• Auf der Bühne standen: Armin Öhri, Daniel Batliner, Vlado Franjevic, Karl Rühmann, Evi Kliemand, Anton Beck und Jens Dittmar (v. l.).

Die Rückkehr der Liechtenstein-Literaten

Das TAK startete nach der Coronapause mit einem Lesefest der IG Wort. Sieben Autoren kämpften um das Überleben der Literaturszene.

Nach gut drei Monaten kehrte vergangenen Freitag, pünktlich um 20.09 Uhr, wieder Leben in das Schaaner TAK ein. Doch nicht etwa das gewohnte Theaterstück oder eine musikalische Darbietung eröffnete das neue Programm, sondern eine Gemeinschaftslesung des Liechtensteiner Autorenverbands, der IG Wort. Innerhalb der wenigen Tage seit den Lockerungen trommelte Präsident Armin Öhri sechs weitere Mitglieder zusammen für einen abwechslungsreichen Abend. Dabei profitierten die Literaten von der Spontanität und Flexibilität ihrer Zunft, welcher andere Kunstformen hinterherhinken.

«Die Zeit ohne Kultur ist viel zu lang gewesen», meinte Jan Sellke, Leiter Dramaturgie im TAK. Dies bestätigten über 50 Gäste, welche sich an ein neues Prozedere gewöhnen mussten. So erfolgte sowohl der Ein- als auch Austritt gestaffelt. Beim Eingang mussten die Hände desinfiziert, bei der Kasse die Kontaktdaten angegeben werden. Im Theater galt es, mindestens einen Stuhl Abstand zu halten. Im Rahmen der Schutzmassnahmen wurde auf einen sonst obligatorischen Büchertisch verzichtet und nach jedem Autor wurde das Lesepult gereinigt. Auf eine Pause wurde bewusst verzichtet.

Ein dringender Appell für mehr Anerkennung

Armin Öhri, der als Moderator durch den Abend führte, wusste die Plattform zu nutzen. Denn eine Onlinelesung sei einfach nicht dasselbe. In seiner Begrüssung machte er auf grundsätzliche Missstände in der Liechtensteiner Literaturszene aufmerksam, die während der Coronakrise umso mehr um ihr Überleben ringt. «Es ist ein Kampf der Giganten, wobei das Klopapier gegenüber dem Buch gewonnen hat», so Öhri. Noch nie habe ihn ein einheimischer Veranstalter auf Anfrage hin für eine Lesung gebucht. Vielmehr müsse man sich selbst einladen, um seine Texte der Öffentlichkeit zu präsentieren. Eine beschämende Situation, die Musiker und Künstler nicht kennen würden: «Sie erhalten Gagen für Konzerte und Kunstausstellungen, wir Autoren sind hingegen meistens nur ein kostenloses ‹nice to have›.»

Seine persönliche Situation ist ein Abbild für die gesamte Literaturszene im Land. Wie Öhri weiss, wurden kürzlich mindestens vier geplante Projekte von Liechtensteiner Autoren auf Eis gelegt, weil die Verlage in der prekären Lage kein Risiko eingehen. Ein Umstand, der längerfristig anhalten könnte. Als Horrorszenario zeichnete der Präsident der IG Wort eine Frank­furter Buchmesse 2022 mit einem Liechtensteiner Stand auf, an dem keine neuen Werke präsentiert werden. «Liechtenstein braucht kritische und zum Nachdenken anregende Literatur, aber jetzt gerade braucht die Literatur Liechtenstein», bat Öhri sowohl um mehr staatliche als auch private Unterstützung.   

Themen: Helden, Thunberg und unsoziale Medien   

Anschliessend oblag es den sieben Autoren, mit ihren Auftritten eine Rechtfertigung für die geforderte Anerkennung zu liefern. Der Eschner Daniel Batliner versetzte das Publikum zwölf Jahre in die Vergangenheit zurück, als es auf der Schaaner Kreuzung St. Peter statt des Grosskreisels noch eine Ampelanlage mit gefürchtetem Blitzer gab. In der Regel tritt Vlado Franjevic als Künstler oder deutsch-kroatischer Lyriker auf. Am Freitag präsentierte er jedoch einen Prosatext aus seinem Blog, der sich mit der Beziehung zu seinem Grossvater sowie Sohn auseinandersetzt. Ein Kapitel aus seinem aktuellsten Roman «Baby Palazoles» hatte Jens Dittmar im Gepäck. Genau 50 Jahre nach ihrem ersten Auftritt, den sie ebenfalls im TAK hatte, trug Evi Kliemand ein Gedicht vor, dass ihre Erlebnisse am Pfingstsonntag schilderte. «Ich schaue auf meine Träume, als wollte ich den Schnee zählen», lautete ein Auszug ihres Naturstreifzugs – ein Beispiel für ihren bildreichen Umgang mit der Sprache.

Eine Premierenlesung bot Karl Rühmann, der seinen druckfrischen Roman «Der Held» vorstellte. Darin erinnert sich Icherzählerin Anna an ein ihr unangenehmes Ereignis aus der Schulzeit und stellt folgende Frage: «Ist man nur ein Held, wenn man sich opfert?» Der jüngste Autor in der Gruppe, der 23-jährige Anton Beck, widmete sein Werk der Klimakrise, welche er wichtiger als die gerade omnipräsente Pandemie einstuft. Der Triesenberger zeigte Aktivistin Greta Thunberg von einer anderen Seite, als sie in den Medien dargestellt wird. Als Mädchen, welche die Sommerferien mit ihrer Freundin vermisst, sich gerne eine Zigarette anzündet und sich nicht darum Sorgen möchte, was sie auf Instagram postet. «Ich finde es lächerlich, dass mir diese Entscheidung aufgedrängt wird, während die Welt zu Brüche geht», steigt ihr die Verantwortung zu Kopf. Zum Schluss las Armin Öhri aus einem Projekt, das momentan noch den Arbeitstitel «Unsocial Media» trägt. Der Auszug beschäftigte sich mit der Doppelmoral eines Mannes, der eine Luzerner Prostituierte mit ihrem echten Namen im Internet öffentlich blossstellt, seine schlechte Bewertung auf dem Erotikportal aber hinter einem Pseudonym versteckt.  

Autoren erhalten im Land selten eine Gage

In seiner Einleitung betonte Armin Öhri, dass Zahlungen für Autorenlesungen in Liechtenstein alles andere als die Norm seien. Insofern bedankte er sich für die gute Zusammenarbeit mit dem TAK, das nicht nur diese Veranstaltung ermöglichte, sondern den sieben Akteuren trotz des freien Eintritts eine Gage zahlte. Jan Sellke startete sogar einen Aufruf zu «Trinkgeld». «Hoffentlich stellt dieser Tag eine Zäsur dar», wünschte sich der Präsident der IG Wort. Auch wenn die Kunst nicht systemrelevant ist: Dass eine einheimisch verwurzelte Literatur bereichert, bewies der gebotene Abend allemal. (gk)

14. Jun 2020 / 18:36
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