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«Wahnsinnsnächte» dieses Jahr zum letzten Mal

Das Kulturfestival wird nicht weitergeführt. Initiator Matthias Brüstle blickt im Interview darauf zurück, was sich in 15 Jahren getan hat.
Matthias Brüstle, Initiator der Wahnsinnsnächte.
Matthias Brüstle, Initiator der Wahnsinnsnächte. (Bild: Daniel Schwendener)

Herr Brüstle, dieses Jahr wird es die Wahnsinnsnächte zum letzten Mal geben. Was war der Grund, das kleine, aber feine Kulturfestival zu beenden?
Matthias Brüstle: Da gibt es mehrere Gründe: Der erste ist, dass dieses Format mittlerweile abgearbeitet ist, vielleicht auch nicht mehr so aufsehenerregend wie zu Beginn. Der zweite, dass viele Partnerinnen und Partner mittlerweile selbst Veranstaltungen im Sinne der psychischen Gesundheit produzieren – was mich im Übrigen sehr freut; und damit zusammenhängend auch, dass die Finanzierung nicht mehr so einfach ist wie am Anfang. Und wenn die Werbung – der teuerste Teil so eines Festivals – nicht mehr ausreichend möglich ist, erreicht es auch die potenziellen Gäste nur mehr im gewünschten Masse.

Vor 15 Jahren waren Sie es, der die Wahnsinnsnächte initiierte. Was gab damals den Anstoss dazu?
Damals war ich noch als Geschäftsführer eines privaten Sozialhilfeträgers tätig. Wir wurden mit der politischen Auflage konfrontiert, die Behandlung unserer Klienten zu verdichten, sprich zu beschleunigen. Das ist im Bereich der Sozialpsychiatrie natürlich nur bedingt möglich. Aus diesem Grund, und weil dieser Auftrag öffentlich wurde, veranstalteten wir ein Symposium mit dem Titel «Die Wiederentdeckung der Langsamkeit». Die 200 Tickets waren innerhalb weniger Tage vergriffen. Und die Resonanz darauf war unglaublich gut. So entschlossen wir uns, im Sinne des Lobbyings für psychische Gesundheit, ein anderes Format zu kreieren, das dem Bedürfnis nach Information zu «Psy»-Themen entgegenkommt. 

Und dieses Format waren dann die Wahnsinnsnächte ...
Richtig. Und wir wollten dieses an sich schwer zu «verkaufende» Thema mit Mitteln der Kunst verbreiten. Zunächst haben wir uns mit dem Filmclub im Takino auf Filme beschränkt und zunehmend aber weitere Darstellungsmöglichkeiten dazugenommen. Das waren Gespräche mit Schauspielern und Regisseuren, (szenische) Lesungen, Bühnenstücke, Konzerte, Ausstellungen, aber auch Vorträge und Seminare an ungewöhnlichen Orten: in der Psychiatrie, auf der Strasse und eben auch in Theatern.

Welche Ziele wollten Sie erreichen?
Es ist eine bekannte Erkenntnis aus der psychiatrischen Arbeit: Ist Wissen vorhanden, schwindet die Angst. Psychische Erkrankungen sind – getragen von und gefördert durch Film und Literatur – oft mit dem Nimbus des Unheimlichen, Unberechenbaren behaftet. Durch Vermittlung von Erklärungen und Werkzeugen zur Früherkennung, durch Darstellung von Behandlungsoptionen und durch Anleitungen für den Umgang mit Erkrankten und deren Umfeld kann zivilgesellschaftliche Kompetenz gestärkt und Prävention gefördert werden.

Und ist die Rechnung aufgegangen?
In aller Bescheidenheit: Ich denke schon, dass die Wahnsinnsnächte einen kleinen Beitrag dazu leisten konnten, stigmatisierte Themen salonfähig zu machen. Allein durch den Umstand, dass ich mich beim Besuch eines Theaterstücks nicht als betroffene Person, als Angehöriger oder als «Ehemaliger» outen muss, sondern als Gast eines kulturellen Events an die Wahnsinnsnächte komme, macht den Zugang sehr niederschwellig. Und ich bin schon ein wenig stolz darauf, dass grosse Kampagnen oder Initiativen wie das Liechtensteiner Bündnis gegen Depression, das Ostschweizer Forum für Psychische Gesundheit und Demenz Liechtenstein im Rahmen der Wahnsinnsnächte ihr «Rollout» hatten. Und nicht zuletzt wurde ein Stück, das bei uns die deutschsprachige Premiere erlebte, 2018 zur weltbesten One-Man-Show am United Solo Festival in New York gekürt.

Was hat sich in punktoVerständnis für psychische Erkrankungen in den vergangenen 15 Jahren getan?
Das müsste man direkt beispielsweise einzelne der rund 10 000 Gäste fragen; ich persönlich habe den Eindruck, dass die Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen insofern milder geworden ist, als wir versucht haben, verschiedene psychische Befindlichkeiten als Normalität darzustellen. Im Rahmen der Wahnsinnsnächte sind auch bekannte Persönlichkeiten aufgetreten, die über ihren persönlichen Krankheitsverlauf berichtet haben, damit aus dem nicht Fassbaren ein konkretes, menschliches Bild wurde.

Von einem Tabu kann nicht mehr die Rede sein?
So würde ich das nicht sagen. Psychische Erkrankungen sind nach wie vor keine Sache, über die man gerne redet. Allenfalls hat sich einiges verlagert; die Depression als Krankheit der «Schwachen» hat vom Burnout als «hart erarbeitet» gesellschaftlich profitiert; die Behandlung des letzteren ist ja auch förmlich ein profitabler Markt geworden. Und vor 15 Jahren war demenzielles Geschehen noch nicht wirklich gesellschaftlich bedeutsam; Es ist heutzutage aber in der Wahrnehmung aller Altersklassen angekommen. Der Umgang mit Menschen mit Demenz ist nach wie vor sehr stark tabuisiert.

Was muss die Gesellschaft dahingehend noch lernen?
Ich möchte keinen Zeigefinger erheben, was es noch zu tun gilt. Worin es sicher noch viel Luft nach oben gibt, ist das achtsame Erkennen von eigenen oder fremden Belastungen, die unsere Seele malträtieren können. Die dem Streben nach Profit geschuldete Geschwindigkeit des freien Marktes, die auch wahrscheinlich durch die insgesamt gesellschaftliche Ungeduld mit zustande kommt, die zunehmende «hire and fire»-Haltung in Unternehmen und das versteckte Sucht- und Überforderungspotential der neuen Medien sind nur drei Beispiele, die jede und jeden von uns in irgendeiner Weise betreffen. Da gilt es, Phasen der Reflexion und der Ruhe einzubauen und ein menschengerechtes und sozial verträgliches Mass zu finden.

Denken Sie schon an konkrete Projekte, die auf die Wahnsinnsnächte folgen werden?
An Ideen mangelt es nicht (lacht). Aber auch für mich gilt, dass ich jetzt einmal innehalten werde und dann entscheiden, was mir persönlich gut tut ... (bfs)

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