In den Bergen zwischen Sternenhimmel und Morgengold unterwegs
Mit jedem Höhenmeter wird es ruhiger. Das Stimmengewirr bleibt im Tal zurück. Stattdessen übernehmen Murmeltiere, Kuhglocken und der Wind die Regie. Hinter jeder Wegbiegung öffnet sich ein neues Panorama. Von Malbun führt uns der Weg über das Sareiserjoch Richtung Augstenberg.
Plötzlich verlässt Daniel den Wanderweg. «Ich kenne da einen Fotospot.» Ein paar Minuten später stehen wir vor einer markanten Felsformation. Zwei grosse Öffnungen im Gestein geben den Blick auf die Bergwelt frei – wie ein natürlicher Bilderrahmen. Einer dieser Orte, die auf keiner Wanderkarte eingezeichnet sind und gerade deshalb in Erinnerung bleiben. Immer wieder durchbricht das helle Pfeifen der Murmeltiere die Stille. Meist hört man sie lange, bevor zwischen den Steinen ein kleiner Kopf auftaucht.
Wenig später stehen wir auf dem 2358 Meter hohen Augstenberg. Der Wind streicht über den Grat, der Blick reicht weit über das Rätikon. Einer dieser Gipfel, auf denen man automatisch länger verweilt als geplant. Am liebsten würden wir noch länger bleiben. Doch unser Tagesziel wartet.
Eine Übernachtung mit Fremden
Kurz vor 15 Uhr erreichen wir die Pfälzerhütte auf 2108 Metern. Mehr als 70 Menschen werden diese Nacht hier oben verbringen – die jüngsten gerade einmal 14 Monate alt. Familien, Berggänger und Freundesgruppen: Für eine Nacht wird die Pfälzerhütte zu einer kleinen Gemeinschaft. Unser Schlafplatz befindet sich im Massenlager, das wir uns mit sechs Menschen teilen, die wir bis dahin noch nie gesehen haben.

Weil die Hütte bis auf den letzten Platz ausgebucht ist und das Wetter mitspielt, wird das Abendessen auf der Terrasse serviert. Lauchcrèmesuppe, Pasta mit Gemüsesauce und zum Dessert Zwetschgen-Bröselkuchen. Anschliessend machen Daniel und ich uns noch einmal auf den Weg. Auf das Abendrot warten wir zwar vergeblich – die Sonne verschwindet hinter den Wolken.
Während Daniel trotzdem nach dem besten Blickwinkel sucht und mich bittet, auf eine kleine Anhöhe zu steigen, bleibt mein Blick plötzlich am Boden hängen. Edelweiss. Nicht nur eines. Gleich mehrere. Vor uns ziehen sich moosgrüne Hügel und schroffe Felsen bis zum Horizont. Die Landschaft wirkt beinahe unwirklich. «Wie im Hobbitland», sage ich. Daniel folgt mir auf die kleine Anhöhe, schaut sich um und nickt. Wir sind uns einig:
«Wir leben definitiv im Paradies.»
Wenn die Berge noch schlafen...
Die Nacht im Massenlager verläuft weniger idyllisch. Es wird geschnarcht, mit den Zähnen geknirscht und unruhig hin und her gedreht. Irgendwann ruft jemand laut «No, no!» im Schlaf. Erholsam ist anders. Umso schöner ist der Moment, als wir kurz nach vier Uhr vor die Tür treten. Die Berge gehören jetzt noch der Nacht. Über uns funkelt ein Sternenhimmel, wie man ihn im Tal kaum mehr erlebt. Vor uns verliert sich der schmale Bergweg im Schein unserer Stirnlampen. Mit jedem Schritt wird das Gelände felsiger.
Plötzlich bleiben wir stehen. Zwei leuchtende Augen durchbrechen die Dunkelheit. Für einen kurzen Moment scheint das Tier uns zu beobachten, dann ist es blitzschnell wieder verschwunden. Was es war, bleibt ein Rätsel. Wenig später kriecht ein schwarzer Alpensalamander über den Weg.
Dann bleibt Daniel abrupt stehen. «Schau mal.» Zunächst erkenne ich nur mehrere Augenpaare. Langsam hebt die Morgendämmerung die Konturen aus der Dunkelheit: Steinböcke. Eine ganze Gruppe steht nur wenige Meter entfernt im steilen Gelände und beobachtet uns. Was für ein Anblick. Niemand bewegt sich. Für einen Augenblick scheint die Zeit stillzustehen.

