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"Wie es aussieht, bleibt es harzig"

Im Interview spricht Walter Hagen, Präsident des LHGV, über die Hotellerie und Gastronomie nach Corona und wohin sich die Branche in Zukunft bewegt.
Stephanie Fleisch
Stephanie Fleisch
(Bild: Tatjana Schnalzger)

Ein turbulenter Sommer liegt hinter uns. Herr Hagen, wie geht es der Liechtensteiner Hotellerie bzw. Gastronomie?
Walter Hagen: Der Lockdown ist vorbei, die Sommersaison auch … Um die Frage richtig zu beantworten, muss man zwischen der Hotel-
lerie und Gastronomie unterscheiden, ebenso wie zwischen dem Tal- und dem Alpgebiet. In der Höhe haben sowohl das Hotel- als auch das Gastronomiegewerbe eine eher gute Saison gehabt. Im Tal hatten die Hotels dafür das Nachsehen. Wobei es auch hier Übernachtungen gab, wenn im Alpgebiet die Betten belegt waren. Ausserdem hat sich der Liechtenstein-Weg im Tal positiv bemerkbar gemacht. Während der ganzen Zeit hat Liechtenstein Marketing, das muss man sagen, einen sehr guten Job gemacht. Es waren viele Schweizer hier, welche die Empfehlung «stay at home» befolgt und im Inland ihre Ferien verbracht haben. Auch Feriengäste, die in Vorarlberg Urlaub machten, haben wir vermehrt verzeichnet.

So mancher hat in diesem Sommer das Wandern für sich entdeckt …
Es scheint so, ja. Aber auch wenn kein Wanderwetter war, kamen viele Ausflügler, die in Hotels und Ferienwohnungen im umliegendem Alpgebiet Ferien gemacht haben, nach Vaduz und ins Talgebiet. Die Zahl der Museumsbesucher hat sich erhöht und auch die Gastronomiebetriebe waren gut besucht. Das hat man vielleicht nicht so deutlich gemerkt. In der Regel gehen die Einheimischen ja zwischen 12 und 13 Uhr Mittagessen, während die Feriengäste später Frühstücken und erst um 14 oder 15 Uhr wieder hungrig werden. In dieser Hinsicht hat sich alles gut verteilt. 

Wie lautet Ihre Prognose für die Herbst- bzw. Wintersaison?
Aus meiner Sicht erwartet uns eine schwierige Phase, von der wir noch nicht abschätzen können, wie es laufen wird. Wenn es kühler wird, fallen die Terrassenplätze weg. Auch im Innenbereich gibt es aufgrund des einzuhaltenden Sicherheitsabstands vielerorts weniger Sitzplätze als sonst. Dann kommt es darauf an, wie sich die Lage mit den Veranstaltungen weiterentwickelt. Wie es aussieht, bleibt es harzig. Klar, die Gastgeber wollen kein Risiko eingehen. Gerade wenn es um Geschäfts-
einladungen geht, bleibt man vorsichtig. Private Veranstaltungen wie zum Beispiel Geburtstage oder Hochzeiten sind weniger ein Problem. 

Wie sieht es mit den Weihnachtsfeiern aus? Diese stellen für viele Gastronomen einen Teil des Kerngeschäfts dar – vor allem im Tal.
Wir hoffen, dass zumindest kleinere Feiern stattfinden. Ich kann an dieser Stelle nur von mir sprechen. Und da muss ich leider sagen, dass bereits alle grossen Feiern abgesagt wurden, die im vergangenen Jahr bereits gebucht wurden. Wenn ich die Buchungen bis zum Jahresende vom vergangenen Jahr mit 2020 vergleiche, sieht es nicht rosig aus: Wir hatten 2019 über 60 Veranstaltungen und Anlässe. In diesem Jahr sind es drei – und bei diesen ist es nicht einmal sicher, ob sie stattfinden.

