sentimental geschildert aus den Augen eines Dorfjungen. Dieses Mal ist es sentimentaler: Die Dorfschule soll geschlossen werden.
Nachdem Herr Anselm seine Frau bereits früh hatte verlieren müssen und die Oberstufe schon vor ein paar Jahren eingestellt wurde, droht jetzt auch noch sein sorgsam gehütetes «Schiff» zu kentern. Etwas über 300 Tage haben sie noch zusammen, wie sie am ersten Tag nach trockenen und langen Sommerferien erfahren.

«Ohne Flaggschiff landest du im Bermudadreieck»
Schnell lassen die bildhaften Ausführungen des altgedienten Schulabwarts vermuten, dass es hier um mehr als eine Schule geht. In seinen 33 Jahren auf dem «Flaggschiff» hat er viele Kinder ein und aus gehen sehen, viele von ihnen kennt er noch heute. Ein Dorf ohne Schule kann er sich nicht vorstellen. «Die Schule ist das Flaggschiff im Dorf, das fährt voraus und dient zur Orientierung, bei all dem Chaos dort draussen in der Welt. Das Flaggschiff gibt die Richtung vor, es ist der Kompass.» Herr Anselm hat seine Prinzipien, identifiziert sich sehr mit seiner Rolle als Hauswart und hilft auch ohne grössere Umschweife mal aus, wenn wieder einmal ein Lehrer fehlt. Mit der Zeit scheint es, als wäre er zentrale Figur eines Theaters, in dem er seine fixe Rolle hat, als stünde er genau auf der Bühne, die über all die Jahre für ihn und von ihm adaptiert worden war.

Verlust, Heimat und der Versuch, etwas zu retten
Immer wieder erleben die Zuschauer Rückblicke in schönere Zeiten, Ausflüge, unvergessliche Tage mit mailändischen Schauspielerinnen, die Ruhe und Konzentration suchen in der beschaulichen Surselva. 
Neben diesen Erinnerungen kämpft Herr Anselm mit dem Vergessen, mit dem Wandel, mit dem «Chaos dort draussen», dass seine wohlorganisierte Welt durcheinanderzubringen und die Menschen, die sie ausmachen, hinauszuziehen droht. Mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln sucht er Wege, diesen Prozess aufzuhalten, wiegt sich in der Hoffnung, ihn doch noch umkehren zu können und sinniert über Glück und Unglück und dass in aller Regel halt weder das eine noch das andere selten alleine käme.
Damit schafft Camenisch einmal mehr eine eindrucksvolle und sehr persönliche Perspektive auf etwas ihm sehr Vertrautes, in dem er aufgewachsen ist und das er kraft seiner präzisen Beobachtungsgabe und einer Sprache, die passender kaum sein könnte, auf sehr eingängige Weise literarisch verarbeitet und damit das im Verschwinden Begriffene gewissermassen zeitlos macht. Die sehr stimmigen musikalischen Intermezzi von Gitarrist Roman Nowka taten ihr Übriges, um die ausdrucksstarke Lesung Camenischs zum Erlebnis zu machen. (tb)

 

06. Okt 2019 / 23:22
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