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«Bloss keine Zeit verschwenden!»

Als Präsidentin des neu gegründeten Vereins IG für Kunst und Kultur möchte Katrin Hilbe Kulturschaffenden unter die Arme greifen.
Katrin Hilbe
«Was wir für die Zukunft erreichen wollen, ist eine grundsätzliche Verbesserung der finanziellen und sozialen Absicherung der Kunst- und Kulturschaffenden», so Katrin Hilbe. (Bild: Daniel Schwendener)

Die IG für Kunst und Kultur wurde vergangene Woche gegründet. Was wird nun das erste Projekt sein, das der Verein anpacken möchte?
Katrin Hilbe: Das Allererste wird wohl sein, unseren frischgebackenen Verein ordentlich eintragen zu lassen als hinterlegten Verein und ein Bankkonto zu eröffnen, damit alle Mitglieder auch den Beitrag einzahlen können, über den sie am Donnerstag abgestimmt haben. Als Zweites werden wir uns sicher zur noch offenen Vernehmlassung bezüglich der Auflösung der Zweckbindung der Erträge aus der Landeslotterie unterhalten. Im Weiteren werden wir nun im Vorstand genauer in den Blick nehmen, wie unsere Statuten in konkrete Vorgänge umgesetzt werden. Die erste Sitzung ist darum schon diesen Mittwoch. Bloss keine Zeit verschwenden, wir müssen den Elan der ersten Stunde nutzen!

Welche längerfristigen Ziele hat sich der Verein gesteckt?
Grundsätzlich geht es um Kulturpolitik und Lobbyarbeit, sodass die IG Kunst und Kultur in Zukunft in allen Diskussionen um Kunst und Kultur in Liechtenstein als Ansprechpartner gesehen, einbezogen und auch als Impulsgeber genutzt wird. Wir bieten letztlich eine grosse Ressource an Wissen und Erfahrungen als Kulturwirtschaftende, die man auch als solche in Anspruch nehmen darf.

Was hat Sie motiviert, das Amt der Präsidentin zu übernehmen?
Schon als ich Arno Oehris ersten Entwurf seines Briefes an die Regierung in meiner Inbox hatte, bin ich sofort auf das Grundanliegen angesprungen, und in den folgenden Diskussionen und Treffen habe ich mich fast automatisch eingeklinkt. Ich war selber etwas überrascht von mir, aber es geschah einfach. Als ich dann gefragt wurde, ob ich mir vorstellen könnte, bei diesem neu zu gründenden Verein die Präsidentschaft zu übernehmen, habe ich nicht lange gezögert – schliesslich hatte sich mein Geist ja schon, ohne mich zu fragen, auf diese Arbeit eingelassen. Der zweite Grund war, dass ich ja in New York die Position der Executive Vice President der League of Professional Theatre Women innehabe, eine über 500 Mitglieder zählende IG für weibliche Theaterschaffende, und ich fand, dass die Präsidentschaft in der hiesigen IG Kultur ein wunderbares Pendant sein kann, welches meine beiden Heimaten verbindet. Die Erfahrungen, welche ich in der League die letzten Jahre gemacht habe, werden hoffentlich meine Arbeit hier befruchten und bereichern.

Wie fielen die Rückmeldungen auf diese Gründungsversammlung bislang aus?
Durchwegs positiv. Die Sitzung selbst war schon mit grosser Energie und Zukunft aufgeladen, und seither höre ich nur erfreute Stimmen, dass wir Kunst- und Kulturschaffenden uns endlich organisieren und unsere Stimme erheben wollen.

Warum glauben Sie, ist die Kultur in Liechtenstein zu wenig sichtbar?
Kultur ist an sich nicht zu wenig sichtbar. Es gibt unglaublich viele Ausstellungen, Konzerte, Theater, Filmangebote. Was fehlt ist ein Bewusstsein, dass Kultur ein relevanter Gesellschaftsfaktor, ein Demokratie­faktor, ein Wirtschaftsfaktor, und letztlich ein Identitäts­faktor ist. Was haben wir denn alle gemacht, als wir zu Hause sassen im Lockdown? Ferngesehen, Musik gehört, gelesen, Livestreams auf dem Computer reingezogen. Wie wäre denn unsere Welt, wenn es denn all das nicht mehr gäbe? Aber daran wird nicht gedacht. Es ist einfach selbstverständlich da. Und das beileibe nicht nur in Liechtenstein.

Welche konkreten Wünsche werden an die Regierung gestellt, gerade auch in finanzieller Hinsicht? 
Der Ausgangspunkt für unsere kreative «Zusammenrottung» war ja, dass viele Einzelkünstlerinnen und -künstler durch das Raster der Hilfsleistungen während der Coronazeit gefallen sind. Das war der erste Faden, an dem wir gezogen haben und bei dem sich nun endlich, fünf Monate nach unserem ersten Aufruf, eine konstruktive Lösung abzeichnet. Was wir für die Zukunft erreichen wollen, ist eine grundsätzliche Verbesserung der finanziellen und sozialen Absicherung der Kunst- und Kulturschaffenden. In Deutschland gibt es zum Beispiel die Künstlersozialkasse – eine Gesundheitsvorsorge, welche zugeschnitten ist auf die Bedürfnisse und Arbeitsbedingungen von freischaffenden Künstlern. So etwas könnte man ruhig auch andenken.

Sie pendeln nach wie vor zwischen Liechtenstein und New York. Haben dort Kulturschaffende ebenso mit zu geringem Stellenwert in der Gesellschaft zu kämpfen?
Es ist insofern ähnlich, als in den USA der Staat sehr wenig öffentliche Fördermittel für die Kultur zur Verfügung stellt – im Vergleich zu den europäischen Staaten, welche einen Kulturauftrag im Grundgesetz führen. Der «National Endowment for the Arts» war in den Achtzigerjahren eine Quelle, die immerhin noch einiges ausschütten konnte. Doch mit jeder budge­tären Kürzung kommt die Kultur genauso wie Erziehung und Sozialdienste immer als Erstes unter den Hammer. Was ebenfalls ähnlich ist: «Wert» wird mit Geldwert gleichgesetzt. Wer viel verkauft, verdient, umsetzt, gilt viel. Dass es noch an-
dere «Währungen» der Wertschöpfung gibt, wie Schönheit, Sinnstiftung, Denkanstösse, Reflexion, kreative Beunruhigungen, Fantasieimpulse und -anstösse, muss sich immer rechtfertigen, wenn es nichts einbringt.

Könnte in Liechtenstein auch die Kleinheit eine Rolle spielen beziehungsweise ein gewisser Neid?
Neid ist eine menschliche Konstante. In unserem kleinen Land kann man allenfalls die Neider besser verorten und gegebenenfalls einfacher zum Gespräch bitten.

Wie optimistisch sind Sie, dass die Ziele des Vereins auch erreicht werden können? 
Ohne Optimismus hätte es gar keinen Sinn, ein so ambitioniertes Unterfangen anzugehen. Wird alles einfach? Sicher nicht. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. 

Interview: Bettina Stahl-Frick

 

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