Das sind düstere Aussichten fürs Tal. Wie sieht es im Alpgebiet aus? Kann man da auf eine Saison «über der Nebelgrenze» hoffen?
Da müssen wir den Winter abwarten. Die Saison hängt ja auch immer stark von den Wetter- bzw. Schneeverhältnissen ab. Allerdings hat Malbun sicher keinen Ischgl-Effekt. Da fährt man mit den Kindern hinein, um Ski zu fahren, nicht um Party zu machen. Was das betrifft, sind wir positiv gestimmt. 

Trotzdem gab es bereits Lokale, die schliessen mussten.
Ja, das ist so. Bei diesen hat eventuell der Lockdown den entscheidenden Ausschlag gegeben. In den meisten Fällen waren schon vorher Überlegungen da, das Lokal zu schliessen. Die Branche ist nach wie vor herausfordernd. Da stellt sich für jeden früher oder später die Frage, wie lange man das machen will. Auch ich habe zwei Jahre der Selbstfindung gehabt, war aber am Ende überzeugt, dass ich die Arbeit in der Gastronomie bzw. Hotelerie gern mache und noch weiter machen will. Solche «Midlife-Chancen», wie ich es nenne, und auch Krisen wie die Coronapandemie können durchaus eine bestärkende Wirkung haben. 

Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass die Zusammenarbeit mit der Regierung und den Ämtern während und nach dem Lockdown sehr gut funktioniert hat. Ebenfalls machen die Mitarbeiter der Hotellerie und Gastronomie einen grossartigen Job, denn mit allen Schutzmassnamen ist die tägliche Arbeit sehr aufwendig geworden. Auch das Tragen der Masken ist nicht so einfach. Ein grosses Dankeschön.

Sie wurden ja erst kurz vor dem Lockdown zum Präsidenten des Liechtensteiner Hotel- und Gastronomieverbands (LHGV) gewählt …
Ja (lacht). Mit der Annahme der Wahl habe ich mir ungeahnt eine Menge Arbeit aufgehalst. Aber ich mache das sehr gern. Ich bin mittlerweile über 40 Jahre in der Branche. Da sucht man immer wieder nach neuen Herausforderungen. Ich wollte aber kein neues Geschäft aufmachen. Im LHGV kann ich meine Erfahrungen einbringen und der Branche etwas zurückgeben.

Die Branche ist ja, wie Sie vorhin erwähnten, keine einfache.
Als Gastronom wird man immer wieder mit Herausforderungen konfrontiert, das stimmt. Ich habe das Gefühl, es ist wichtig, dass sich die Branche verändert, sich nach vorne bringt und zukunftstauglich macht.

Wie kann das gelingen?
Auf der einen Seite muss sich jedes Lokal und jedes Hotel auf dem Markt selbst positionieren und seine Nische finden. Gerade in einem so kleinen Land wie Liechtenstein ist das eine grosse Herausforderung, die am Ende eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Auf der anderen Seite versuchen wir als Verband unseren Mitgliedern einen Mehrwert zu bieten. Zum Beispiel haben wir eine digitale Geschenkkarte lanciert, die bereits gerne genutzt wird. Ein anderes Projekt ist unsere Porträt-Aktion mit der «Liewo». 

Stimmt, Sie stellen in der «Liewo» regelmässig Mitarbeiter aus den Betrieben in der Region vor …
Man fährt oft an Restaurants und Cafés vorbei, beachtet die Fassaden, hat aber kein Gesicht, keine Person, die dahintersteht. Mit den Porträts wollen wir den Lokalen ein Gesicht geben. 

Wie kommt die Aktion an?
Sehr gut. Tatsächlich haben wir immer 2000 bis 4000 Views auf Facebook und einige Rückmeldungen. 