Die letzten Höhenmeter verlangen nochmals Konzentration. Kurz nach fünf Uhr erreichen wir den 2570 Meter hohen Naafkopf. Zu unserer Überraschung sind wir nicht die Ersten. Ein Ehepaar aus Österreich hat die Nacht in Schlafsäcken direkt auf dem Gipfel verbracht. «Das machen wir, wenn möglich, einmal im Jahr», erzählen die beiden. Jedes Mal suchen sie sich dafür einen anderen Berg aus.
Während wir auf die ersten Sonnenstrahlen warten, entdeckt Daniel unterhalb des Gipfels erneut mehrere Steinböcke. Ob es dieselben Tiere sind wie beim Aufstieg, wissen wir nicht. Für den Fotografen gibt es jedenfalls kein Halten mehr. Konzentriert hält er die Tiere im ersten Morgenlicht fest, bevor er sich rechtzeitig wieder beim Gipfelkreuz positioniert.
Dann passiert genau das, worauf wir gewartet haben. Der Horizont färbt sich langsam rosa. Wenig später folgen Orange- und Goldtöne. Fast unbemerkt schiebt sich die Sonne über die Gipfel und taucht die Bergwelt in ein warmes Licht. Niemand sagt etwas. Muss man auch nicht. Der Moment spricht für sich. Auf dem Rückweg legen wir noch einmal einen kurzen Halt bei den Edelweiss ein, denn mit der aufgehenden Sonne wirken sie noch schöner als am Abend zuvor.

Wenn aus einer Wanderung eine Erinnerung wird

Zurück auf der Pfälzerhütte wartet bereits das Frühstück. Während die Gäste den Morgen auf der Terrasse geniessen, läuft hinter den Kulissen längst alles auf Hochtouren. Abwaschen, Zimmer reinigen, Lebensmittel organisieren und das Essen vorbereiten – auf einer Berghütte gibt es immer etwas zu tun. Stefanie Ritter und Sophia Sandkühler führen die Pfälzerhütte bereits in ihrer zweiten Saison. «Sie läuft hervorragend», erzählen die Freundinnen. Das schöne Wetter habe viele Gäste in die Berge gelockt, die Hütte sei oft bis auf den letzten Platz ausgebucht.
Gleichzeitig bringe der Sommer auch Herausforderungen mit sich. Wasser sei knapp, freie Tage selten. Trotzdem spürt man schnell: Die beiden sind mit Herzblut dabei und haben ihren Platz hier oben gefunden.
Schliesslich schultern wir unsere Rucksäcke ein letztes Mal. Beim Rückweg durchs Vaduzer Täli begleiten uns erneut pfeifende Murmeltiere. Diesmal zeigen sich sogar einige Jungtiere, die neugierig hervorlugen, bevor sie im Nu in ihrem Bau verschwinden. Immer wieder drehen wir uns um. Hinauf zur Pfälzerhütte. Hinüber zum Naafkopf. Kaum zu glauben, dass wir erst vor wenigen Stunden dort oben standen.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben





















































































Kleines Vademecum für Kommentarschreiber
Wie ein Kommentar veröffentlicht wird – und warum nicht.
Wir halten dafür: Wer sich an den gedeckten Tisch setzt, hat sich zu benehmen. Selbstverständlich darf an der gebotenen Kost gemäkelt und rumgestochert werden. Aber keinesfalls gerülpst oder gefurzt.
Der Gastgeber bestimmt, was für ihn die Anstandsregeln sind, und ab wo sie überschritten werden. Das hat überhaupt nichts mit Zensur zu tun; jedem Kommentarschreiber ist es freigestellt, seine Meinung auf seinem eigenen Blog zu veröffentlichen.
Jeder Artikel, der auf vaterland.li erscheint, ist namentlich gezeichnet. Deshalb werden wir zukünftig die Verwendung von Pseudonymen – ausser, es liegen triftige Gründe vor – nicht mehr dulden.
Kommentare, die sich nicht an diese Regeln halten, werden gelöscht. Darüber wird keine Korrespondenz geführt. Wiederholungstäter werden auf die Blacklist gesetzt; weitere Kommentare von ihnen wandern direkt in den Papierkorb.
Es ist vor allem im Internet so, dass zu grosse Freiheit und der Schutz durch Anonymität leider nicht allen guttut. Deshalb müssen Massnahmen ergriffen werden, um diejenigen zu schützen, die an einem Austausch von Argumenten oder Meinungen ernsthaft interessiert sind.
Bei der Veröffentlichung hilft ungemein, wenn sich der Kommentar auf den Inhalt des Artikels bezieht, im besten Fall sogar Argumente anführt. Unqualifizierte und allgemeine Pöbeleien werden nicht geduldet. Infights zwischen Kommentarschreibern nur sehr begrenzt.
Damit verhindern wir, dass sich seriöse Kommentatoren abwenden, weil sie nicht im Umfeld einer lautstarken Stammtischrauferei auftauchen möchten.
Wir teilen manchmal hart aus, wir stecken auch problemlos ein. Aber unser Austeilen ist immer argumentativ abgestützt. Das ist auch bei Repliken zu beachten.
Wenn Sie dieses Vademecum nicht beachten, ist das die letzte Warnung. Sollte auch Ihr nächster Kommentar nicht diesen Regeln entsprechen, kommen Sie auf die Blacklist.
Redaktion Vaterland.li
Diese Regeln haben wir mit freundlicher Genehmigung von www.zackbum.ch übernommen.