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Von den Tücken des blauen Passes

Das Reisen mit einem Liechtensteiner Pass birgt einige Tücken und bringt lange Wartezeiten mit sich. Vor allem aber viel Erzählstoff.
Reisepass Fürstentum Liechtenstein
Ein Liechtensteiner Reisepass bringt nicht nur Vorteile mit sich. (Bild: Daniel Schwendener)

Die Liechtensteiner sind ein reisefreudiges Volk. Jedes Jahr zieht es viele von ihnen in die Ferne. Gerade in der Sommerzeit genügt ein Blick in die sozialen Medien und schon kann man seine Freunde auf einer bunten Bilderreise um die halbe Welt begleiten. Nun ja, zumindest war das so. In Zeiten einer globalen Pandemie muss man wohl oder übel Verzicht üben und die Weltenbummler-Aspirationen etwas zurückschrauben. Das ist wahrscheinlich auch angenehmer, als sich für Stunden mit einer Maske in einen bis auf den letzten Platz besetzten Ferienflieger zu quetschen und sich bei jedem vernehmbaren Huster weiter in den Sitz zu verkriechen. Dazu kommt dann das Zittern, ob man nach der Reise nicht noch eine Heimquarantäne antreten muss und folglich schon wieder genug von seinen eigenen vier Wänden hat.

Liechtensteiner Reisende mit vielen Anekdoten 
In solch ausserordentlichen Zeiten beginnt man, Vergangenes erst so richtig zu schätzen. Das waren noch Zeiten, als die einzige Hürde auf Reisen daraus bestand, dem sichtlich verwirrten Beamten am Flughafen ein wenig Nachhilfe in Geografie zu geben und ihm zu erklären, dass der blaue Pass nicht aus der «Here&Now»-Version von Monopoly stammt. 
Damit das Gefühl des Verreisens diesen Sommer nicht ganz in Vergessenheit gerät, folgen einige Anekdoten von Liechtensteiner Reiesenden aus aller Welt. Vielleicht kommt einem die eine oder andere ja bekannt vor.

Frankreich: Amédée Vogt
Ich fuhr in einem Flixbus von Lyon nach Strassburg. Der gesamte Bus wurde von der französischen Polizei einer Kontrolle unterzogen. Bei den übrigen Fahrgästen ging die Überprüfung der Dokumente ziemlich schnell über die Bühne. Nur bei mir haben sie sich zusammengetan und sich über meine ID beraten. Dies dauerte so lange, dass ich mir schon Sorgen machte, ob ich meine Reise fortsetzen kann. Nach einigen bangen Minuten bekam ich meine ID zurück und wir konnten glücklicherweise weiterfahren. Somit konnte ich der Einladung zu einer Hochzeit plangemäss folgen.

Serbien: Jenny Lampert
Am Belgrader Flughafen wurde ich vom Mann am Schalter nur verdutzt angeschaut, als ich ihm meine ID gab. Er fragte mich, ob das Land auch wirklich existieren würde. Ich erläuterte ihm dann, dass das Land sehr wohl existiert und zwischen der Schweiz und Österreich liegt. Daraufhin begann er lauthals zu lachen, zeigte meinen Ausweis all seinen Mitarbeitern und hielt somit die ganze Kontrolle auf. Schlussendlich wünschte er mir, immer noch lachend, viel Spass in Serbien und liess mich einreisen. Bei einer weiteren Einreise nach Serbien, diesmal mit dem Auto, fragte uns der Grenzbeamte, ob wir denn aus Florida stammen würden.

Kuba und Korea: Lea Sele
Auf Kuba wurde mir vorgeworfen, dass es Liechtenstein nicht gibt und ich mit einem gefälschten Pass unterwegs sei. Da die Frau nur Spanisch sprach, wurde zuerst einmal der gesamte Flughafen durchgefunkt. Nach einer Weile fand man dann einen Mitarbeiter, der sich der Existenz Liechtensteins bewusst war und bestätigte, dass der Pass nicht zwingend gefälscht sei. Bei der Ausreise aus Korea sagte mir der Mann am Schalter, dass er nun wirklich alles gesehen habe und beruhigt den Ruhestand antreten könne.

Indien: Max Gross
Flughafen in Bombay, heute Mumbai, anfang der 90er-Jahre. Ich war der Letzte in der Schlange des letzten ankommenden Fluges. Somit kümmerten sich acht Beamte und ihr Vorgesetzter um mich. Der Vorgesetzte zog sogleich ein kleines Buch aus der Tasche, in dem alle Staaten der Welt vermerkt waren. Dumm nur, dass das Buch ziemlich veraltet war. Zu Liechtenstein stand darin: Einwohnerzahl 5800, bedeutendster Erwerbszweig ist die Baumwollindustrie. Die Frage, ob auch ich mein Geld mit Baumwolle verdienen würde, bejahte ich einfach und sagte, dass ich dort als Buchhalter für eine Plantage arbeiten würde. Jegliche Belehrung über die eigentliche Situation in Liechtenstein hätte mich wahrscheinlich um meine Reise gebracht. Folglich wurde abgestimmt, ob ich ins Land einreisen dürfe. Beim stand von 4 zu 4 entschied sich der Vorgesetzte zu meinen Gunsten und ich durfte gehen. 

Kanada: Daniela Frommelt
Der kanadische Zollbeamte war sichtlich begeistert, als ich ihm den Pass übergab. Ich hingegen war sichtlich überrascht, dass er das Land Liechtenstein überhaupt kannte. Daraufhin sagte er mir, dass von uns ja diese ganzen Hilti-Werkzeuge stammen und er ebendiese auch zu Hause habe. Er hatte eine Riesenfreude an mir und ich folglich natürlich auch.