Was hat der LHGV für die Zukunft geplant?
Aktuell arbeiten wir an zwei grösseren Projekten. Zum einen sind wir dabei, die Hotels im Land neu nach den Richtlinien von Hotelstars Union zu klassifizieren. Das ist eine offizielle Klassifizierung, bei der die Hotels von aktuell knapp 20 Ländern nach denselben Kriterien beurteilt werden. Dies  haben wir 2015 eingeführt und ab 2021 werden alle Hotels für die neue Periode, 2022–2026, nach den neuen Richtlinien geprüft. Dies geschieht nach Punkten. Um ein Beispiel zu nennen: Der Schuhputzservice wird mit immer weniger Punkten bewertet. Die Möglichkeit, E-Bikes oder Elektroautos zu laden, wird dafür immer höher gewertet. 

Daneben spielen die Bewertungen der Gäste eine immer grössere Rolle. Früher hat man versucht, eine möglichst hohe Punktzahl zu erreichen, um mehr Sterne zu bekommen. Heute muss man sich genau überlegen, wo man sich positionieren will. Die Ansprüche der Gäste an ein 4-Sterne-Hotel sind höher. Werden diese nicht erfüllt, fällt die Bewertung schlechter aus. Daher wird mittlerweile lieber tiefgestapelt.

Heutzutage sind wir es gewohnt, alles online bewerten und Angebote vergleichen zu können …
Anders ist man kaum mehr wettbewerbsfähig. Seit vergangenem Jahr können wir auch Ferienwohnungen und -häuser klassifizieren. Dafür gibt es ein eigenes Signet. 

Ist das denn nötig?
Ja. Es dient den Feriengästen nicht nur als Orientierung. Unsere Angebote kann man bei Schweiz Tourismus ansehen und vergleichen. Um da als «Familydestination» aufscheinen zu können, ist eine Klassifikation der Tourismusdestination nötig. Nur so bleiben wir vergleichbar – und damit wettbewerbsfähig.

Welches ist das zweite grosse Projekt, an dem Sie arbeiten?
Wir wollen die Branche komplett neu aufstellen. Man hat zurzeit ein Gefühl von Nachhaltigkeit. Das Wort ist in aller Munde. Wir wollen effektive Nachhaltigkeit in den Betriebe einführen. 

Was heisst das konkret?
Wir sind zum Beispiel mit den Initianten der Greentable-App im Gespräch. Das ist eine Plattform, auf der vegane, vegetarische, regionale sowie Bio-Restaurants und Lieferanten gelistet sind. Gerade in Liechtenstein gibt es viele, die auf regionale Produkte Wert legen. Darauf muss man die Gäste aufmerksam machen. Diese App soll das pushen. Aber auch das Thema Klima- bzw. CO2-Neutralität spielt eine grosse Rolle. Wir streben bis 2035 die Klimaneutralität unserer Branche an. Um die Unternehmen bei der Umsetzung zu ungestützten, braucht es Sponsoren und Partner. Da wollen wir die Branche begleiten und ein Ansprechpartner für unsere Mitglieder werden. 

Auch die Berufsbildung, Weiterbildung und Nachwuchsförderung ist ein  sehr wichtiger Punkt, der uns beschäftigt. Diesen Oktober findet zum ersten Mal ein Lehrlingsausflug aller Hotel- und Gastronomielehrlinge statt, nächstes Jahr planen wir zwei Lehrling-Lerndays.

Das tönt nach viel Arbeit. 
Der LHGV ist natürlich keine One-Man-Show. Wir haben ein tolles Sekreteriat und einen tollen Vorstand. Auch die Zusammenarbeit der Taskforce Corona aus beiden Verbänden hat super funktioniert. Es macht einfach Spass, mit einem solchen Team in die Zukunft zu schauen.

Nebenher läuft ja auch noch die Fusion mit der Sektion Gastro-nomie der Wirtschaftskammer. Gibt es da schon eine Einigung?
Eine Fusion beider Verbände ist natürlich ein Herzenswunsch von mir. Über die Details werden wir aber zum gegebenen Zeitpunkt gemeinsam informieren. (sms)

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