• Filmvorführung Christine Seghezzi Takino Schaan 171026
    Filmemacherin Christine Seghezzi hofft, dass man nicht so schnell in die alten (schlechten) Gewohnheiten zurückkehrt.  (Daniel Ospelt)

Epidemie kein guter Boden für Inspiration

Filmemacherin Christine Seghezzi wohnt schon länger in Paris. Die Corona-Krise hat ihre Pläne komplett über den Haufen geworfen.

2019 schloss Christine Seghezzi einen neuen Film ab. «Ich weiss nicht, ob und wann er gezeigt werden wird», so die Schaanerin. Auch eine Gruppenausstellung, an der sie im April teilnehmen wollte, wurde auf einen unbekannten Termin verschoben. Ansonsten hatte sie Glück und konnte einen Workshop, den sie geleitet hatte, noch vor dem Lockdown abschliessen. Für die Zeit danach hatte sie vorgesehen, an einem neuen Filmprojekt über Liechtenstein zu schreiben. Dafür wollte sie zum Recherchieren ins Land kommen, was derzeit nicht möglich ist. «Ich habe – soweit ich konnte – aus der Distanz gearbeitet, aber dann Mitte April umgesattelt und an einem Film gearbeitet, welchen ich letztes Jahr in Argentinien zu drehen anfing und dieses Jahr fertig drehen hätte sollen», erzählt Christine Seghezzi. Da sie aber in den nächsten Monaten nicht nach Argentinien reisen könne, habe sie die bereits gedrehten Bilder hervorgeholt und es geschafft, daraus einen Film zu machen.

 

Berührungsängste trotz Distanz abbauen
Nebenbei unterrichtet Christine Seghezzi an einer Filmschule. «Ein grosser Teil der Pädagogik zielt darauf hin, Berührungsängste zu überwinden, sei es in der Zusammenarbeit zwischen Regie, Kameramann und Toningenieur, oder mit den Personen, die wir filmen. Es ist wichtig, dass man sich spürt, weiss, wo der andere ist, und mit seinem Körper arbeitet», so Seghezzi. Jetzt muss man plötzlich Distanz halten. Daher müsse auch die Pädagogik verändert werden, indem man sich frage: Wie kann man sich spüren, wenn man Distanz halten muss? Oder welche Massnahmen müssen berücksichtigt werden?

Vollständig auf die Gegenwart zurückgeworfen
Die Dokumentarfilme, die in den nächsten Monaten gedreht werden, werden nach Seghezzis Einschätzung sicher anders aussehen. «Man wird Menschen mit Mundschutz vor der Kamera haben, aus Gründen der sozialen Distanz andere Bildeinstellungen wählen und die Regie anpassen müssen». Der Schnitt findet im Moment über Conference-Calls statt. Man müsse vieles neu erfinden. «Das ist beim Filmemachen gewöhnlich, aber im Moment spitzt sich alles sehr zu, mit dieser Gefahr, die das Coronavirus bedeutet.» Besonders die Zeitebene habe sich mit der Krise völlig verändert. «Wir sind vollständig auf die Gegenwart zurückgeworfen», so Seghezzi. «Meistens entzieht sich uns die Gegenwart, und man plant voraus – ausser beim Dreh und in der Postproduktion, wo man im Moment reagiert.»

Beim Schreiben eines Dokumentarfilms müsse man sich jeweils vorstellen, wie eine Person oder eine Situation in einem Jahr sein werde, wenn der Film gedreht wird. «Heute ist es schwierig, sich konkret vorzustellen, wie die Welt oder die Wirtschaft in ein paar Monaten aussehen.» Man müsse sich ständig anpassen, versuchen, die Situation umzugestalten und neu zu erfinden. «Man wird auf etwas Urmenschliches zurückgeworfen. In das Jetzt. Und dieses Jetzt lässt Zeit, nachzudenken. Denn die Coronakrise zeigt mit sehr viel Leid, Krankheit und Trauer, dass das Leben und die Gesundheit wichtiger sind als alle anderen Werte und vor allem als Profit.»