Thailand: Rose Kranz
Immer wenn ich aus Thailand zurückfliegen will, kommen Fragen wie «Wo ist das?» oder «Gibt’s das wirklich?». Glauben tun sie es einem eh nicht und verschwinden dann für 15 bis 20 Minuten. Bei ihrer Rückkehr scheinen sie immer noch nicht schlauer zu sein und löchern einen weiter mit Fragen. Einmal hat mich das ganze Prozedere fast meinen Flug gekostet. In Krankenhäusern wird man auch anders behandelt. Ich wurde mit Übelkeitsbeschwerden direkt in die Röhre geschoben und komplett durchgecheckt. Völlig übertrieben. Und das eigentlich ohne Wartezeit. Die lokale Bevölkerung muss meist ein bis zwei Stunden warten, um überhaupt einen Arzt sprechen zu können. 

Mauritius: Marcel Wehinger
Meiner Mutter wurde auf Mauritius unterstellt, dass ihr Pass gefälscht sei und das Land nicht existiere. Auf das Argument meiner Mutter, dass sie wohl eher den Pass eines existierenden Staates fälschen würde, wussten auch die Beamten keine Antwort mehr und liessen sie passieren.

Marokko: Laura Kerber
Bei der Einreise wurde meine ganze Familie für eine halbe Stunde aufgehalten. Die Beamten sagten, dass sie das Land im System nicht finden könnten und es somit nicht existiere. Beide Seiten beharrten darauf, dass sie recht hätten und wurden zunehmend genervter. Im Endeffekt wurde klar, dass es aufgrund der fehlenden Kenntnis über die Existenz unseres Fürstentums auch an der Rechtschreibung des Namens Liechtenstein haperte. Nach der Korrektur von «Lichtenstein» zu «Liechtenstein» erfüllte das System auch seinen Zweck und gab uns recht. 

Griechenland: Philipp Schurti
Taxifahrer in Griechenland reden gerne – ich glaube, das tun sie alle. Die Frage «Where are you from?» kriegt glaube ich jeder gestellt. Nach einigen Besuchen in Griechenland habe ich mich dazu entschieden, mich als Schweizer auszugeben. So hält man das Gespräch kurz, wird nicht schief angeschaut und muss nicht immer Nachhilfeunterricht geben.

Argentinien: Julia Kaufmann
Meine Freunde aus Deutschland und ich wollten in Buenos Aires die Fähre nach Uruguay besteigen. Die Passkontrolle war für sie kein Problem. Doch als ich als Letzte der Gruppe meinen Pass vorwies, wollte ihn mir die Frau am Kontrollschalter nicht mehr aushändigen und beschuldigte mich der Dokumentenfälschung. Anhand einer Landkarte versuchte sie dann, Liechtenstein zu finden, was zugegebenermassen nicht gerade einfach ist. Auch das reichte nicht aus, um sie davon zu überzeugen, dass es das Land wirklich gibt. Der Vorgesetzte wurde hinzugeholt. Schlussendlich konnte ich die beiden davon überzeugen, eine Google-Suche vorzunehmen, wobei sie dann auf den Wikipedia-Artikel über Liechtenstein gestossen sind. Glücklicherweise reichte dies dann aus. Sie liessen mich wenige Minuten vor der Abahrt noch auf die Fähre.

Ukraine: Timo Banzer
Auf meiner Reise nach Beregszász musste ich bei der Hin- sowie Rückreise mit diplomatischer Begleitung über den Zoll. Auf dem Hinweg fuhren wir mit dem Auto. Dank meiner Begleitung dauerte dies bei uns nur eine gute Stunde. Ich habe von Gruppen gehört, die bis zu 14 Stunden für die Kontrolle brauchten, da die Beamten jeden Millimeter eines Autos überprüfen, bevor die Erlaubnis zur Weiterfahrt erteilt wird. Um auf dem Rückweg Zeit zu sparen, machten wir uns zu Fuss auf den Weg über den Zoll. Jedoch macht es hinsichtlich des Passes keinen Unterschied, welche Methode man wählt. Die Beamten waren immer gleichermassen überrascht. Sie scannten meinen Pass immer mehrfach, löcherten mich mit Fragen über meine Herkunft und gaben mir zu verstehen, dass ich der Erste meiner Art war, den sie je zu Gesicht bekommen hätten. So etwas habe er in über 20 Jahren Berufserfahrung noch nicht gesehen, sagte einer von ihnen. Der Zoll dort funktoniert jedenfalls ein wenig anders als bei uns. Eine lehrreiche Erfahrung war es allemal. 

Unbekannt, jedoch interessant.
So mühsam die Einreise in ein fremdes Land manchmal auch sein mag, wirklich übel nehmen kann man es den Beamten vor Ort nicht. Auf die Frage, wofür Namen wie «Tuvalu», «Nauru» oder «Palau» stehen, hätten viele von uns wahrscheinlich auch keine konkrete Antwort parat. Nichtsdestotrotz hat das Reisen mit dem blauen 
Pass auch seine schönen Seiten. Vorurteilen oder einer negativen Haltung gegenüber dem Heimatland wird man wahrscheinlich weniger oft begegnen. Zudem ist unsere Herkunft ein äusserst guter Gesprächsstarter. Auf die Beantwortung der Standardfrage «Where are you from?» folgt meist mehr als nur ein müdes Lächeln und ein «Aha, ja kenn ich.» Für kommunikative, weltoffene Menschen ein grosser Vorteil. 
Die Liechtensteiner tragen einen sehr speziellen Pass mit sich, eine «Special Edition» unter den Reisedokumenten sozusagen. Bleibt zu hoffen, dass man ihn nächstes Jahr wieder ausgiebig und sorgenfrei benutzen wird können. (ng)

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