Finanzierung ist schwieriger geworden
Neben diesen gesellschaftlichen Veränderungen stellt auch die Finanzierung der Filme eine Herausforderung dar. «In meinem Umfeld versuchen wir darauf hinzuwirken, dass Autorenfilm weiterhin gemacht und finanziert werden und dass wir nicht mit der Krise endgültig vom Mainstream-Film verschlungen werden», erklärt die engagierte Filmemacherin. In Frankreich hätten sie das Glück, ein System zu haben, welches die Menschen, die im Theater-, Film- und Musikbereich arbeiten, unterstützt. Diese Unterstützung wurde für jene, die ihre Projekte abgesagt haben oder keine neuen Verträge haben, bis August 2021 verlängert. «Da ich aber gerade eine Produktionsfirma gegründet habe, profitiere ich nicht von diesen Massnahmen und weiss noch nicht, wie und wann die nächsten Projekte gemacht werden können.»

Keine Alternative für Kinobesuche
Die «Video on demand»-Plattformen sind die Gewinner dieser Krise. Die Filme statt im Kino nun online zu zeigen, sieht Christine Seghezzi als eine momentane Alternative, aber nicht als dauerhafte Lösung. «Für mich ist das Kino der Ort, wo Filme in der Gemeinschaft angesehen werden.» Besonders beim Dokumentarfilm sei die Vorführung oft mit einer Diskussion und einem Austausch verbunden, und dies könne online nicht wirklich ersetzt werden. «Der Virus darf den zwischenmenschlichen Kontakt auf Dauer keinesfalls vernichten», so Seghezzi. Viele kleinere Arthouse-Kinos würden die Krise vielleicht nicht überleben, und viele Filme, die in diesen Monaten in die Kinos kommen sollten, würden nicht gezeigt werden können. Festivals wie in Nyon oder Paris fanden online statt – was natürlich in keiner Weise das Festival ersetze, wie die Filmemacherin sagt. «Ich finde die Lösung, die Lili Hinstein für Locarno gewählt hat, interessant. Das Festival findet nicht statt, und es werden Mittel eingesetzt, um unabhängige Filmprojekte zu unterstützen, die wegen der Coronakrise gestoppt wurden». Derzeit seien viele Überlegungen im Gange, wie und wo die neuen Kinofilme gezeigt werden könnten. Ein Kino in Paris beispielsweise hat Filme auf Hauswände für die Nachbarn vorgeführt. «Eine schöne Aktion», so die Filmemacherin.

Die letzten Wochen war Christine Seghezzi Mitglied einer Lockdown-Facebook-Gruppe, die über 7000 Filmemacher, Produzenten und Kinobetreiber zusammenbrachte. Das Ziel dabei war, unauffindbare Filme, die weder auf DVD noch online erhältlich sind, mit Zustimmung der Rechtinhaber, auszutauschen. Aber auch Personen, die gerade ein Projekt vorbereiten und anfragten, welche Filme zu diesem oder jenem Thema existieren, erhielten so viele Ideen und Hinweise. «Da waren eine unglaubliche Grosszügigkeit und kollektive Intelligenz am Werk. Das ist eine der schönsten Erfahrungen, die ich in diesen Wochen gemacht habe», so Seghezzi.

Restaurants und Parks in Paris weiter geschlossen
In ihrem Wohnort Paris war Christine Seghezzi vom 17. März bis zum 11. Mai im völligen Lockdown. «Man durfte gerade eine Stunde pro Tag auf die Strasse gehen und nur mit einem offiziellen Formular, welches Datum, Grund und Uhrzeit aufführte. Wer kein Formular hatte, bekam 135 Euro Strafe», erzählt die Filmemacherin. Seit dem 11. Mai dürfen sie sich nun ohne Formular und ohne Zeiteinschränkung draussen bewegen. Die meisten Geschäfte sind wieder geöffnet, aber Restaurants, Cafés und Parks sind weiterhin geschlossen. «Ich wohne in der Nähe eines grossen Parks und spaziere jeden Tag am Gitter entlang. Die Grünflächen kommen mir dabei wie ein verbotenes Land vor». Es sei interessant, dass man plötzlich merke, was eine Gesellschaft hält: die Ärzte, das Pflegepersonal, die Kassiererinnen, die Transporteure. «Viele, die vor der Krise wenig Ansehen hatten.» Was die Gesellschaft ausserdem gehalten habe, sei die Kultur. «Wie hätten wir ohne Filme, Bücher und Musik den Lockdown ausgehalten?»

Christine Seghezzi hat in den letzten Wochen die Erfahrung gemacht, dass eine Epidemie kein wirklich guter Boden für Inspiration ist. Zum Beispiel habe sie seit Jahren ein Projekt im Kopf, Paris ohne menschliche Präsenz zu fotografieren – nur die Strassen, Gebäude und Spuren von den Bewohnern, in Stille und Ruhe. «Jetzt, wo dieses Projekt zu realisieren gewesen wäre, hat mir diese Vision gar nicht gefallen, und ich habe kaum Fotos gemacht. Ich fand wenig Schönheit.» Das hänge auch damit zusammen, dass die Stille der Strassen in Richtung einer Dystopie gegangen sei. «Insofern tut es sehr gut, zu sehen, dass das Leben in der Stadt wieder langsam losgeht und freier ist.»

«Ich sehe die Krise wie eine Weggabelung»
Am Lockdown hat Christine Seghezzi aber auch positive Seiten erlebt: Bereits am ersten Tag habe sie die grosse Ruhe, die über Paris herrschte, genossen. Und schon nach zwei oder drei Tagen sei die Luft so rein gewesen und der Himmel klarer, als sie ihn je gesehen habe. Man hat nur das Pfeifen der Vögel und das Rauschen des Winds gehört. «Das war unglaublich, ich fühlte mich wie auf dem Land. Da habe ich gar keine Lust, wieder auf das Vorher zurückzukommen», meint Christine Seghezzi grinsend. Schön sei auch die Solidarität gewesen, die sie gefühlt habe. «Natürlich fehlen mir die persönlichen Kontakte sehr, und es ist sehr schwierig, sich nicht treffen und sehen zu können. Aber die Gespräche, vor allem über Telefon, WhatsApp etc. sind oft viel intensiver und länger. Es ist gut, so stark zu spüren, dass wir füreinander da sind.»

Christine Seghezzi hofft, dass man nun nicht so schnell in alte Gewohnheiten zurückkehrt oder die Krise nutzt, um unsere immer mehr Freiheiten einzuschränken, sondern dass Dinge in die Wege leitet, die eine lebenswerte und nachhaltige Zukunft ermöglichen. «Ich sehe die Krise wie eine Weggabelung, an der wir entscheiden müssen, welchen Weg wir einschlagen. Es scheint mir sehr wichtig, sich jetzt kollektiv damit auseinanderzusetzen.» Der französische Soziologe Bruno Latour habe dazu einen sehr interessanten und schwierigen Fragebogen verfasst, der genau solche Fragen stelle: Welche Dinge, die während dem Lockdown stillgelegt wurden, sollen danach nicht mehr aufgenommen werden? Wie können sich die Menschen, die in diesen Sektoren arbeiten, umstellen? Und welche Dinge, die stillstehen, sollen in Zukunft verstärkt werden? (mk)

Serie #51: Das Coronavirus legt derzeit alles still – auch das Kulturleben.  Das «Vater­land» hat sich bei liechtensteinischen freischaffenden Kulturschaffenden, die im In- und Ausland arbeiten, erkundigt, wie es ihnen derzeit geht und was die derzeitige Lage für sie konkret bedeutet. Heute mit Filmemacherin Christine Seghezzi. 

25. Mai 2020 / 13:53
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